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Der Israelit · 1894-06-14 · Heft 47 (14.6.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 47 (14.6.1894)
Date
1894-06-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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858 die Reichen noch im Wohlstand leben können, die Armen aber darben. Dies tritt ein, wenn der Sinn, den die Maaser-Jnstitution wecken und erhalten will, noch nicht ganz, sondern theilweise geschwunden ist. Vielleicht will jedoch pryo pspo nicht den Bruchthetl der Leute, welche den Zehnten abschieden, sondern die theilweise, einseitige und ungenügende Art und Weise bezeichnen, mit welcher man dem Geist dieser Institution Rechnung trägt. Man erkennt z. B. die Berechtigung des Gedankens an, welcher der ganzen Maaser-Jnstitution zu Grunde liegt, man leistet dem Geiste seinen Tribut, man erkennt die Fürsorge für die „Enterbten" als eine Roth Wendigkeit an, man bringt auch dem Göttlichen seinen Zoll und dennoch steht alles im Dienste des raffinirten, rücksichtslosen Selbst-Interesses. Man pflegt den Geist, man schätzt das Wissen, man lernt und studirt. um — damit später Brod zu verdienen. Man sorgt für die Armen, indem man Armen-Vereine gründet, welche eigentlich Reichen-Vereine heißen müßten, weil sie zur Bequemlichkeit der Reichen den Armen das Haus verbieten, um sie an einer Kaffe „abzufertigen", wie der zutreffende Ausdruck lautet. Man bringt dem Göttlichen seinen Zoll, indem man ihm prunkende Gotteshäuser errichtet, Häuser, welche wie ihr Name zutreffend sagt, mehr für Gott, als für die Menschen sind. In diesen Häusern geht alles Interesse für alles Göttliche aus, das man im Leben verleugnen kann, sobald man ihm in quadersteinernen Prachtbauten genügt hat. Dieses pW p'n inspci pipyo irinpv, daß man seiner Maaser-Pfltcht nur theilweise genügt, ihr aber theilweise entsagt, hat zur unabweisbaren Folge den grellen Abstand zwischen den „glücklichen Besitzenden" und den „unglücklichen Enterbten", daß e8 keinen Mittelstand mehr gibt, daß der glänzende Prunk sich neben dem nackten Elend breit macht, daß alle Hammer und Ambos sind, daß die einen im Ueberfluß schwelgen und die andern im Mangel darben, crjoff inspoi d’djh jnspo. Der Geist, das Wissen und die Bildung der Gebildeten und Wissenden gibt ihnen eine geistige Waffe in die Hand, welche die durch ihre Armuth Ungebildeten nicht besitzen. Der Klaffenkampf wird dadurch um so rücksichtsloser. Die Fürsorge, die man ostentativ für die Armen zur Schau trägt, indem man die Armuth als Schande bezeichnet, die nicht über unsere Thürschwelle darf, indem man den Armen als Bettler und Verbrecher deklartrt und sich gegen dieselben durch Antibettel-Vereine, Vereinsschtlder rc. wie gegen ein wildes Thier abschließt, das alles macht den Gegensatz zwischen den D'ajn und D'yriv, zwischen den Hungrigen und Satten nur noch schärfer. Die Heuchelet thut so weh, die unter dem Deckmantel der Menschenliebe solchen Klaffenhaß treibt. Es ist dieselbe Heuchelei, die auf ihre prächtigen Tempel als auf die unumstößlichen Beweise ihre Religtösität pocht, und dabei so arm und leer an allem ist, was heilig, göttlich, ja oft nur menschlich ist. Läßt der Egoismus dann, diese Maske fallen und läßt seine Fangarme unverhüllt die Schwäche des Schwachen ausbeuten, dann tritt zu dem Theuerungs-Hunger noch der nviriv bv ajn. der Hunger der Verwirrung. — Die Erklärer bezeichnen diesen Hunger als solchen, der nicht aus Mißwachs und anderen natürlichen Mißständen entspringt, sondern einen solchen, der bei reichster Fülle von Gütern und Mitteln denkbar ist. Krieg, Revolutionen und Parteiungen aller Art können bewirken, daß der blühendste Segen Niemandem zu Gute kommt. Vielleicht darf man unter dieser Verwirrung auch die Confusion der primitivsten Begriffe von Recht und Unrecht verstehen, mit welcher Spekulation, Trusts. Ringe und wie die Ausgeburten rücksichtsloser Ausbeutung alle heißen mögen, den Segen Gottes in sein Gegentheil verwandeln. Durch künstliches Steigen und Sinken der Nahrungsmittel werden dieselben vertheuert. Der Segen ist da, aber damit er in den Händen einiger wenigen Bevorzugten verbleibe, wird er der Menge vorenthalten und vertheuert, als ob Hungersnoth im Lande wäre. Das ist nvinv btt? np als unmittelbare Folge des Schwindens jenes Geistes der Hingebung und der Selbstlosigkeit, zu welchem die Maaser- Jnstitution erziehen will. Schwindet mit Mizwas Challo dieser Geist auch aus den Häusern, wird er nicht nur im Geschäft und Verkehr draußen, sondern auch im Hause und in der Familie vermißt, dann tritt btt? ajn rrfc, der Hunger der Vernichtung ein. Man faßt ajn rpto btt? gewöhnlich als einen Hunger auf, welcher durch sein intensives Auftreten die Vernichtung zur Folge hat. Dann würde er jedoch sprachlich mit msD btt? 2jn und noino btt? ny-i contrastiren. Hier ist es ein Hunger, welcher Dürre und Verwirrung zur Ursache hat. Vielleicht ist es auch hier gestattet an die Vernichtung auch der letzten menschlichen, höheren Regung zu denken, die das Schwinden des Challo- Geistes aus unseren Häusern bedeutete. Wenn unsere Frauen selbst der höheren Weihe der Genüsse und Güter des Hauses die symbolische Anerkennung durch Mtzwas Challo versagte, dann träte das Verhängniß ein, daß auch Gott seine segnende Hand schließt und die darbende Menschheit auf diese Weise in die götüichen Geleise des Rechts und der Liebe zurückgeführt wird. Beachten wir daher diese heiligen Gebote auf das Peinlichste, damit der Allgütige uns vor solch schlimmen Dingen bewahre. (Fortsetzung folgt.)

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