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Der Israelit · 1894-06-07 · Heft 45-46 (7.6.1894) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 45-46 (7.6.1894)
Date
1894-06-07
Page
– (sequence 28)
Language
German
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850 besten Unmuth über die herbe Krttik des Freundes, die dem Kinde seiner Muse alle Lebensfähigkeit absprach. Während Schiffer stch anschickte dem Vorwurfe Kopals durch Vertröstung für eine andere Gelegenheit zu begegnen, wurde die Thüre geöffnet und ein neuer Ankömmling, seinem Aeußern nach, unzweifelhaft demselben Theologenkretse der Anwesenden angehörig, ging, oder stürzte vielmehr in das Gemach. Verwundert blickten ihn alle an, denn, bei der würdevollen Gelaffenheil, die Salomon Weiß — so nannte sich der Angekommene — stets zur Schau trug, war die ihn fast athemlos machende Hast, mit welcher der Genannte vor ihnen erschien, lehr auffallend. „Rabboßai", begann Weiß nach einigen ruhigen Athemzügen, „eben hat der BethdinschameS mir mitgethellt, daß er den Auftrag habe die Herren Rabbtnatscandidaten für Morgen nach Schul in die Wohnung des Herrn Oberrabbiners Rapoport einzuladen. Da ich wußte, daß ihr um die Nachmittagszeit bei unserm Freunde Kopal anzutreffen seid, so entschloß ich mich euch aufzusuchen, um eine gute Nachricht so rasch als möglich mitzutheilen." „Eine gute Nachricht? wie meinst du dies", ftug ihn Kopal. „Laß ihn", wendete sich Alt zu dem Fragenden. „du kennst doch Weiß, er erzählt immer eine Geschichte „vom andern Eck" beginnend, laß ihn ruhig weiter reden bis er zum „rechten Eck" gelangen wird." „Nun habt ihr's gar so eilig, könnt ihr nicht warten", meinte unwillig die Stirne runzelnd der so getadelte Berichterstatter, „ich kann es euch nur so „zerbrochen" erzählen wie ich es vom Schammes - in Erfahrung gebracht." „So erzähle „zerbrochen", wir werden es schon ganz machen" lautete der ungeduldige Ruf Schiffers. Weiß nahm nun mit selbstzufriedener Miene seinen Bericht wieder auf. „Als mir Reb Berech diese Einladung mitthellte, war ich, wie ihr euch denken könnt, neugierig den Beweggrund derselben kennen zu lernen und ich bot selbst die mir nicht eigene Liebenswürdigkeit auf, um von dem SchammeS Aufklärungen hierüber zu erlangen. Meiner lobenden Anerkennung der wissenschaftlichen Leistungen unseres Reb Berech auf dem weiten Gebiete der „Mischna" gelang es ihn aus seiner Reserve hervorzubringen. Und so erfuhr ich: Wir sollen oben ttn „Minjan" (Betgemeinde) bilden zum Aufrufe« eines „BalTfchuwe" (Bußfertigen), der vor vielen Jahren stch bi taufen ließ und wieder zur Gemeinde Israels zurückkehrte. Damit nicht „cholile" in heutiger bewegter Zell unliebsames Aufsehen entstehe, so wünscht der Rebbe, daß der „Baltfchuwe" nicht in „Schul", sondern vor Männern seines Vertrauens „mtßwadde lifne rabbim" (Sündenbekenntnißablegung) sein soll. Wir werden mit diesem Vertrauen beehrt und werden daher vollzählig erscheinen." „Das ist also die gute Nachricht", unterbrach verwundert Kopal den Erzähler. „Warte nur", meinte beschwichtigend Alt, „du stehst doch unser Freund Schlome ist noch nicht beim „rechten Eck" angelangt." „Ja", sagte zustimmend Weiß, „jetzt kömmt das Schönste. Neugierig wie ich schon bin, ftagte ich Reb Berech ob ihm denn jener „Bal Tschuwe" bekannt sei, worauf er mir erzählte: Jener Baltfchuwe sei ein vermögender „Randar" (Pächter), der vor vielen Jahren um die Pachtung zu erlangen, seinen Glauben verleugnete. Von seiner Familie getrennt lebend, sei er von Reue und Gewissensbissen gefoltert, zu dem Entschlüsse gelangt, zum jüdischen Glauben zurückzukehren. Da dies jedoch gesetzlich nicht zulässig sei, so könne er nur, ohne öffentlich seinen Rücktritt bekannt zu geben, insgeheim seine Buße und Reue erklären. Der „Rebbe" hat erst dann sich entschlossen dem Begehr dieses „Randars" zu willfahren, als er in Erfahrung brachte, daß einer seiner Söhne, ein hochgeachteter Rabbiner in Aschkenas (Deutschland) wäre, mit dem er auch darüber einen Briefwechsel pflog. Dann hat er etngewilligt, worauf der Bußfertige voll Freude und Dank, dem Rebbe fünf Hundert Gulden zur Unterstützung bedürftiger Jeschiwajünger überreichte. Eine frohe Stimmung und die Ausdrücke der Freude und des Erstaunens wurden im Kreise der Freunde vernehmbar, während Schiffer nicht umhin konnte zu bemerken, daß Schlome Weiß jetzt glücklich an das „rechte Eck" in seiner Erzählung angelangt wäre. Der Fall wurde noch von verschiedenen Gesichtspunkten aus dem Gebiete des talmudischen Rechts beleuchtet und darüber hin und her debattirt; eudglltig ward aber der Beschluß gefaßt. Morgen nach dem Gottesdienste beim Oberrabbiner oder wie er damals genannt wurde „Oberjuristen" Rapoport zu erscheinen. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich« Redaktion: O»ear Lehmann in Mainz. — Expedition de» .Nräeljt', Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck trab Verlag der Ioh. Wirth'schen Hofbuchdruckrrei-Actien-GesÄlschaft in Mainz.

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