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Der Israelit · 1894-06-21 · Heft 49 (21.6.1894) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 49 (21.6.1894)
Date
1894-06-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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895 ihrer sind sehr viele, in der Partei festzuhalten, ist es notwendig, daß stch die jüdischen Genossen möglichst von allen offiziellen Aemtern in der Partei fernhalten, um auf diese Werse das Mißtrauen $u beseitigen, als ob die Sozialdemokratie stch in den Händen der Alliance JSraelite befände und zwar so lange (!) stch fern halten, bis es uns gelungen ist. wieder eine eiserne Disziplin in die Mafien zu bringen. Diese Erwägung hat unS auch geleitet, als wir in der Fraktion beschlossen, daß ein Theil der jüdischen Genoffen ihre Mandate nach und nach niederzulegen haben unter glaubhaften Gründen. Nur einige der unentbehrlichsten Parteigenossen werden bleiben. So schwer uns dieser Schritt geworden ist, er war nöthig, wenn die Partei nicht ihrem Untergang entgegengehen sollte. — Nach Bebel nahm Packuscher (Jude, Vertrauensmann im 5. Kreise) das Wort: Der Rücktritt der jüdischen Genossen von den Parteigeschäften werde, so meinte er, verhängnitzvoller sein, als alle Antisemiten der Welt. Die jüdischen Genossen seien die tüchtigsten Männer der Partei. Abg. Singer: Er könne stch den Worten des Vorredners nur voll und ganz anschließen. ES müssen andere Mittel und Wege gefunden werden, die Partei vor dem Geiste zu schützen, der in die Massen eingerissen sei. UebrigenS sei Bebels Schilderung von dem Einfluß der Antisemiten zu schwarz. — Nachdem noch mehrere Redner gesprochen, darunter Auer und Liebknecht im Bebelschen Sinne, dagegen Voigtherr, Tutzauer, Wurm im Sinne Singers, nahm der ebenfalls anwesende sächsische Landtagsabgeordnete Kaden das Wort, um zu konstatiren, daß seit den letzten Reichslagswahlen sich die sächsischen Polizeibehörden früher nicht bekannte unerhörte Uebergriffe erlaubten. Er erinnerte an die Verhaftung des Redakteurs Gradnauer und Genossen und führte das darauf zurück, daß die sächsische Polizei aufgehörte habe, die Sozialdemokratie zu fürchten, seitdem sie die hochgekommene antisemitische Bewegung als Gegengewicht gegen dieselben zu betrachten beginne. Im Uebrigen stellt sich Kaden auf den Standpunkt Singers. Nachdem man beschlossen hatte, diese Angelegenheit kurz nach Schluß des nächsten Parteitages mit sämmtlichen Delegirten nochmals in einer geheimen Versammlung zu berathen, wurde die Sitzung geschlossen." Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 13. Juni. Nulla dies sine linea antisemitica. Kein Tag vergeht, ohne datz sich der „Schandfleck" um eine Linie vergrößert. Das Neueste auf diesem Gebiete gehört allerdings zum Bedauerlichsten. Die nach dem Ringtheater-Brand gegründete „Freiwillige Rettungsgesellschaft" soll jetzt auch mit antisemitischen Tendenzen geleitet werden. So erklärt wenigstens eine Mittheilung, welche eine Anzahl von Medizin-Studenten in den Wiener Zeitungen veröffentlicht. Die Rettungsgesellschaft hat stch vortrefflich bewährt und ist vielfach im Auslande nachgeahmt worden. Gegründet haben sie Graf Lamezan und Dr. Baron Mundy. Erhalten haben sie hauptsächlich jüdisches Geld und jüdische Arbeitskraft. Mit dem Geld stand es dabei freilich nicht immer so günstig, wie mit der Arbeitskraft. Die floß der Rettungsgesellschaft von Anfang an unentgeltlich und in überreichem Maße zu. Die jüdischen Medizin-Studenten waren es, die sich zu dem freiwilligen Sanitätsdienst förmlich drängten. Ihrer werkthätigen Arbeit ist auch der gute Ruf zu verdanken, durch den die Gesellschaft stch einen festen Platz unter den öffentlichen Einrichtungen Wiens erworben hat. Das ging so, so lange der Gründer der Gesellschaft Baron Munndy deren Chefarzt war. Vor Kurzem hat stch dieser alte Herr zurückgezogen; an seine Stelle ist ein Dr. Vagrasst getreten, und der wird nun beschuldigt, daß er in antisemitischer Tendenz die jüdischen Medizin-Studenten, die sich zur aktiven Hilfeleistung erb eten, von der gesellschaftlichen Arbeit wegdränge. Wenn so unter den Subjekten der gesellschaftlichen Thättgkeit Auslese nach der Konfession getroffen wird, so kann es nicht fehlen, daß dann später auch die Objekte der gesellschaftlichen Hilfsthättgkeit nach der Confession ausgesucht werden, d. h. datz Beinbrüche von den Mitgliedern der Gesellschaft erst dann eingerichtet werden, wenn der Hilfsbedürftige vorher seinen arischen Ursprung nachgewiesen hat. Das ist die Gefahr. Die Thatsache ist, daß die Gesellschaft muthwilltg die selbstlose Thättgkeit jener Elemente zurückweist, ohne welche sie nicht hätte zur Lebenskraft erwachsen können, daß sie in den Tagesstreit eintritt und die Humanität der Heilkunde, welche in Wien noch immer schranken« und vorurtheilslos geübt wurde und einen Ruhmestitel dieser Stadt bildet, auf das Niveau desjenigen herabzieht, was in Wien am schlechtesten ist: der Politik. Die Erklärung lautet: Löbliche Redaction! Um eventuellen Mißdeutungen, die über den Maflenaustritt von Medicinern aus der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft laut werden könnten, von allem Anfänge an entgegenzutreten, bitten die Unterzeichneten Mediciner, gewesene active Mitglieder der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft, um Aufnahme folgender, der Wahrheit entsprechenden Thatsachen: Das Anwachsen einer antisemitischen Strömung in der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft, die vom Chef-Arzt und Leiter Dr. Wilhelm v. Vragassy, welcher sonderbarerweise Mitglied des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ist, nicht nur gednldet, sondern offenkundig unterstützt wird, hat die Gefertigten bewogen, aus dem Verbände der Wiener Freiwilligen RettungSgesellschafr, der sie Jahre hindurch mit Leib und Seele freiwillig angehört haben, zu scheiden. Diese antisemitische Strömung äußert sich außer in vielem Andern hauptsächlich darin, daß Dr. Wilhelm v. Vragassy mehrere Mitglieder israelitischer Confession aus der Mitgliederliste ohne genügenden Grund streichen ließ, ferner daß derselbe jüdische Collegen, welche sich zur Aufnahme in die Gesellschaft freiwillig angemeldet haben, unter dem Vorwände der Uebercompletheit, welche durch nichts gerechtfertigt erscheinen kann, zum Dienste nicht repartiren ließ, während für Collegen anderer Confessionen keine Uebercompletheit existirte, weiters darin, daß Dr. Wilhelm v. Vragassy active Mitglieder israelitischer Confession, die viele Jahre hindurch unter Dr. Mundy zur besten Zufriedenheit gedient haben, überall und in jeder Beziehung gegenüber Mitgliedern, welche nur sehr kurze Zeit der Gesellschaft angehören, jedoch anderer Confession sind, zurücksetzt. Indem die Unterzeichneten viele andere Thatsachen, die das Vorhandensein einer antisemitischen Strömung unter der jetzigen Leitung der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft drastisch documentiren, vorläufig stillschweigend übergehen

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