Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 47 (14.6.1894)
- Date
- 1894-06-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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357 Leibeigene, der Rabbi Jehoschua und seine Tochter in das Schloß gebracht hatte, war ein guter und mitleidiger Mensch, und wollte das Seinige thun, um die beiden schwer geprüften Wanderer vor dem harten Schicksal zu bewahren, das ihnen drohte. Er hatte deßhalb dem jungen Mädchen Trost zugesprochen und mitgethetlt, daß sich im Schlosse des Pan auch ein Jude als Angestellter des jungen Herrn befinde, und daß dieser Jude ein lustiger, braver und guter Mensch sei. Gewiß werde er alles aufbieten, um seine Glaubensgenossen vor dem Herrn des Hauses zu verbergen und ihnen auch Nahrung in genügender Menge, und nach den Speisegesetzen der Juden zubereitet, zukommen zu lassen. Und in der That, kaum hatte Jankele gehört, daß stch ein Glaubensgenosse und seine Tochter in dem Schlosse befände, da hatte er schnell von seinen Speisen, die er sich selbst für den Abend zubereitet hatte, geholt und hatte sie, da er keinem Andern dies anvertrauen wollte, auch selbst htnausgebracht in den Stall, in welchen der Leibeigene Rabbi Jehoschua und seine Tochter gebracht hatte. Jankele beschäftigte sich in seinen Mußestunden sehr eifrig mit dem Studium der Gotteslehre, und er war entzückt, in dem fremden Wanderer einen so großen Gelehrten zu finden, wie es Rabbi Jehoschua war. Nachdem nämlich der Greis im Trocknen war und man ihn in ein schnell herbeigebrachtes Lager gebettet hatte, erholte er sich rasch und etwas Speise und Wein hatten ihm in kurzer Zeit die Kräfte wieder verschafft. Esther zwar hatte ihn gebeten, nicht viel zu sprechen und stch noch zu schonen, aber der alte Mann war so dankbar für die Güte, die er von Jankele empfangen, daß er sich nicht genug in Dankesworten thun konnte, und die beiden kamen in ein immer lebhafteres Gespräch. Das Mahl des jungen Pan war ja zu Ende, die Speisen waren alle schon verzehrt und Jankele verletzte seine Pflicht nicht, wenn er nun die Küche verließ. So war er gerade im traulichsten Zwiegespräch mit seinem Gastfreunde begriffen, und sie hatten gerade einige hübsche Erklärungen einer schwierigen Talmudstelle ausgetauscht, als die Diener des Pan mit wildem Hurra in den Stall stürzten. „Da ist er, da ist er", schrieen sie, „Du sollst sofort zum Pan kommen." Jankele sprang sofort auf, und eilte hinweg zu seinem Herrn. „Wo warst Du, Hund", fuhr ihn der junge Adlige an, und eben wollte Jankele eine Erwiederung stammeln und nach einer Ausflucht suchen, als einer der Diener, der ihn gefunden hatte, das Wort ergriff und erzählte, daß Jankele im Stall gewesen sei, in dem die jungen Füllen vom vorigen Jahre untergebracht gewesen wären, und daß stch dort ein alter Jude mit seiner Tochter aufhalte, denen Jankele Speise und Trank gebracht. „Ein Jude!" schrie der Pan, „ein fremder Jude, ha, ha, ha! das kommt mir gelegen, knüpft ihn sammt seiner Tochter sofort auf!" Jankel fiel dem Pan zu Füßen. „Lieber Herr", sagte er, „es find unschuldige Wanderer, die in Deutschland vertrieben worden sind, und nun in Polen stch eine Freistatt suchen wollen. Sie wollen nur hindurchziehen durch das Gebiet meines grobmächtigen Pans. Sie werden es morgen schon wieder verlassen." „Juden aus Deutschland, die dort vertrieben worden sind. Natürlich, all dieses Gesindel muß hierher zu uns, nach Polen," rief der Pan, „ich aber weiß, was ich meinem Vaterland schuldig bin." „Ist die Tochter des Juden schon alt?" fragte der Herr von Lastnsky den zitternden Jankele. „Nein, nein", schluchzte Jankele, „noch ganz jung, ein kaum vielleicht I8jähriges Mädchen und so lieblich und schön, es wäre grausam, sie schon tödten zu lassen." Jankele hätte nichts sagen können, was eineu größeren Eindruck auf die Versammlung machte, als diese Worte. „Jung? schön? lieblich?" schallte es wirr und bunt durch den Saal. „Jan, Jan, die müßt Ihr hierher bringen lassen, wir wollen sie sehen, wir wollen wissen, ob Jankele wahr geredet." Der Pan von Wola lachte auf. „Et, ei", rief er hohnvoll, „ihr seid ja mit einem Male auch so judenfreundltch geworden, ihr kühnen Vaterlandsretter/' „Ha! ha! die alten häßlichen Juden hänge man auf, aber die schönen jungen Jüdinnen machen selbstverständlich eine Ausnahme." „Ja, ja, gewiß, so ist es", scholl es lachend aus dem Kreise, „mache uns doch den Spaß, guter Jan und laß die beiden hierher bringen, mit dem Alten können wir noch manchen Scherz und Kurzwelle treiben und mit der Tochter nicht minder. Zu was könnte man dann zwei Juden besser gebrauchen, als indem sie unsre edle und hohe Gesellschaft unterhalten. Und wahrlich! Die beiden können morgen ruhig sterben, wenn es ihnen heute noch gelungen ist, uns einen guten Abend zu verschaffen." „Da haben sie ja einen Lebenszweck erfüllt, wie sich zwei Juden ihn gar nicht besser wünschen können." „Nun denn, wie ihr wollt, ihr edlen Herrn," sagte der Pan von Wola.