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Der Israelit · 1894-06-14 · Heft 47 (14.6.1894) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 47 (14.6.1894)
Date
1894-06-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sös „Wohlan ihr Knechte, führt den alten Juden und seine Tochter hierher vor unsre Augen!" Bon den Dienern hereingezerrt, wankte Rabbi Jehuschua in den Prachtsaal, in welchem der Pan und seine Gäste versammelt waren. Auf seine Bitten hin war Esther noch draußen geblieben, denn der alte Mann fürchtete weit mehr für die Ehre und das Leben seiner Tochter, denn für sein eigenes, und die Diener dachten wohl auch, daß die Herrschaften größeres Vergnügen haben würden, wenn man einen der Juden nach dem andern ihnen überbrachte, als wenn man beide zu gleicher Zeit ihrer Laune opferte. Die Edelleute aber wollten von Rabbi Jehoschua nichts wissen. „He, alter Mauscheljude, wo ist deine Tochter? wo ist deine Tochter?" hallte es wirr durcheinander von allen Seiten durch den Saal. Einer der wilden Horde stürzte sich auf den Rabbi und ergriff ihn an seinem Rock. „Hinweg mit Dir," schrie er, „hole uns das Mädchen hierher, hole uns deine Tochter." Wie die Diener hörten, daß die Herrschaften nur nach der jungen Jüdin verlangten, so beeilten fie sich, dieselbe in den Saal zu bringen. Als aber Esther, die vermeinte, daß ihr Vater in gegenwärtiger Lebensgefahr sei, in den Saal gebracht wurde, da riß sie ftch von den Dienern los, stürzte fort, hin nach dem Pan von Wola, den sie auf seinem erhöhten Sitze sofort als den Vornehmsten dieser Genossenschaft erkannte. „Thut meinem Vater nichts, meinem geliebten Vater," schrie sie, „tödtet mich, wenn Ihr morden wollt, aber ihn laßt seines Weges in Frieden ziehen." Mit Wohlgefallen ruhte der gierige Blick des jungen Mannes auf dem schönen jungen Mädchen, dessen Körper sich zu seinen Füßen wand, und das ihn so beredt anzuflehen wußte. „Wir wollen dich gar nicht tödten, mein Schätzchen," sagte er, „komm nur her zu mir, mein liebes Kind, wenn ich auch der Pan von Wola selber bin, so brauchst du doch keine Angst und Scheu vor mir zu haben, fürchte dich nicht, ich thue dir nichts Böses," und bei diesen Worten legte er seine Arme um die Schultern Esthers. Mit Entsetzen sah Rabbi Jehoschua seinem Gebühren zu. „O, warum bist du hierher gekommen, meine Tochter," jammerte er, „wärest du doch fern geblieben und hättest mich sterben lassen, vielleicht, daß ihnen an dem einen Morde genug gewesen wäre, nun aber mein Kind, was wird mit dir geschehen?" „Was ihr geschehen wird," rief der Pan lachend, „es wird ihr nicht übel ergehen, alter Jude, Hab gar keine Angst, ich will ihr Gold, Silber und schöne Kleider geben, so viel sie will. Komm uur näher, mein Täubchen und sei gut zu mir," rief er nun wieder in leidenschaftlichen Tönen Esther zu und milderte seine Stimme so weit herab, als es ibm nur möglich war. Aber auch die Blicke der Gäste des Pan ruhten feurig auf dem wunderbar schönen jungen Mädchen. Trotz ihrer armseligen, vielfach zerissenen und von dem Kothe der Straße beschmutzten Kleidung erstrahlte ihre Schönheit in reinstem Lichte. Im Gegentheil, das lange kastanienbraune Haar, das in überreicher Fülle über Nacken und Schulter fast herab bis zum Boden hing, gab ihr einen schier wildromantischen Reiz. Besonders aber waren es ihre großen, schwarzen, eine heiße Glut ausströmenden Augen, die das Herz aller derer entflammten, die ein Strahl aus diesen Sternen getroffen. Mit Entsetzen blickte Esther in das Gesicht des halbtrunkenen Wüstlings, der sich ihr bis auf einen kleinen Zwischenraum genähert hatte. Der berauschende Duft des Weines und Branntweines, der von dem Pan ausging, erfüllte sie mit Abscheu und Greuel und seine rohen Liebkosungen ließen sie bis innerste erbeben. „Hinweg von mir," schrie sie, „hinweg von mir um Gott!" (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestenzwei Vogen. Preis de- Jahrgangfür Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch fett» Buchhandel pt beziehen bei C. $. Strinorder« Leipzig. Deßplah 16. — Inserate 2b Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut EourS. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Ei«e Nücksendnug b»n au die Redactioy eingesaudten Manuskripten findet nicht statt, «au bittet deshalb sich von allen Einsendungen eine Copie zurückzubehalten. Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenun: Deutschland: Frankfurt a. M. Aus Bayern. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Lemberg. — Feuilleton: Esterka, Königin von Polen. Historische Erzählung von Hugo Freund (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Einweihung der Synagoge in Lüneburg. — Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen: Deutschland: Gießen. AuS Baden. Aus dem Murgthal. Stuttgart. Schwerin. — Aus der Lehrerwelt. Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Die Rezeption der Jaden in Ungarn. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: München. Dresden. Metz. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — AuS jüd. Vereinen u. Stiftungen. verantwortliche Redaction: OSear Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aetien-Gesellschast in Mainz. Hierzu drei Beilagen.

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