Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 47 (14.6.1894)
- Date
- 1894-06-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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860 die ganze Erde, die ganze Menschheit umfaßt, das ist das Ziel, das ist der hohe Zug, den deutlich diessisraelitische Religion zeigt. Als Salomo seinen Tempel baute, da bestimmte er ihn für alle siebzig Völker der Erde, daß sie kommen und darin Gott anbeten sollten. Und der Tempel SalomoniS ist heute noch das Vorbild für alle israelitischen Gotteshäuser und er soll ein Vorbild sein auch für dieses Gotteshaus. Die Geschichte seiner Entstehung zeigt eS schon an. Wie eS inmitten dieser Stadt an einem ihrer schönsten Punkte als eine ihrer Zierden sich erhebt, wie eS aufgebaut ist unter der Förderung ihrer Behörden, unter der Theilnahme aller ihrer Kreise, so zeigt es an, daß es in jenem Geiste errichtet ist und jenen Geist pflegen soll, der in den über seinem Eingang eingegrabenen Worten sich ausspricht: „Ist nicht Ein Vater uns Allen?" — Vorstehendes war etwa der Gedankengang der Festpredigt, an deren Schluß das neue Gotteshaus mit feierlichen Worten dem Dienst Gottes geweiht wurde. Der Prediger dankte dann im Namen der Gemeinde den hohen Staats- und städtischen Behörden für das Jnteresie, das sie dem Bau dieses Gotteshauses zugewendet, dankte seinem Erbauer und schloß sie Alle mit dem Wunsche, daß sie ihr Auge noch an diesem schönen Bauwerke mochten erfreuen können, in das Gebet ein, das mit der Fürbitte für das Herrscherhaus begann, indem der Prediger betonte, daß das erste Gebet in diesen geweihten Räumen dem Kaiser gelte, seiner erlauchten Gemahlin und dem ganzen Königlichen Hause. Nachdem dann der Prediger den Segen gesprochen, wurde die andächtige Versammlung durch ^den Chorgesang ,.Hodu ladon- und den darauf folgenden Halleluja-Schlußgesang in die feierlichste Stimmung versetzt, in der die Theilnehmer das geweihte Gotteshaus verließen. Das Gebäude ist in gothischem Style mit Berücksichtigung der heutigen Architektur Lüneburgs erbaut, enthält 100 Männer- und ebensoviele Frauensttzplätze und kostete einschließlich Grund und Boden M. 82,000. — Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Gießen, 12. Juni. Bezugnehmend auf die in der Nummer 45 u. 46 des „Israelit" erschienene Notiz, freut es uns constatiren zu können, daß die Erfolge des neugegründeten Vereines Talmud-Thora alle Erwartungen übertreffen. Es muß jeden glaubenstreuen Juden umsomehr erfreuen, als der Schein den Thatfachen nicht ganz entspricht. Viel edles Feuer für die Erhaltung der p",Tn glimmte in den Herzen der Gießner Judenhett, und dieses brauchte blos angefacht zu werden, um einer Flamme gleich emporzusteigen. Ein Samenkorn war's blos, der in den Herzensgrund der hiesigen jüd. Gemeindeglieder gestreut wurde und dieser entfaltete sich wahrlich zur schönsten Blüthe. Der Eifer für das Thoraftudium bekundete sich zwar schon gelegentlich der Constitutrung des „Talmud- Thora -Litteratur-Vereines," den lobend hervorzuheben, der einzige Hauptzweck des ersten Berichtes war, jedoch die verflossenen Festtage berechtigen uns zu den schönsten Hoffnungen für das Gedeihen des Vereines, indem die Betheiligung eine regere und größere war. Nicht blos von berufener Stelle wird dem Vereine das regste Interesse entgegengebracht, sondern aus allen Schichten der jüd. Bevölkerung kommen Erklärungen zum Beitritt und Zusttmmungskundgebungen. Hier bewährt sich in des Wortes wahrster Bedeutung der Satz uh Israel ist und bleibt nie verweist. Die Thora hat ihre Heimstätte hier nicht ganz verloren, das jüd. relig. Gefühl es wurzelte in den Herzen der hiesigen Judenhett, bis es durch die That sich jetzt bekundet hat. Wollen wir aus vollem Herzen wünschen, daß der hiesige Verein gedeihe und auch anderwärts Verbreitung und Nachahmung finde. Art. Aus Bade». Der Rechenschaftsbericht des Naphtali Epstein-Vereins zum Zwecke der Unterstützung kranker Lehrer und Lehrers-Wittwen für das Jahr 1893 zeigt uns in erfreulicher Weise, daß auch im verflossenen Jahre eine segensvolle Unterstützungsihätigkeit entfaltet werden konnte. Sechs Lehrern und elf Lehrerswittwen wurden insgesammt eintausendfünfhundert Mark zuwendet. Ermöglicht wurde diese erhöhte Hilfsthätigkeit einmal durch den Zuwachs von Mitgliedern, zum Anderen durch Geschenke und Zuwendungen, von denen besonders zwei, das Legat des sel. Heinrich Goldschmtdt zu Karlsruhe mit 200 M. und ein Geschenk der Gebrüder Lefo in Mannheim zu erwähnen sind. Dem Verein ist im Laufe des Jahres die Eigenschaft einer juristischen Person zuertheilt worden. Den Einnahmen mit 2809 M. 94 Pfg. stehen laufende Ausgaben, Unterstützungen 1500 M., Porto, Druck und Verwaltungskosten, Steuer auf zugewiesenes Legat 102 M. 61 Pfg. gegenüber. Der V.rmögensstand beträgt 17863 M. 74 Pfg. und hat sich nach dem Vorjahre um 678 M. 87 Pfg. vermehrt. Es ist das stete Streben des Vorstandes, die Wohlthaten der Vereins - thätigkeit mözligst weiten Kreisen der Lehrerschaft unseres Landes zu Theil werden zu lassen, dazu ist aber nothwendig, daß sämmtliche Lehrer des Landes theils durch eigenen Beitritt, theils durch Gewinnung von passiven Mitgliedern, helfend Mitwirken. Beitrittserklärungen sind an Herrn Hauptlehrer Marx in Bruchsal und Rechner Samuel Straus, Banquier in Karlsruhe zu richten. Aus dem Murgthal. Sonntag, den 3. Juni verstarb zu Kuppenheim nach kurzem Krankenlager. Fräulein Karoline Cahn im Alter von 37 Jahren; die Verstorbene lebte streng nach den Satzungen unserer hl. Religion. Ein neu erbautes Haus für jüd. Armen bestimmt, sowie ein Legat von Mk. 1000 verewigen das Andenken des Verblichenen. rnnun In Stuttgart macht sich das Wirken des neuen Kirchenrathes Dr. Kroner schon fühlbar.