Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 45-46 (7.6.1894)
- Date
- 1894-06-07
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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bedrängter Situation wie seine andern Landsleute, da die „theuern Ettern" kein Geld senden tonnten. Bernard hatte auf die Frage KopalS keine andere Erwiederung als ein Achselzucken, das die Vergeblichkeit aller darauf verwendeten Bemühungen eine „Lection" zu erlangen, ausdrücken sollte. Der Dritte der Besucher, Joseph Schwarz, fühlte sich jedoch gedrängt, seinem Unmuthe über das Elend der Zeit Lust zu machen, indem er so in polterndem Tone hinwarf: „Das ist die Lehre und das ihr Lohn, jetzt stehen wir da ohne jegliche Hilfe; wenn nicht der gute Reb Baruch Kauders wäre, der mich im „Franzefuß" jene paar Groschen verdienen läßt, die er Reb Dovid Trisch abnimmt, ich hätte nicht eine Brodrinde zu kauen, — unsereins kann ja nicht an der Thüre stehen und betteln! Wir sind wahrlich nicht klug, daß wir uns an die rechte Seite der Thora halten, von der es heißt: „Langes Leben ist in ihrer Rechten", wir sollten uns lieber links halten, wo es heißt: „in der Linken ist Reichthum und Ehre!" Alle lachten über diese Auslegung einer Psalmstelle und Bernard Alt ließ es sich nicht nehmen, auch seine Deutung bekannt zu geben. „Diese Thetlung der Erdengüter als Belohnung, Reichthum und Ehre auf der einen, langes Leben, aus der andern Seite", erklärte er ganz ernsthaft werdend, „ist nicht ohne Bedeutung, sie soll darstellen, daß demjenigen, der nach Reichthum und Ehre jagt, nicht langes Leben zu Theil werden kann — dem Verständigen bleibe die Wahl," „Und was nützt es uns", ergänzte Eduard Langfeld, der Vierte im Bunde der Theologen, diesen homiletischen ExcurS, „wenn wir weder „Reichthum und Ehre" noch „langes Leben" bei diesem Leben voll Darben und Elend haben können. Ich habe schon alles Erdenkliche versucht, um mir externe Einnahmen zu verschaffen; sogar eine Novelle für den „Israelit" habe ich zu schreiben angesangen." — „Bist aber nicht über „die drei Retter, welche in Mänteln verhüllt umMttternacht aus der Stadt Hinausreiten" hinweg gekommen", unterbrach ihn Schiffer fröhlich lachend, wobei er seine blendend weiße Zähne zeigte. „Du wirst besser thun, mein Abendbrod zu thetlen als dir in dieser Weise Brod zu schaffen." „Warum ladest du mich nicht zu deinem Abendbrod ein", frug ihn vorwurfsvoll Kopal, „ich will ausnahmsweise ein ganzer „Honved" sein und mit dir bis Mitternacht politisiren." Um diesen Antrag Kopals zu verstehen, mußte man wissen, daß Schiffer und Langfeld die feurigsten ungarischen Patrioten auf der Jeschtwa waren. Beide dachten weniger an Raba und Abaja, au Rab Amme und Rab Affe, als an Bem, Klapka, 1 Görgei und Dembinskt. und da sie mit den Prager I „Siebenundsechziger" (so nannte man die Prager Regierungstreuen) nicht politisiren konnten, so ward die „Kannegießerei" im abgelegenen schönen Zimmer j Schiffers umso eifriger betrieben. 3 Dabei lastete auf Schiffer der Verdacht, daß < er die „gefährlichen Grenzboten" lese, weil vor nicht langer Zeit, während des Schiurs bei Reb Leb Glogau seinem Rocke eine grüne Broschüre entfallen war, die er eiligst versteckt hatte; auch? war es stadtkundig, daß Schiffer und Langseld im „Salon Radel Weiner" willkommene Gäste seien. ' In diesem „Salon" pflegte sich ein Conventikel junger „Streber" einzufinden, die dem Hof günstig gesinnt waren, welchen sie den beiden schönen und geistreichen Töchtern der Frau Weiner machen konnten, sonst hatten sie über „Hof", „Staat und Religion" ihre eigenen Ansichten, die jeder nach seiner Denkungsart und stets recht geistreich und beredt verfocht. Dieses Wortgefecht im Kampfe für die „Ideale" der verschiedensten „Farbe und Sorte" untermischt mit den zärtlichsten geistreichen Causerien und Komplimenten, die an die Adresse der Fräulein Weiner gerichtet waren, bildete für die Besucher des „Salons" eine so angenehme Erinnerung, ein Ansporn, den Austausch der Meinungen öfter zu *1 pflegen und vereinigte doch die Gegner und Rivalen zu einem Bunde gegenseitiger Freundschaft. Dort hatten auch die Rabbinatskandidaten Schiffer und Langfeld die Weihe politischer und sozialer Theilnahme an der Bewegung jener Zeit 1 empfangen. Für Langfeld hatten diese Besuche auch die % andere angenehme Seite, daß er beim Buffet sich ein wenig erholen konnte, obwohl daffelbe nur ab- 1 wechselnd aus Häringen und Sardellen mit Bier i oder Chocolade mit Semmelschnitten bestand. Dieser „Tisch" legte auch der guten alten, :& Frau Weiner keine allzu große Kosten auf, weil i alle Ingredienzien zu demselben aus ihrem Spezereiladen geliefert wurden. "i Doch sah Frau Weiner aus „Derech Erez", y das heißt die Gäste mußten noch soviel stehen lassen, 1 daß für Mutter und Töchter ein genügendes Nachtmahl erübrigt wurde. Ein starker „Esser" wurde unerbittlich nicht mehr eingeladen und Lavgfeld hatte sich sehr zu „beherrschen" es sollte doch der 1 geistige ästhetische Genuß vorwiegeu. Er hatte aber 1 auch als der inttmste Freund Schiffers öfter Gelegenheit für diese Zurückhaltung sich zu entschädi- , gen, wenn er wie heute eine Einladung von Schiffer erhielt. DaS Lächeln der Zufriedenheit, welches | Langfelds Züge umstrahlte, verrieth nicht den min- 1