Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 47 (14.6.1894)
- Date
- 1894-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage zu M 47 des „Israelit". Leitender Artikel. Kinweiliung der Synagoge in Lüneburg. Lüneburg, den 7. Juni. Die israelitische Gemeinde unserer Stadt konnte gestern unter starker Theilnahme fast aller Kreise den langersehnten Act der feierlichen Einweihung ihres neuen, prächtigen Gotteshauses vollziehen Das Wetter war dem Feste so günstig, daß schon lange vor 4 Uhr Nachmittags, dem festgesetzten Beginn der Feier, Eingeladene und sonstige Theilnehmer sich vor dem Gebäude einfanden. Unter den Theilnehmern bemerkte man den Herrn Regierungspräsidenten v. Colmar- Meyenburg, die Geh. Regierungsräthe Meyer Oberbürgermeister a. D. Lauenstein, den Magistrat und die Bürgervorsteher, sowie Vertreter der Geistlichkeit. Kurz nach 4 Uhr begrüßte und empfing der Herr Landrabbiner Dr. Gronemann-Hannover die Thoraträger an der Gartenpforte, indem er die Worte sprach: '1 DBG NDH "TG- Nachdem sich die Träger der Heiligthümer unter Führung des Landrabbiners bis zur Schwelle des Gotteshauses begeben hatten, nahte sich Fräulein Else Heinemann und überreichte auf seidenem Kiffen den Schlüssel des Hauses dem Erbauer desselben, Herrn Stadtbaumeister Kampf. Dieser übergab den Schlüssel nunmehr dem Herrn Marcus Heinemann, indem er etwa folgende Ansprache hielt: „Herr Vorsteher, indem ich Ihnen, dem Vertreter der Gemeinde und Bauherrin den Schlüssel dieses Gebäudes übergebe zum Zeichen, daß der Bau nunmehr in allen Theilen vollendet ist und in Benutzung genommen werden kann, spreche ich Ihnen den Wunsch aus, daß das Gotteshaus allezeit der Gemeinde zur Freude und zum Segen gereiche, daß es in allen Einrichtungen seinen Zweck vollkommen erfülle und der Gemeinde auf lange Zeit erhalten bleibe. Möge es immer eine Versammlungsstätte für diejenigen bleiben und immer Menschen in sich vereinen, welche in der Verehrung des Höchsten und der Förderung echter Menschenliebe seinen wahren Zweck erkennen." Alsdann legte der Vorsteher der Gemeinde den Schlüssel in die Hände des Herrn Oberbürgermeisters Keferstein, indem er die Worte sprach: „Hochverehrter Herr Oberbürgermeister'. Ich habe die Ehre, Ihnen im Namen der Synagogengemeinde den Schlüssel unseres nun vollendeten Gotteshauses zu überreichen, als ein Symbol, daß wir Ihrem Schutze und dem Schutze der Bürgerschaft diesen Tempel anvertrauen, der zur Ehre des allmächtigen Gottes errichtet ist." Den Schlüssel empfangend, sprach der Herr Oberbürgermeister die Worte: „So möge denn Gott unser Herr dies Haus, zu seiner Verehrung bestimmt, schützen, gleich den anderen Häusern der Bürger unserer Stadt. Gott segne den Eingang!" Redner öffnete nunmehr das Schloß und die Eingangsthüren theilen sich, während der Herr Landrabbiner die Psalmworte sprach: Erhebt ihr Thore! eure Häupter, und richtet euch empor ihr ewigen Pforten! Daß einziehe der König der Ehre! Wer ist der König der Ehre? Der Herr der Heerschaaren ist der König der Ehre! Sela!" Alsdann fluthete der Strom der Festtheilnehmer in das von Gaslichtkerzenschimmer und Sonnenschein magisch erleuchtete Innere des schonen Gotteshauses, empfangen von der Händelschen Hymne, die von einem Theile der Dragonercapelle gespielt wurde. Nachdem die Festtheilnehmer Platz genommen und die Musikhymne verstummt war, setzte ein von jüngeren Mitgliedern der Gemeinde gebildeter Chor ein und sang: „Wie lieblich sind Deine Zelte, Jacob, Deine Wohnungen, Israel." Hierauf vollzog sich der von Gesang begleitete Rundgang mit den Thorarollen, an welchem außer den dieselben tragenden fünf Mitgliedern der Gemeinde die Herren Vorbeter Philipp, Landrabbiner Dr. Gronemann und der Vorsteher der Gemeinde Marcus Heinemann theilnahmen. Die in hebräischer und deutscher Sprache gesprochenen Segenssprüche des Vorbeters und das Einheben der Gesetzesrollen in den Allerheiligstenschrein wurde von Chorgesängen unterbrochen, bezw. begleitet und durch Soliverschönt. Darnach ergriff der Landrabbiner Dr. Gronemann das Wort zur Festpredigt, mit einem Gebet zu Gott beginnend, daß er seine Fittige breite über dieses HauS. Ein lang gehegter Wunsch sei endlich erfüllt, ein lang ersehntes Ziel endlich erreicht, die Schwalbe habe ihr Nest gefunden, die ruhelos umherziehende Gemeinde eine bleibende Stätte. Und heute sei sie feierlich in ihr neues Gotteshaus eingezogen, um es für seine hohe Bestimmung zu weihen. Eine geweihte Stätte zum ersten Male zu betreten, das sei ein besonders ergreifender Augenblick. Die Seele fühle sich emporgehoben zu Gott in diesem schönen großen Gotteshause, dessen Erbauung selbst Zeugniß ablege von der Erhebung des Menschen zu Gott. Wie Moses am Berge Sinai sich zu Gott erhob, ehe Gott zu ihm sprach: „Dies sollst du sagen dem Volke Jakobs", so entstand dieses Gotteshaus, weil fromme Vorsteher der Gemeinde sich zu Gott erhoben und nicht ruhen wollten, bis sie ihm diesen Tempel errichtet. Jetzt redeten es die Steine aus den Mauern, was jene Männer gethan, die für diesen Bau gewirkt, die die reichen Mittel dafür beschafft und Sorge getragen, daß er so herrlich ausgesührt werden konnte. Die fromme Begeisterung aber, die jene Männer getragen, sie müsse auch den erfüllt haben, der diesen Bau entworfen und mit künstlerischem Geiste sein Modell gefügt. Und jetzt solle das vollendete Gotteshaus seiner hohen Bestimmung dienen, wiederum den Menschen zu Gott zu erheben und freizumachen von dem Frohndienst der Erde, der die Seele von dem Höchsten entfernt. Aber das bedeutet keine Trennung von der Erde. Denn was der Mensch, indem er Gott sucht, gewinnt, was von der am Berge Sinai geoffenbarten Barmherzigkeit und Güte gleich Thautropfen in seine Seele fällt, das soll er mittheilen, Barmherzigkeit übend und Gutes thuend. Die Erhebung zu Gott soll sich auf das Gotteshaus nicht beschränken. Von hier soll die Wirkung ausgehen in das eigene Haus, daß es ein Tempel Gottes werde, in den Beruf, daß unser Thun immer mehr geläutert werde, daß wir uns vervollkommnen in menschlichen und bürgerlichen Tugenden, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit üben, Treue gegen die Stadt und Liebe zum Vaterlande. Die israelitische Gemeinde gelobe eS heute an diesem Tage, in diesem GotteShause angesichts des Ewigen, darnach zu leben. Mose erhob sich zu Gott. Zu Gott sollen wir unS erheben, aber stehen bleiben am Fuße des BergeS Sinai, und nicht hinaufstürmen wollen mit unserem Geiste, mit unserer Wissenschaft. Zwar hat die Wissenschaft uns Gebiete erschlossen, die vor hundert Jahren noch dunkel vor uns lagen, sie hat ein Licht aufgefteckt, das weithin leuchtet erhellend über die Erde. Aber seine Strahlen verblassen vor dem Feuer des Berges Sinai, und mit all' unserer Wissenschaft kommen wir diesem Licht nicht näher und stehen immer noch am Fuße des Berges. Moses erhob sich zu Gott. Sich zu Gott erheben, immer mehr dem Guten, dem Großen, Schönen und Hohen nachstreben, den Blick immer mehr erweitern, bis er endlich