Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 48 (18.6.1894)
- Date
- 1894-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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sowohl bei ihm als bei seinem Nachbar Langer, einem sehr frommen Juden, das Haus vom Dache bis zum Keller durchsucht, natürlich vergebens. Später kamen Gendarmen, die Vormittags und Abends dasselbe thaten und die Hausleute sowie die Nachbarn verhörten. Keszler, im höchsten Grade beunruhigt, begab sich am 6. d. nach Neutra, um hier beim Viccgespan die Meldung des Vorfalles zu machen und um Hilfe zu erbitten. Endlich kam noch rechtzeitig die Aufklärung; das vermißte Mädchen wurde am selben Tage in dem bei Csacso fließenden, stark angeschwollenen Bache ertrunken aufgefunden. Sie war auf der Heimkehr von einem starken Gußregen überrascht worden und hatte ein Wasserwehr, das als Steg benützt wird, betreten, um rascher nach Hause zu kommen. Dort war sie offenbar ausgcglitten und in den Kassel unterhalb des Dammes gestürzt, worauf sie von dem hoch angeschwollenen Gießbach abwärts getrieben und erst dann, als das Wasser sank, als Leiche ans Ufer geschleudert wurde. Dieser Fall ähnelt jenem vom Tisza-Eszlar. Nur blieben damals die Glmüther länger in Spannung, da der Leichnam der Esther Solymosy erst nach Wochen austrieb und — was der wichtigste Unterschied ist — in Szenicz führte ein bedeutsamer und dabei energischer Stuhlrtchter die Untersuchung, so daß der Pöbel im Zaum gehalten und Unglück verhütet wurde. Wer aber glaubt, daß nunmehr der Wahn zerronnen, irrt gewaltig. Denn wer dem Teufel des Aberglaubens verfallen ist. wird ihn nicht los, und catilinarische Naturen fachen diesen Aberglauben an. „Wie kann denn," sagen sie jetzt, „ein erwachsenes Mädchen dort ertrinken, wo das Wasser kaum bis zur Kniekehle reicht? Die Juden haben es gethan und sie dorthin geschleppt." Nun ist es aber durch eine Zeugenaussage evident erwiesen, daß die Mrcsek beim Ausbruch des Gewitters in der Nähe des Steges gesehen wurde. Macht nichts. „Die Juden haben es gethan," zischeln die Agitatoren, und „die Juden haben sie ermordet," raunen die bethörten Bauern einander zu. Wann wird endlich dieses alberne Blutmärchen verschwinden? Wien. Die Kammer der Wiener Produktenbörse hat beschlossen, den internationalen Getreide- und Saatenmarkt, welcher durch einundzwanzig Jahre stets in Wien äbgehalten wurde, einzustellen. Dieser Beschluß der Börsenkammer ist als eine Folge der maßlosen Agitation anzusehen, welche die ntederösterretchischen und speziell die Wiener Antisemiten gegen diese Institution entwickelten. Bereits im Jahre 1890 machtkn sich im Schoße der Börsenkammer Stimmen geltend, welche mit Rücksicht auf die unablässigen Angriffe der Antisemiten die Aufhebung des Saatenmarktes vorschlugen; die Kammer beschloß jedoch damals, von der Einstellung des Saatenmarktes abzusehen, weil die österreichische Regierung erklärte, daß ste auf die Aufrechterhaltung des Marktes speziell im Interesse Wiens großen Werth legte. In der diesmaligen Session des niederösterreichischen Landtages haben sich diese Angriffe bis zum Excesse gesteigert. Durch volle zwei Stunden ergoß sich, wie die N. Fr. Pr. schreibt, die Schlammfluth der antisemitischen Hetzredner gegen die Besucher der Saatenmarktes, und es wurden die wüstesten, gar nicht wiederzugebende Beschimpfungen gewagt; man bezetchnete die Getreidehändler als Räuber, Volksausbeuter und Blutsauger, und der Führer der Wiener Antisemiten verstieg sich sogar so weit, eine allgemeine Vermögens- Konfiskation gegenüber den Besuchern des Marktes zu verlangen. Die Börsenkammer setzte ein Spezial- Komitee ein, um zu diesen Angriffen im Landtage Stellung zu nehmen, und dieses Spezial-Komitee beantragte in der am 3. Februar abgehaltenen Kammersitzung, die Abhaltung des SaatenmarkteS einzustellen. Da jedoch der Börsen-Kommiffar, Hofrath v. An der Lan, erklärte, daß das Handelsministerium von seinem Ressortstandpunkte aus die Bedeutung des Saatenmarktes anerkenne und die Erhaltung dieser Institution wünsche, wurde die definitive Beschußfassung vertagt und die Angelegenheit an das Spezial-Komitee zurückgeleitet. Das Komitee hat sich durch mehrere Mitglieder der Börsenkammer verstärkt und seither in zahlreichen Sitzungen die Frage der ferneren Abhaltung des Saatenmarktes erwogen. Das Komitee ist jedoch zu dem Ergebnisse gelangt, bei dem ersten Beschlüsse zu beharren, und das Plenum der Börsenkammer hat den Antrag des Komitees mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. Der Börsen-Kommiffar, Hofrath v. An der Lan, wohnte der Kammersitzung bei, ohne jedoch in die Debatte einzugreifen. Bestimmend war die Thatsache. daß weder die Regierung, noch die Leitung des Landtages, noch auch der Wiener Gemeinderath irgend einen Schritt unternommen haben, um den Schmähunzen und offenen Bedrohungen durch die Antisemiten entgegenzutreten, und daß nichts geschehen ist, um den Gästen des Saatenmarktes irgend eine Satisfaktion zu gewähren. Von den Getreidehändlern in der Provinz waren viele Zuschriften an die Leitung der Wiener Produktenbörse gelangt, in welchen mit Rücksicht auf die antisemitischen Angriffe die Aufhebung des Saatenmarktes begehrt wurde. Namentlich erklärte oer Verband der Getreidehändler Böhmens, mit allen Mitteln dagegen agittren zu wollen, daß der Saatenmarkt von den böhmischen Händlern beschickt werde, weil die Getreidehändler auch ohne die Berührung des Wiener Platzes, wo