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Der Israelit · 1894-06-18 · Heft 48 (18.6.1894) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 48 (18.6.1894)
Date
1894-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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878 hatte gegen den auf 5 Tage Hast lautenden richterlichen Strafbefehl Einspruch erhoben und auf HauptverHandlung angetragen. Da der Einspruch nach Ansicht des Gericht frivol erhoben war und die Beschuldigte auch nicht das Geringste zu ihrer Bertheidiguug anführen konnte, so erhöhte das Gericht dem Anttage der Anklagebehörde gemäß die Strafe auf 2 Wochen Haft. Berlin. Der als Antisemit bekannte, aber der deutschkonservativen Fraktion des Reichstages beigetretene Freiherr v. Langen hat an einem deutsch-sozialen Parteitag in Pommern theilgenommen, auf dem die Verschmelzung mit der Antisemitischen Bereinigung in Norddeutschland, d. h. mit den Ahlwardt, Förster u. s. w., beschlossen worden ist. Die „Kreuzztg.", die ganz vergessen zu haben scheint, daß auf dem berühmten Tivolttage Hochs auf Ahlwardt ausgebracht worden sind, und daß dieser Biedermann seine parlamentarische Laufbahn konservativen Landrathen vervankt, will nicht glauben, daß Freiherr v. Langen an jenem Beschluß theilgenommeu hat, und würde das für durchaus unzulässig halten. Sie schreibt: „Wir wäre es möglich, daß ein Angehöriger der konservativen Fraktion des Reichstags sich Männern in der erwähnten Weise näherte, die wie der Abg. Ahlwardt in der rücksichtslosesten Weise gegen „Juden und Junker" Hetzen, oder die, wie der Abg. Dr. Förster es in seiner Eigenschaft als Borstandsmitglid der „Antisemitischen Vereinigung" soeben erst gethan, Wahlenthaltung empfehlen, um polnischen Kandidaten dem deutschen Konservativen gegenüber zum Siege zu verhelfen? Gondershausen, 10. Juni. In voller geistiger und körperlicher Frische wird am 27. v. M. der Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Professor Philipp Heidenheim, sein 60jährigeS Amtsjubiläum und zugleich auch seinen 80. Geburtstag feiern. Der alte Herr, der sich in hiesiger Stadt der allgemeinen Achtung und hoher Beliebheit erfreut, waltet noch heute seines Amtes als Seelsorger, und groß ist die Zahl derjenigen, welche den alten Heidenheim aus ihrer Schülerzeit her kennen und verehren. Professor H. war durch 45 Jahre Lehrer an der hiesigen Fürst!. Realschule, er unterrichtete in Mathematik, Geschichte unb Litteratur und war ein vorzüglicher Lehrer des Deutschen in Prima und Secunda. Diesen Theil seines Berufes früher aufzugeben, als das seelsorgerische Amt, zwang ihn ein Augenleiden, bei dem alten noch so wunderbar rüstigen Herrn das einzige Anzeichen hohen Alters. Aber auch sonst war Professor H. als Erzieher der Jugend thätig. Stethatte er eine Anzahl Schüler der Fürstl. Realschule als Pensionäre im Haufe, sodatz im Laufe der Jahrzehnte ein stattliche Anzahl daraus geworden ist. Manch einer von ihnen befindet sich heute in hochgeachteter Lebensstellung und denkt noch oft gern und freudig an die schöne sorgenlose beim alten H. verlebte Schülerzeit. Allen diesen wird es darum angenehm sein, KU vernehmen, daß nicht nur Professor H. noch so rüstig ist, sondern daß auch dessen hoch betagte Gattin den sonnigen Lebensabend ihm verschönert. Erstreckte sich die Wirksamkeit H'S naturgemäß nur auf die engeren Grenzen feines Thüringer HeimathlandeS, speciell auf das liebliche Sonderhausen, und ist er auch infolgedessen nie weiteren Kreisen des deutschen Vaterlandes bekannt geworden, so war seme Thätigkeit dennoch eine nicht minder erfolgreiche und gesegnete. Landesfürstliche Huld hat das auch wiederholt durch Ordensverleihung und Geschenke anerkannt, und in der Stadt Sondershausen zählt der alte Herr zu den beliebtesten Persönlichkeiten. Möge darum dem hochverdienten Lehrer und Seelsorger ein ungetrübter Lebensabend beschieden sein Von frühester Jugend an hat H. als Lehrer gedient, und ist auch sein ganzes Leben reich an Mühe und Arbeit gewesen, so bleibt ihm als köstliche Gabe dafür die unbegrenzte Liebe und Dankbarkeit aller derer, welche zu seinen Schülern gehört haben. Oe st er r.-Ungar. Monarchie. Aus Ungar«. sDas Blutmärchen.j Abermals ist durch das Märchen von einem r tuellen Morde die Bevölkerung einer ganzen Stadt in Aufregung versetzt worden, bis endlich die böswillig erfundenen Gerüchte thatsächlich widerlegt worden sind. Aus Neutra wird uns über diesen Fall geschrieben: Die Stadt Szenicz war über das Märchen vom rituellen Morde eine ganze Woche lang in größter Aufregung, und die jüdische Bevölkerung befürchtete mit Recht den Ausbruch von Krawallen, da es an Hetzern nicht gefehlt hatte. Am 3. d. brachte die Schwester des bei dem Szeniczer Einwohner Israel Keszler bediensteten Knechtes Mrcsek, ein junges Mädchen aus dem Nachbardorfe Clacso, deurselben Wäsche, kam aber Abends nicht nach Hause zurück. Die Eltern des Mädchens kamen deßhalb mit noch einigen Bauern nach Szenicz, um nach dem Mädchen zu forschen, und da es nirgends gefunden wurde, verbreitete sich erst vereinzelt und im Stillen, bald aber offen und in weiteren Kreisen das ^Gerücht, das Mädchen müsse im Hause des Juden Keszler umgebracht worden sein. Die Leute erzählten sich, sie hätten den Rabbiner und mehrere andere Juden in das Haus Keszler's gehen gesehen, und am 4. d., Morgens, gab es bereits in den Gassen Aufläufe, worauf die Leute dem Ober-Stuhlrtchter die Anzeige erstatteten und auf eine Untersuchung drängten. Ober-Stuhlrichter Fridcczky, ein gebildeter Mann, nahm die Sache sofort in die Hand und war ernstlich bemüht, die aufgeregte Menge zu beschwichtigen, indem er sie auf den Unsinn ihres Verdachtes aufmerksam machte. Von den Hausleuten gab ein Dienstmädchen an, sie habe gesehen, daß die Mrcsek das Haus Keszler's Vormittags allein verlassen hatte, doch hätten ihre Dienstherr n gesehen, daß zu Keszler um die Zeit, als das Mädchen dort war, zwei Rabbiner, mehrere Inden und zwei Schächter gekommen seien. Die Aufregung wuchs von Stunde zu Stunde, so daß der Ober- Stuhlrichter Keszler ersuchte, zur Beruhigung des Volkes selbst eine Hausdurchsuchung zu begehren. Keszler willigte selbstverständlich ein, und cs wmde

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