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Der Israelit · 1894-06-18 · Heft 48 (18.6.1894) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 48 (18.6.1894)
Date
1894-06-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Die Folge dieser meiner Abirrung war der Verlust des Theuersten, das ich früher als Jude bestssen, des Familienlebens. — Meine Frau und meine Kinder mieden mich und flüchteten vor dem Vater, der Betäubung und Zerstreuung suchte und immer tiefer in den Wirbel der durch schlechte Gesellschaft noch mehr erregten bösen Leidenschaften gerteth. Ich war, nachdem ich die Flucht meiner Famtlie erfuhr und noch lange Zeit hernach, wüthend in meinem Haffe gegen mein eigen Fleisch und Blut und gegen jene meiner Glaubensgenoffen, darunter besonders meinen Schwager, Joel Lemberger, Gott Hab ihn selig, welche diese Flucht begünstigt hatten. Spät allzuspät gelangte ich zur Erkenntniß, daß Gottes Fügung stärker sei als Menschenwille und menschliche Weisheit, und von Joel Lemberger, den ich als edel denkenden biederen Menschen hochachten mußte, erfuhr ich zu meiner tieftnnersten Beschämung die Geschicke der Meinigen. Meine Frau — sie ruht schon in der Wahrheit — hat sich in demselben Grade heldenhaft und würdig gezeigt, als ich mich feige und erbärmlich benahm. — Sie übernahm und führte, allein in der Fremde, die Sorge und Erziehung meiner Kinder, so daß Dank derselben alle in geachteten und günstigen Lebensverhältuiffen stch befinden. Den Wunsch ihres Vaters, daß mein ältester Sohn Wolf sich dem Rabbknerstande widmen möge, brachte sie zur glänzenden Erfüllung — der verehrte Rabbi weiß es — dieser nickte bestätigend — mein Sohn Wolf ist derzeit der Rabbiner einer großen Gemeinde im Auslande. Alles dies erfuhr ich von Joel Lemberger, zu welchem ich mjch mehr und mehr hingezogen fühlte, so oft ich die zwecklose Leere meines Daseins, die durch nichts ausgesüllte Kluft, nach empfundenen Genüssen und Vergnügungen, in Geist und Herz empfand. Lemberger verstand es in meiner Seele zu lesen — ich erkannte dies an dem prüfenden, Theilnahme verrathenden Blick, den er mir oft im Gespräche zusandte, und doch hatte ich weder in Sprache noch durch Gesten verrathen, daß ich ein mit meinem Geschicke unzufriedener, innerlich gebrochener und verzweifelnder Mensch wäre. Die Reue über einen übereilten Schritt nagte wohl an meinem Gemüth; aber mein Stolz hielt mich aufrecht. Eines Tages, es war vor vier Monaten, kam Lembergers Frau, meine Schwägerin Rösel, jammernd zu mir, und bat mich rasch zu ihrem Manne zu kommen, der nach längerem Krankenlager hoffnungslos darnieder liege und dringend nach mir verlangt hätte. Ich eilte mit ihr so rasch ich vermochte zu dem Erkrankten. Ich fand ihn hoch aufgerichtet im Bette. Als er mich gewahrte, leuchtete es freudig in seinen Augen auf und wie verklärt spielte ein mildes Lächeln um die Engelszüge dieses guten edlen Menschen. „Verzeihe es mir, Jllanowsky," sagte er mit vernehmbarer Stimme, „ich habe dich rufen laffen, weil ich mich am Ende meiner irdischen Laufbahn fühle — ich glaube schon die Stimmen aus dem Jenseits zu vernehmen — die mich hinüber rufen in eine schönere bessere Welt. Ich scheide getrost, ich habe das Bewußtsein mit Willen und Absicht keinem meiner Mitmenschen Böses zugefügt oder auch nur ihn gekränkt zu haben. Ich nehme Abschied auch von dir — aber gönne es mir, mit der aufrichtigen Mahnung eines Freundes von dir zu scheiden." „Wirst auch du einst so ruhig wie ich von dieser Welt dich trennen können, ohne Fluch und Verdammniß über dich selbst und dein verfehltes Leben aussprechen zu müssen? — Du warst kein aufopfernder edel denkender Gatte — das hat dir gewiß schon dein gutes Weib Esther in den lichten Höhen vergeben, — du warst ein stürmisch dahin lebender, jeden Glauben verleugnender Mensch — das kann der allbarmherzige Gott vergeben, — du warst auch ein schlechter Vater, du hast dich um deine Kinder nicht gekümmert, — das wird dir nicht dein Gewissen und nicht die Langmuth Gottes vergeben können. Ich sage dir nur: „Schuw jom echod lifne missosoch“ (Kehre zurück einen Tag vor deinem Tode) kannst und willst du dies?" Ich war überwältigt; in allen meinen Gefühlen tobte es, als würden die Dämone des Stolzes, der Unversöhnlichkeit und der Selbstsucht, nach furchtbarem Ringen vor der göttlichen Glorie der Majestät, die jeden Sterbenden umgibt, flüchten und die alten entschwundenen Engel des Guten wieder einziehen. Thränenüberströmt und tieferschüttert reichte ich Lemberger die Hand und gelobte ihm — die Umkehr zum Guten, zur Pflicht des Menschen und Vaters. Er bat mich für seine hilflos dastehende Frau Rösel zu sorgen, damit sie nicht ganz verlassen dableibe. Ich beruhigte ihn darüber und versprach ihm, für die alten Tage seiner Frau bedacht zu sein, — ich habe dieses Versprechen auch treulich gehalten. — Er dankte und faßte meine Hand, als wollte er sie drücken. Dann rief er seine Frau und befahl ihr alle Briefe, die er von Esther und meinen Kindern empfangen und die in einem Päckchen zusammengebunden bei seinen Büchern lägen, mir zu übergeben. Ich habe sie von Rösel erhalten — aber nachdem ich von meinem Schwager mich verabschiedete, hatte ich nicht mehr das Glück, ihn lebend wiederzusehen.

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