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Der Israelit · 1894-06-18 · Heft 48 (18.6.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 48 (18.6.1894)
Date
1894-06-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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MW MWKMWW^WMMW 876 zum Tummelplatz für ihr Streberthum zu überlassen. Vor fünfzig Jahren Kirchenrath Dr. Mayer! Dieser Name sagt alles. Als vor fünfzig Jahren eine Anzahl Rabbiner zusammentrat, um das alte Judenthum aus dem Sattel zu heben und eine wässerige Modereligion ihrer Mache an dessen Stelle zu setzen, wußten die Stürmer keinen besseren an ihre Spitze zu stellen, als den Stuttgarter Kirchenrath Dr. Mayer. Derselbe hatte bereits seit einer Reihe von Jahren innerhalb der jüd. Gemeinden des Königreichs Würtemberg den ganzen Einfluß seiner Stellung in die Wagschaale geworfen, um das überlieferte Judenthum mit Stumpf und Stiel aus den Geistern und Gemüthern einer ganzen Generation zu reißen. Wie es ihm gelungen ist, dafür zeugt der religiöse Verfall innerhalb der würtembergischen Judenhett, der nirgends sonst diesen Höhepunkt erreichte. Die Vergewaltigung des historischen Judenthums und seiner Bekenner hatte eine mächtige Gegenströmung in vielen Gemeinden des Landes zu folge, die aber allenthalben von dem Hufschlag der gefirmelten oberkirchenräthlichen Autorität niedergetreten wurde. Stuttgart wurde als das Jerusalem erklärt, dem allein unser Sehnen und Hoffen zu gelten habe. Die Anhänglichkeit für den heiligen Boden unserer Vergangenheit und Zukunft wurde als Landesverrath verfehmt, die jüdischen Gemetndeinstitutionen wurden der Vernichtung oder doch der Verkümmerung überantwortet, kurz ein ganzer Kreuzzug gegen das orthodoxe Judenthum wurde überall siegreich inscenirt, und das orthodoxe, historische, wahre, einzige Judenthum schien auf dem AuSsterbe-Etat. Wer hätte sich besser als Oberkirchenrath Dr. Mayer zum Anführer einer Gesellschaft von Rabbinern qualificirt, welche sich für ihre Razzia '.i la mm tiji zu einer Versammlung constituirte? Und nun sind 50 Jahre ins Land gegangen. Die Gevattern und Taufpathen sind den Weg aller Rabbinerversammlungen gegangen. Während die Zadikkim alten Schlags im Tode nicht nur fortlebrn, sondern im Tode noch größer sind als sie im Leben waren, brauchen unsere Reformheilige nur zu sterben, um vergessen zu werden. Ihre Versammlungen, Synoden, Litteratur Vereine und wie die Kartenhäuser alle heißen, waren schon vorher verfallen. Nach fünfzig Jahren wirkt heute in Stuttgart an Stelle des Oberkirchenrath Meyer ein Nachfolger, der die riv'kiw wieder zu reconstituiren, die entweihten Heiltgthümer wieder für das alte Judenthum zu gewinnen sucht, kurz, ein Rabbiner, der unter allerdings ungewöhnlich schwierigen Verhältnissen seine ganze Wirksamkeit dafür einsetzt njipvV mey Tim? der hehren Krone den alten Glanz zurückzuerobern. Der Erfolg dieser von beiden Seiten mit erklärlichem Mißtrauen begleiteten Bestrebungen ist allerdings abzuwarten. Der Erfolg ist es ja nicht, der uns hier interesstrt. sondern die Thatsache soll hier betont werden, daß 50 Jahre nach der ersten deutschen Rabbiner- Versammlung dieselbe am Ursitz ihres Präsidenten ignorirt und dafür das von ihr verdrängte alte Judenthum wieder in sein Recht eingesetzt wird. Und der unvergeßliche Dr. Philippson! Dieser Herr ist in den letzten Jahren seiner literarischen Thätigkeit etwas sehr vergeßlich geworden, wenigstens betreff seiner früheren Prinzipien und Allüren für Reform, Synoden, Rabbinerversammlungen und andere Spielsächelchen. Die letzten Jahre hat seine Zeitung ganz tn's conservative Fahrwasser eingelenkt, er hat auch gelegentlich der jüngsten Synoden und Rabbinerversammlungen seinen Bonner Schmollwinkel nicht mehr verlassen, wodurch er allerdings mehr und mehr der Vergessenheit anheimfiel. Denn seine Zeitung wurde, da sich keine der Parteien mehr um sie kümmerte, jeden Tag mehr dasjenige, wofür sie sich ausgab: „ein unp arteitsch es" Organ für die Interessen des Judenthums. Für die Wandlung, welche die von ihm gegründete Zeitung nach seinem Tode erfahren, und mit jeder Nummer neu erfährt ist er nicht verantwortlich. Aber sein Geist lebt nicht mehr darin, der es verstand selbst für Halbheit, Jneonsequenz und Princkpkenlostgkeit gefällige, ja bestechliche Formen zu finden. Heute kommt dort alles so immergrün heraus wie ihr Umschlag, aber nichts erinnert mehr an den federgewandten, rasch vergessenen Dr. Philippson. Das alles interesstrt uns hier jedoch weniger, als der Schlußsatz, in welchen diese Ergüsse freudiger Wehmuth ausklingen: „Nach dem damals entworfenen Statut '.sollten diese Versammlungen alljährlich erneuert werden, doch nur noch die in Frankfurt und Breslau fanden statt; dann brauste der gewaltige Sturm von 1848 daher, und es unterblieb. — Erst im Jahre 1884 trat wieder eine Rabbinerversammlung in Berlin zusammen, an der Theil zu nehmen ich leider verhindert war; doch habe ich schriftlich meine Zustimmung zu deren Beschlüssen gegeben. Seitdem ist wieder ein Jahrzehnt verflossen, und es ist vornehmlich in der Jetztzeit für Israel unabweisbare Psticht, bald wieder eine solche Versammlung zu veranlassen, um durch das lebendige Wort der Lüge und Verleumdung nach außen, der wachsenden, gefahrdrohenden Gleichgiltigkeit nach innen erfolgreich und muthig entgegenzutreten. Möge diese Anregung gehört und beachtet werden!" Diese Anregung wird jedenfalls beachtet und ihr deshalb nicht entsprochen werden. — Schon vor drei Jahren hat Herr Emil Lehmann einem ähnlichen Verlangen in demselben Blatt Ausdruck gegeben, indem er der Berufung einer neuen Sy-

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