Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 45-46 (7.6.1894)
- Date
- 1894-06-07
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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Beilage zum „Israelit" Nr. 45 & 46. Deutsch - Israelitisches Meichswaisenhaus Diez an der Lahn. Ist es auch keine langjährige Thätigkeit, auf die das Deutsch-Israelitische Reichswaisenhaus zu Diez a. d. Lahn zurückblickt, so ist diese doch als eine außerordentlich segensreiche zu bezeichnen. Segensreich schon deshalb. weil sie arme, schuldlose Mädchen aus Verhältnissen riß, in denen dieselben zum großen Teile eine durchaus lieblose Behandlung erdulden mußten. Zwei Mädchen entnahmen wir christlichen Armenhäusern und wir wollen nicht undankbar sein, sondern anerkennen, daß menschliche Liebe gewiß auch hier das Beste gewollt Aber in welchem Zustande trafen diese armen Wesen bei uns ein? - Verwahrlost an Körper und Seele! - Keine liebende Hand war für diese Armen besorgt und so waren sie, sich selbst überlassen, ein Bild des Elends geworden. Ein anderes Mädchen, das durch sein scheues Benehmen auffi.l und dieserhalb von uns befragt wurde, bekundete, daß es wiederholt mißhandelt worden sei Gründe können nicht zum Vorwände gedient haben, denn das betreff Kind ist ein braves, Uebes Mädchen, das bisher zu keinem Tadel Veranlassung gab. Die Mißhandlungen waren derartige, daß der Gemeindevorstand das Kind kurz vor dessen Eintritt in unsere Anstalt der natürlichen Erzieherin entzog und anderweitiger Pflege überwies Ist dies Bild, das wir von den bei uns nun in sicherer Obhut befindlichen Kleinen entwerfen müssen, ein überaus betrübendes, so müssen wir zugeben, daß die Zahl derjenigen Mädchen, die unter ähnlichen, mehr als traurigen Verhältnissen ein jammervolles Dasein fristen, leider eine sehr große ist. Wir haben vor fünf Jahren eine Waisen anstatt für Knaben errichtet und mithin Einblick erhalten in die Verhältnisse, unter denen Knaben leben und heranwachsen Ein Knabe, der sich selbst überlassen, die Bahn des Lasters betreten hat. wird in den meisten Fällen, durch den zwingenden Einfluß seiner Lehrzeit, immer noch zu einem brauchbaren Gliede der menschlichen Gesellschaft. Anders ist es leider bei unseren Mädchen. Ein Mädchen, das die Bahn des Lasters einmal beschritten, gleitet aus dieser glatten Bahn stets vorwärts Für dasselbe fehlt die strenge Lehrzeit und ihr wohlthätiger Einfluß; dem selben fehlen die Hand werker vereine und andere segensreiche Institutionen, die dem Knaben einen Halt im Leben gewähren, zu einer Zeit, wo der Mensch dieses Haltes am ehesten bedarf. Erwacht in den Herzen dieser Mädchen der Funke menschlichen Ehrgefühls vielleicht zum letzten Male, dann ist es zumeist schon zu spät; die Rückschau gibt nur eine trostlo e Gewißheit, daß das Laster sich sein Opfer bereits gesichert hat. In den bestehenden Waisenanstalten Deutschlands befinden sich mehr als doppelt so viel Knaben', als Mädchen. Da es aber bekanntlich mehr Mädchen als Knaben gibt, so wird ein Jeder die außerordentliche Rothwendigkeit einer Erziehungsanstalt ermessen, die unseren armen, verlaffenen Mädchen ein schützendes, fürsorgendes Heim gewährt. Dieser Aufgabe sucht das Deutsch - Israelitische Reichswaisenhaus zu genügen I. durch Aufnahme und Pflege ganz oder halbverwaister Mädchen in seiner Anstalt zu Diez an der Lahn; 17 durch Zuwendung einer den geistigen Anlagen dieser Mädchen entsprechenden Schulbildung; III. durch Unterstützung solcher Kinder, deren natürliche Erzieher (Vater oder Mutter» die Gewähr bieten für eine gedeihliche Entwickelung ihrer Kinder; IV. durch Ausbildung der Schulentlassenen zu einem Lebensberufe. Die ack III angedeuteten Gesichtspunkte ermöglichen ein segensreiches Wirken, ohne daß man am die vorhandenen Anstaltsräume Rücksicht nehmen müsse Es darf als unbestritten gelten, daß manche arme Mutter lieber mit ihrem Kinde darbt, als daß sie in eine Trennung von demselben willigt. In ihrem Leben voll Sorg und Not bildet ja ihr Kind die einzigen Lichtblicke Warum sollten nur dieses Kind der Mutierpflege entziehen und in die Anstalt verpflanzen? — Würden wir doch dadurch dem Pfleglinge ein nicht zu ersetzendes Vorbild der Arbeitsamkeit, Genügsamkeit und Kindesliebe rauben. Welche Gründe aber könnten uns veranlassen, diesen Kindern unsere Hilfe zu versagen? Kann doch gerade in solchen Fällen mit verhältnißmäßig geringen Mitteln ein großer Segen erreicht werden, doppelt groß dadurch, daß das Gedeihen des Kindes dem Mutterherzen Glück und Zu friedenheit gewährt! (Schluß folgt!)