Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-06-18 · Heft 48 (18.6.1894) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 48 (18.6.1894)
Date
1894-06-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448454--38735-2486854
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

885 aufreizendsten Weise gepredigt und so der Jugend ein böses, verwerfliches Beispiel gegeben, im Lehramte nicht belassen werden dürfe. — Isidore Goldblum. Ferrilletorr. Eine jüdische Mutter. Von Bernard Auerbach. (6. Fortsetzung.) III. Der Frühmorgengottesdienst war vorüber. Als der letzte der frommen Beter verließ Rabbi Rapoport die Altneusynagoge. Wo seine imponirende, durch die schimmernde polnische Tracht wie zur ehrfurchtgebietenden Größe eines Hohepriesters gehobene Gestalt sich blicken ließ, ward sie ehrerbietig von Juden und Christen gegrüßt. Cr schritt, gefolgt von Reb Berech seiner Behausung zu. Dort harrten seiner bereits die Jünger, welche bewundernd dem Geistesfluge des Meisters, der für die Erforschung jüdischer Geschichte und Wissenschaft die Wege geebnet, nachzufolgen strebten. Wir erblicken unter den sich ehrfurchtsvoll Beugenden auch Jene, deren Bekanntschaft wir gestern gemacht. Unsere ganze Aufmerksamkeit fesselt jedoch die Statur eines hochgewachsenen, aber vom Alter gebeugten Mannes, dessen schneeweißes Haar lang zum Nacken herabfällt, dessen Antlitz aber in auffallender Weise vom Alter so kantig und zugespitzt gemodelt wurde, daß man mitfühlen mußte, die Kämpfe und Leiden, die in dessen Innern getobt. Ja, wir täuschen uns nicht — der noch immer feurig strahlende Blick, hinter den buschigen weißen Augenbraunen, verräth jene Persönlichkeit, die wir im Anfänge unserer Erzählung dem Leser vorgeführt hatten — Juda Meifel — oder wie er später sich nannte „Isidor Jllanowsky." — In diesem zerknirschten, innerlich gebrochenen „Bal Tschuwe", von dem gestern Schlome Weiß den Freunden erzählt, finden wir den ehedem in wilder Leidenschaftlichkeit überschäumenden Meisel wieder. Der Rabbi gab das Zeichen zum Beginne der Gebete, die einer der Anwesenden laut intonirte. Dann wurde des Rabbi Thorarolle aus dem Schranke geholt, daraus die betreffende Stelle verlesen und als Letzter Jllanowsky zur Thora gerufen. Er hatte den Betmantel über das Haupt gezogen, so daß man die Thränen nicht sah, die ihm über die Wangen flössen. Es war seit achtzehn Jahren das erstemal, daß er die heilige Gesetzesrolle berühren konnte, dem er abtrünnig geworden war — um nicht Gott — sondern den eigenen Leidenschaften zu dienen. Die erhebenden Zurufe, die ihm dann entgegentönten, die Händedrücke, welche er wechselte, zeigten ihm, daß er sich wieder als Bruder seiner ehemaligen Brüder fühlen durfte — schluchzend wandte er sich zum Rabbi und küßte die Hand, die dieser ihm reichte. Der religiöse Act war nun zu Ende und der Rabbi hielt eine Ansprache, in welcher er hervorhob, daß die Religion des Judenthums keines ihrer Kinder von sich weise, selbst dasjenige nicht, welches lieblos ihr den Rücken zugewendet. Dies bezeugen viele Bibel- und Talmudstellen, welche er citirte. Am höchsten und der Gottheit nächsten stelle daS Gesetz Jenen, welcher den wahren „freudigen Muth der Umkehr und Reue zeige." Er hege die Ueberzeugung, daß die Reue Judas eine aufrichtige in dem Herzen gefühlte sei und wenngleich er vor dem Gesetze, das keine Rückkehr gestatte, für immer Isidor Jllanowsky genannt werden müsse — seinem Glauben und seinen Glaubensgenossen bleibe er als Bruder erhalten! Die Worte des Rabbi hatten Jllanowsky aufs Höchste ergriffen; man konnte an dem nervösen Zucken in seinem Gesichte erkennen, daß er seine Gedanken sammle. Er verbeugte sich vor dem ehrwürdigen Redner und wandte sich dann mit einer eigenthümlichen Handbewegung zu den lautlos aufhorchenden Anwesenden : „Raboßai, das Leben eines jeden Menschen und wäre er auch der niedrigste, kann stets seinen Nebenmenschen zur Lehre dienen, wie er nämlich es nachahmen oder vermeiden soll. Ich will vor Ihnen, wie es einem, der „Mkabl Tschuwe" ist, ziemt, die Schattenseiten meines Lebens ausrollen, damit Sie auch daraus eine Lehre zu ziehen vermögen. Mein Leben war in letzter Zeit ein getrübtes, vielbewegtes und ich gestehe es heute — so sehr ich auch früher alle Vorwürfe meines Gewissens einzulullen bestrebt war — keines edel denkenden Mannes würdig. Eine einzige Abirrung vom Wege rechtlichen Denkens, die Hingabe des kostbaren Erbtheils der Väter, des Glaubens, zum Tausche gegen irdische vergängliche Güter, Menschengunst und Wohlleben, war für mein ganzes übriges Lebens verhängnißvoll und hat es zu einem zerrütteten und verfehlten umgestaltet.-Es ist für Jeden, welcher Religion immer er auch angehören mag, ein Wagniß, hinauszutreten aus dem lieb und vertraut gewordenen Kreise von Anschauungen, Sitten, Ideen und Gebräuchen, die seit der Kindheit ihn umgeben und einen Kreis zu betreten in dem man sich als Fremdling fühlt und auch als Fremdling betrachtet wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.