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Der Israelit · 1894-06-07 · Heft 45-46 (7.6.1894) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 45-46 (7.6.1894)
Date
1894-06-07
Page
– (sequence 26)
Language
German
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848 hört zu diesem Stande. Es muß offenbar nicht wahr sein, daß dieser Stand seinen Mann nährt, wenigstens den Rabbinatskandidaten nicht; Kopal war nicht allein die Miethe noch schuldig, sondern sein Mittagstisch war, wie die Speisereste verriethen, ein höchst frugaler gewesen, fast buchstäblich nach den Worten der „Ethik", die dem „Weisheitskäufer" Brod und Salz vorfchreibt. — Er hatte „Kartoffeln mit Salz" als Weisheit schaffende Kost gewählt. Nichtsdestoweniger besaß Kopal, zu seiner Verzweiflung und zum Spotte seiner Collegen ein ziemliches, bei dieser schmalen Kost unerklärliches Embonpoint. Wir sagen zu seiner Verzweiflung, denn seine Körperfülle hatte ihn um die Gunst des strengsten Examinators im Talmud gebracht. Dieser, ein ausgezeichneter Talmudkenner, hatte im Gegensätze zu Cäsar, der bekanntlich die magern Personen nicht leiden konnte, eine Aversion gegen dicke Rabbinatskandidaten. Er hatte die Anschauung, der er oft Worte verlieh: „E Gallach (Seminarist) muß dick und ein Rebbe muß mager sein." * Wenn man die sehr divergirende Lebensweise dieser Theologen in Betracht zieht, so war diese Anschauung eine wohlbegründete, und der scharfblickende Rabbi mochte wohl auch bet unserm Kopal im Rechte sein, wenn er ihm nicht seine Huld verlieh; denn, — war es Ursache oder Wirkung seiner Körperfülle 2 — dem guten edlen Kopal war eine ziemliche Dosis Trägheit nicht abzusprechen. Vergeblich suchte Kopal diese Abneigung des Meisters abzuschwächen, indem er, während der ersten Schiurstunden, um seine runden Wangen ein Tuch schlang und Zahnschmerzen heuchelte; sein Körper ward zum Verräther und er wagte später erst dann im Lehrsaale zu erscheinen, wenn die Collegen vorher erprobt hatten, ob der Rabbi wirklich bei guter Laune sei. Wir hätten wahrlich den Schlummer des Edlen nicht gestört, wenn nicht ein Getrappel wie von einer Legion losgelaffener Teufel das Haus in Aufruhr und die Stiege in ein bedenkliches Schwanken gebracht hätte und ehe noch der erwachte Schläfer recht die Aeuglein ausgerieben und die an der harten Bank etwas geschundenen Glieder ausgereckt hatte, stürzten schon durch die Thüre vier jugendliche Gestalten ins Gemach, denen man auf den ersten Blick die „Leidensgenoffenschaft" des Standes anmerkte. „Da habt ihrs," rief lachend der erste jener Talmudjünger, auf Kopal hindeutend, „der schlaft bet Tage und führt sich die schlechten Zeiten gar nicht zu Gemüthe. Er ist wahrhaftig im Stande, die schönsten Episoden der Zeitgeschichte zu verschlafen." Der Sprechende ttug in seinem rosigen, von einem mehr röthlich als blonden Barte umrahmten Antlitze eine Hetterkeit zur Schau, die gegen die Nothlage seiner Collegen sehr konttastirte. Allerdings war Adolf Schiffer der beststtuirte unter ihnen, weil er eine Hofmeisterstelle bei den vier Söhnen einer Witwe bekleidete, die ihm nicht wie den Andern in gleicher Stellung, angesichts der schweren Zeiten gekündigt worden war. Es war dies kein besonders glücklicher Zufall, sondern hing mit dem Umstande zusammen, daß jene Witwe den jungen biederen Kandidaten lieb gewonnen und ihm zuredete, die ungewisse Zukunft eines Rabbinatskandidaten gegen eine sichere behagliche Existenz an ihrer Seite auszugeben, wozu sich aber der junge, ehrgeizige Mann nicht entschließen wollte. Es ward ihm aber doch bei der Verehrung, welche seine wahrhaft fromme und tugendhafte Hausfrau für ihn hegte, ermöglicht seinen Collegen hie und da ein gutes Abendbrod oder eine Einladung für „Schabbes" zu verschaffen. Kopal sah, während die lächelnden Blicke seiner Besucher auf ihn gerichtet waren, recht trübselig drein. „Lacht mich nicht aus," sagte er, „im Schlafe vergesse ich meine „Zores," und wenn man so darben muß wie ich, so ist es gut, wenn man sich mit dem Schlaf als dem Bruder des Todes befreundet. Hast Du noch keine „Lektion" erlangen können, Bernard?" Diese Frage Kopals war an einen schlanken und hageren Collegen gerichtet, dessen Antlitz im Gegensätze zum Frohsinne Schiffers, eine gewisse Resignation zur Schau ttug. Ein schwarzer langer Bart, auf den er nicht wenig stolz war, umrahmte das Gesichtsoval und versteckte die vorstehenden Jochbeine. Würde man seiner Gestalt einen weißen Burnus umhängt haben, so hätte sie das prachtvollste Modell eines „Arabers" aus der Schule Horace Vernets dargestellt. Bernhard Alt war ein geistvoller junger Mann, der Sohn vermögender Eltern, und ohne sich eigentlich zum Rabbinerstande heranzubilden, sollte er nur allgemeine Blldung unter dem Schilde der Religiosität erwerben, weshalb ihn seine Eltern in Prag studiren ließen. Gefesselt' von der geistschärfenden Dialecttk des Talmuds und dem Ehrgeize beseelt es den Andern in scharfsinniger Auffassung zuvorzuthun, galt er als der „beste Kopf" unter den Talmudjüngern und selbst jener rigorose Examinator Kopals zollte dem Talente des Bernard Alt eine gewisse Anerkennung; obwohl es kein Geheimniß war, daß er, vielleicht wegen seiner Berufswahl, zu verpönten freisinnigen Grundsätzen sich bekannte, über die er im Kreise verttauter Collegen disputirte. Er war freilich in eben so

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