Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 47 (14.6.1894)
- Date
- 1894-06-14
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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870 Pflicht dazu verwendet habe. Die ganze Angelegenheit hat mit der Schule nichts zu thun. Der magistratische Schulreferent scheint es also Herrn Deckert noch als besonderen Milderungsgrund anzurechnen, daß er neben schulpflichtigen Kindern auch solche zur Colportage seiner Hetzschriften verwendete, die noch nicht im schulpflichtigen Alter stehen. Lemberg. Die galiztsche Landesausstellung in Lemberg wurde am 5. Juni durch den Herrn Erzherzog Karl Ludwig als Stellvertreter Sr. Majestät des Kaisers eröffnet. Sie unterscheidet sich schon dadurch von sehr vielen Ausstellungen vortheilhaft, daß sie gleich vom Beginn im fertigen Zustande dem Blicke des Besuchers sich darbot. Bon allen Kreisen der Bevölkerung ist Unglaubliches geleistet worden, die gewerblichen, künstlerischen und culturellen Fortschritte des Landes zur Darstellung zu bringen und das Borurtheil gegen „Halbasien" zu zerstreuen. In der That ist zu hoffen, daß auch das Ausland sich von der Culturarbeit unseres mit Unrecht so gering geschätzten Landes wird überzeugen wollen. Eine Abtheilung in dem prächtigen Kunstpavillon enthält aber eine Ausstellung, die bisher bei ähnlichen Veranstaltungen auf dem europäischen Festlande noch niemals vertreten war. Die Ausstellung von Gegenständen, die im religiösen Leben der Juden gebraucht werden, wird einen Hauptanziehungspunkt bilden, denn sie enthält zumeist Alterthümer von hohem, künstlerischem Werthe. Die Wände des Saales sind über und über mit kostbaren Thoravorhängen behängen, von denen aber keiner jünger als 150 Jahre ist. Die ältesten reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Auch der Thoravorhang, den die Mutter der beiden Märtyrer Reizes gestiftet hat, befindet sich daselbst. In zierlichen Vitrinen und Glasschränken sind Thorageräthe — Kle Kodesch, — Schilder, Kronen rc. aus Silber in gediegener und wahrhaft künstlerischer Ausführung ausgestellt. Altarleuchter, Wandschüsseln und Reflectoren, Waschgeräthe für die Kohanim, Kiduschbecher und Rtechbüchsen sind in Fülle vorhanden, doch ist an jedem dieser Gegenstände hohes Alter oder künstlerische Gestaltung zu bewundern. Der majestätische Chanukaleuchter aus der Lemberger vorstädtischen Synagoge wiegt nicht weniger als 16 Eentner und ein Reflector aus der innerstädtischen Synagoge, mit dem in Messing getriebenen Wappen Sobieski's, hat den Umfang von 2 Meter. Von den alten Hängeleuchtern wird sicherlich der von der Synagoge in Trembowla ausgestellte die Bewunderung aller Kunstkenner erregen, denn er ist ein Meisterstück der reinsten und edelsten Renaissance. Eine 35 Centimeter hohe Thorarolle auf kunstvoll in Silber getriebenen Rollen — Ez Chajim — mit einer mit Edelsteinen gezierten Krone, stammt aus dem Anfänge des vorigen Jahrhunderts und ist Pcivatbesitz. Eine vergoldete Krone mit Thierstücken in Emailfeldern ist ein Meter hoch und fast ebenso breit. Etwa 20 Gemeinden in Galizien — Krakau glänzt durch Abwesenheit — haben diese in ihrer Art einzige und auch für die Entwicklung des Kunstgewerbes unter Israeliten höchst lehrreiche Ausstellung beschickt. Der Katalog enthält einige hundert Nummern und wir werden nicht verfehlen, einige derselben einer näheren Besprechung zu unterziehen. Daß der Urheber des Gedankens, eine solche Ausstellung zu veranstalten, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Caro, derselben htngebenden Eifer wtdinet, ist selbstverständlich, aber auch von Seiten der Dtnction und des Obmannes der Section für Alterthümer und schöne Künste, Herrn Wladyskaw Lozinski, ist Alles geschehen, um dieses eigenartige Unternehmen, sowohl durch die Zuweisung eines herrlichen Saales, als auch durch die geschmackvolle Aufstellung der Gegenstände zu fördern und auszuzeichnen. (Oestr. Wchschr.) Äus jüd. Vereinen und Stiftungen. Die in dem altbewährtem Soolbade KöuigSdorff- Jastrzemb im Jahre 1890 gegründete israelitische Kinderheilstatte ist nunmehr am 20. Mai cr. zum fünften Male eröffnet worden. Die beiden festen Säulen, auf die das Werk in hoffnungSfreudigerZuversicht errichtet wurde, göttlicheHilfe und werkthätige Menschenliebe, haben das gemeinnützige Unternehmen in den Stürmen und Kämpfen der wechselvollen Zeiten sicher getragen nnd es an Kiaft und Segensfülle zunehmen lasten. An seiner Schwelle hält ein guter Engel Wacht, der Gruß und der Segen aus vieler unschuldiger Kinder Mund. Nicht armen Kindern allein läßt die Anstalt ihre Wohlthaten zu Theil werden, indem sie dieselben ganz unentgeltlich aufnimmt, ihre Segnungen erstrecken sich auch auf mehr oder weniger bemittelte Kinder, die gegen einen, je nach den Verhältnisten bemessenen Zuschuß, der aber niemals die Selbstkosten übersteigen darf, Aufnahme finden. Das gemeinnützige humane Werk, das durch milde Beiträge erhalten wird, verdient darum die thatkräftigste Förderung und Unterstützung edler Menschenfreunde und hegt deswegen die frohe Ueberzeugung, daß es sicherlich nur dieser Anregung bedarf, um den Kreis seiner Gönner und Wohlthäter zu vergrößern. Jeder, auch der geringste Beitrag, darf des wärmsten Dankes sicher sein. Nähere Auskunft ist der Vorsitzende der Anstalt Rab bin er Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz zu ertheilen gern bereit. Die Israelitische Waisenanstat in Frankfurt a. M. versendet ihren 20. Jahresbericht. Sie hatte im letzten Jahre 32 Knaben und 19 Mädchen zu Zöglingen. An Geschenken erhielt die Anstalt im Jahre 1893 für die Knaben Mk. 9760, an Jahresbeiträgen Mk. 5467; Einnahmen und Ausgaben glichen sich mit Mk. 27,045 ab. Für die Mädchenabtheilung gingen Mk. 7045 Geschenke, Mk. 2713 Jahresbeiträge ein, der Rechnungsabschluß wies auf beiden Seiten Mk. 15,15 4 auf