Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1894)
- Date
- 1894-06-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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902 Bollbart und sein würdevolles sicheres Auftreten lassen errathen, daß er dem jüdischen gelehrten Stande angehöre; der tadellose schöne Anzug, der freie, männlich schöne und von hoher Intelligenz zeugende GestchtSausdruck, weist jede Vermuthung zurück, daß er etwa ein Mitglied der fahrenden Gelehrtenzunst, jenes „höheren Schnorrertums" sei, daS den geistlichen Würdenträger des Ortes um „Geleitsbriefe" zu den Comptoirs der Reichen anbettelt. Er hatte sich ruhig in einen leer stehenden Sessel in der Ecke gesetzt, und während die gelehrte Debatte im Centrum des Zimmers hin und her wogte, betrachtete er die auf den großen Bücherschränken aneinander gereihten Folianten und versuchte neugierig hie und da die Rückentitel derselben zu lesen. Dann flog ein Blick seines seelenvollen tiesschwarzen Auges zu dem im Redeetfer höher sich ausrichtenden Rabbi empor und seltsam — so faseinirend war der Strahl aus den Augen dieses Fremden — daß er den Blick des Vortragenden auf einen Moment an sich zu fesseln wußte. Prüfend ruhte ein Sekunde lang der Blick Rapoports auf den ruhig im Winlel Sitzenden. Diese Sekunde genügte, um von Seite des Lehrenden einen Abschluß der Unterrichtsstunde dadurch herbeizuführen daß er nach einem „Genug Raboßai" in das sichere Fahrwasser der endgiltigen Deciston einlenkte und die entscheidenden Gründe der betreffenden Autoritäten bekannt gab. Damit war die heutige über die gewöhnliche Zeitdauer hinausragende „Schiurstunde" beendigt und das Signal zu der nicht ganz geräuschlosen Verabschiedung der Zuhörer gegeben. Auch der Fremde hatte sich erhoben; aber nicht um mit den anderen Hörern die Lehrstube zu verlassen, sondern um dem Rabbi, dessen fragend forschender Blick auf ihm ruhte, zu nahen, und nach ehrfurchtsvoller Verbeugung an ihn die Worte zu richten: „Hochgeehrter Oberrabbiner, ich komme, um Ihnen persönlich den Dank zu wiederholen, welchen Sie bereits brieflich von mir erhielten. — Ich bin der Sohn jenes Jllanowsky, der voriges Jahr —" „Wie", unterbrach Rapoport den Sprecher und die Röthe freudiger Aufregung überflog sein Antlitz, „Sie wären der Rabbiner —" Der Fremde legte, mit einem Seitenblicke auf die noch im Zimmer weilenden einzelnen Schüler, den Finger an die Lippen und sagte: „Hier will ich incognito bleiben und habe meine Gründe, die mich dazu bestimmen; betrachten Sie mich nur als einen der vielen Bewunderer und Verehrer Ihres erleuchteten Geistes, der Prag, obwohl ich nur tagsüber hier verweilen kann, nicht verlassen. will, ohne Ihnen den Tribut der Verehrung und Dankbarkeit zu zollen." „Seien sie also herzltchft willkommen, mein verehrter Amtsbruder", begrüßte der Rabbi seinen Gast, indem er ihm die Rechte reichte, „ich freue mich unendlich dieser Begegnung, denn ich habe Sie nicht allein nach Ihrem Rufe, sondern auch aus Ihren Briefen, die mir die merkwürdige Geschichte Ihres Lebens und Strebens erzählten, schätzen und lieben gelernt. Sie müssen bet mir verweilen — jedenfalls über Tisch — damit sollen Sie den angeblichen Dank, den Sie mir schulden, bezeugen." Der junge Rabbiner konnte so freundlichem Drängen nicht widerstehen und blieb fast bis zu seiner Abreise bet dem Oberrabbiner. — Er erzählte seinem freundlichen Gastgeber, daß sein Vater, jener vor dem Rabbi zum Judenthume zurückgekehrte Jllanowsky vor wenigen Wochen gestorben sei und daß er es als Pflicht des Sohnes betrachtet hätte an dem Grabhügel desselben, auf dem katholischen Friedhofe bei Zbraslawitz das „Neuueda ueedoua" zu sprechen. Mit inntger Rührung gedachte er ferner, wie er alle jene Stellen wiederbesuchte, zu welchen pietätsvolle Erinnerung an die Kämpfe und Leiden, welche seine edle Mutter, für ihre Kinder und ihren Glauben überstanden, ihn pilgern ließ. Da war die Höhlung auf dem Friedhöfe, die ihnen die erste Zuflucht, während der Verfolgung durch den Vater gewährt hatte — das Kornfeld, in welches sie sich vor dem ihnen Nacheilenden verborgen gehalten — der Waldessaum, den sie erreicht während des Gewitters bei Nacht. — Alles dies besprach und erzählte er in lebendiger und durch Begeisterung verklärte Weise — es war das Epos eines Kampfes für den Glauben einer Familie in Israel!- Dann schieden Beide — der junge Rabbi von dem älteren Lehrer und Freunde! * * * Die Geschichte der neueren Zeit hat auch den Namen des jüngeren Gelehrten dankbar der Nachwelt erhalten; denn auch er ward eine „Leuchte in Israel" und sein späteres segensreiches Wirken als Oberhkrte einer der größten Gemeinden in Oesterreich-Ungarn schwebt noch in der Erinnerung Aller, die ihn kannten und deshalb auch verehrten. Noch heute wird in Roth-Janowitz von dem seltenem Heldenmuthe jener jüdischen Mutter erzählt und werden die Stätten, in denen sie während der denkwürdigen Flucht weilte, gezeigt. Diese Mittheilungen darüber verdankt auch der Schreiber dieses die dem wirklichen Leben entnommenen Episoden in seiner Erzählung.