Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-06-21 · Heft 49 (21.6.1894) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 49 (21.6.1894)
Date
1894-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448455--38746-2486866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

398 besteht in der Verachtung, die sie an das Gedächtuiß und selbst an die irdische Hülle des Selbstmörders knüpft. Dieser Ausdruck einer gewiß berechtigten Mißachtung findet in der Art und Weise der Bestattung des Selbstmörders ihren Ausdruck. Man bestattet den Selbstmörder nicht mit der Rücksicht und Auszeichnung, die man dem entseelten Menschenkörper sonst entgegen bringt. Man will ihn nicht einmal im Tode mehr mit denjenigen vereinigt sehen, die er in so frivoler, gotteslästerlicher Weise verlassen und begräbt ihn nicht in der Reihe der übrigen Gräber. — Der vielfach irre geleitete Gefühlsdusel einer confusen Zeit nimmt an dieser Zurücksetzung des Selbstmörders Anstoß und erblickt tn jeder geringschätzigen Behandlung des Selbstmörders eine unberechtigte Härte. Sie hat es damit in der That erreicht, daß das Schimpfliche, Feige und Gotteslästerliche, das jedem Selbstmord anhastet, vielleicht nicht mehr in seiner Schärfe empfunden wird. Man ist rücksichtsvoll selbst gegen den Selbstmörder und rücksichtslos gegen die gesammte Menschheit, die doch der Selbstmörder nicht weniger als jeder andere beleidigt, der eine Gesellschaft mit einem solchen Eklat ostentativ verläßt, weil sie ihm nicht mehr gut genug ist. Auch hierin halten die Vorkehrungen des jüdischen Religionsgesetzes die rechte Mitte, zwischen der Verhöhnung der Menschenwürde, die jeder Selbstmord rcpräsentirt und daher Sühne heischt und zwischen dem menschlichen Gefühl des Erbarmens, welches sich demjenigen selbst zuwendet, der nun als Opfer seiner Verblendung vor uns liegt. Das jüdische Religtonsgesetz Schulchan Aruch Bd. II, C. 345 versagt der Leiche von Selbstmördern alle Liebesdienste, die sonst in normalen Fällen als die reinste Form thätiger Menschenliebe nicht angelegentlich genug gefordert werden könne. Aber es erinnert daran, wie schwer es in den meisten Fällen ist einen bei vollem Bewußtsein vollzogenen Selbstmord zu constatiren. Die meisten Selbstmorde vollziehen sich ohne Zeugen und die Möglichkeit ist deßhalb nicht ausgeschlossen, daß ein anderer den Mord begangen und ihn mit allen Eigenthümlichkeiten des Selbstmordes ausgestattet habe, um den Verdacht von dem wirklichen Mörder abzulenken. Wo aber sogar der Selbstmord vor Zeugen erfolgte, muß er mit vollem ungetrübten Bewußtsein vollzogen sein, wenn er als solcher von uns behandelt werden soll. Daß aber Jemand mit kaltem Blute und bei ruhiger Ueberlegung eine solche Blutthat begehen, und daß jeder Zweifel darüber ausgeschloffen sein sollte, das ist eine große Seltenheit, daß diese Ausnahmsbeftimmungen fast nie tn Praxi zur Anwendung kommen. Wenn man diese und eine Reihe anderer Momente ins Auge faßt, in welchen unsere Zeit eine Verkennung der Menschenwürde, des Menfchenadels und vor allem des Menschenlebens bekundet, und auf der anderen Sette die Herren von Nebeln, Krankheiten, wie Cholera, Influenza, Pest, Dyphterttts und wie sie alle heißen, sich vergegenwärtigt, die der Welt den Werth des Menschenlebens in so erschreckender Weise nahe legen, dann ahnt man den Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungen Dank des Hinweises unserer Vätersprüche noöj mma nniösa nitro D^iyV ja -im .p Die Pest tritt in die Welt, wenn da wo Gottes Gesetz den Tod ausspricht, menschliche Einsicht oder Beschränktheit sich dem widersetzt. Die Trübung dieser fundamentalen Begriffe von der Bedeutsamkeit des menschlichen Lebens, und der zu Zetten gebotenen Verhängung des Todes liegt tief in den sozialen Gegensätzen unserer Zeit begründet. Wir sind weit von dem prophetischen Ideal entfernt, welches den Menschen das theuerste Kleinod des Menschen und als seine edelste Kostbarkeit bezeichnet. Während diese Verheißung sich in die Worte kleidet tdw onao o-im tdd bojn -vpw „Ich mache den hinfälligsten Menschen werthvoller als gediegenes Gold, und den vollendeten mehr als die Kostbarkeit Ophir's" (Jesaja C. 13. V. 12.) steht heute das tobte Metall höher im Kurs als der lebende Mensch. Der Mensch steht dem Menschen im Wege, er klagt allenthalben über Uebervölkerunng und Maffenconcurrenz. Jeder neue Fortschritt des Geistes ist, statt das Loos der Massen zu erleichtern, dazu angethan es noch mehr zu erschweren. Jede neue Maschine stellt so und so viel Menschenhände außer Betrieb. Die Maschinen arbeiten wie Menschen und die Menschen erscheinen degradtrt zu Maschinen. Intelligenz, Retchthum und Genuß deS Lebens erscheint in dem Kampf der Raffen und Klassen sich auf einen immer kleineren Kreis zu beschränken, welchem die großen Massen im Kampf ums Dasein gegenüberstehen. Diese ungleiche Bertheilung der Güter und der Kampf ste auf Kosten der anderen in seinen Besitz zu reißen, ist nicht der geeignetste Boden, aus dem das Bewußtsein von dem unbedingten Werthe des Menschen erblühen kann. Um uns vor diesem Wahn zu schützen, um uns das Bewußtsein lebendig zu halten, daß wir alle ohne Rücksicht auf sociale Stellung und materiellen Besitz ausnahmlos owi« geduldete Einwohner und Etnsaffen auf Gottes Boden sind, das wird uns durch die wy^-Jnstitutton zum Bewußtsein gebracht. Ste spricht ein ganzes Jahr hindurch mit jeder gereiften Frucht laut vor einer I S

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.