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Der Israelit · 1894-06-07 · Heft 45-46 (7.6.1894) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 45-46 (7.6.1894)
Date
1894-06-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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> J».IT'IWJ jyffM^^UU'.P^V'JL#^1^1 '^11 ^T-41^ J.rw;■ j w l.. - 841 Reigen derselben eröffnete Hofrath Professor Nothnagel mit folgendem Trinkspruch: Von der Aufgabe, deren Erfüllung uns Allen als hohes und heiliges Ziel vorfchwebt, ist ein großer, ist der bedeutungsvollste Theil in die Hände und Herzen der Frauen gelegt. Gesetze, sociale und ökonomische Maßregeln sind den traurigen und schmachvollen Angriffen gegenüber, zu deren Abwehr wir uns vereinigt haben, wichtig und unentbehrlich. Der volle Erfolg jedoch kann nur dann erreicht werden, wenn diesen Angriffen auf dem Boden begegnet wird, aus welchem heraus sie erwachsen sind. DaS Niedrige und Schlechte, das in letzter Instanz ihre Quelle ist, kann endgiltig nur durch das Edle und Gute überwunden werden. Erhaben und groß ist die Aufgabe der Frauen hiebei. Die eingeborene Güte ihres Wesenläßt sie die Ungerechtigkeit, ihre Milde die Rohheit stärker verurtheilen. Sie sind die berufenen Hüterinnen der Reinen und Milden. Und kraft dieser Tugenden sind sie im Hause und an der Stätte ihrer öffentlichen Wirksamkeit: in der Gesellschaft, der Hort der Gerechtigkeit, der Liebe, der schönen Menschlichkeit. Wo keine Gründe überzeugen, keine Beredtsamkeit der Mannehinreißt, da siegt die sanfte Macht der Frau. An die Herzen der Frauen wenden wir uns, ihnen rufen wir zu: Man höhnt und verspottet die heiligsten Empfindungen unserer Mitbürger, man legt Unschuldigen physische und seelische Martern auf! Hier ist empörende Ungerechtigkeit, härteste Unmenschlichkeit! Und eure Güte lehnt sich nicht auf dagegen, eure Menschenliebe erhebt nicht flammenden Protest dagegen? Ihr könnt Unschuldige gepeinigt sehen, ohne daß aueuren Herzen die heilige Gluth der zürnenden Gerechtigkeitsliebe emporloht? Aber noch Höheres, noch Heiligereist den Frauen anvertraut: in ihre Hänve ist die geistige und sittliche Zukunft unsere- Volkes gelegt. Die Kinderfeele ist ihnen übergeben; zu Gutem oder zu Bösem können sie, ja sie fast allein, dieselbe formen. Und da rufen wir den Müttern zu: Wie ihr eure Kinder lehrt, daß Diebstahl entehrend und gemein sei, so lehret sie ein Gleichevon dem Haß und der Verfolgung der Mitmenschen; lehret eure Kinder, daß sie den Mitmenschen nur beurtheilen nach dem, was er thut, nicht nach Confefsion und Nationalität. Sät den Samen des Guten in die Kinderseelen und reißt unnachsichtig da- Unkraut aus. Nur wenn schon die Kinderseelen von edler Mutterhand geführt werden, wird dawieder eintreten, was wir so heiß und innig ersehnen: daß unsere Jugend wieder daS Banner des Idealismus, schöner Menschenliebe und Gerechtigkeit entfaltet, auf welchem in leuchtenden Zügen daS Wort des großen Dichters glänzt: Den Menschen Lieb' — ist Götterfreude. Unsere Frauen, sie sollen leben und wirken in unserem Sinne, nach unseren Zielen für unsere bedrückten Mitbürger! Nach etnem kurzem Trinkspruche des Barons Suttner, welcher den Ehrenpräsidenten Baron Leltenberger, Professor Nothnagel und Grafen Hoyos galt, erwiederte Frau Baronin Bertha Suttner auf die an die Adresse der Frauen gerichteten Worte Professor Nothnagel's. Die mit brausendem Beifall begrüßte Sprecherin sagte: „Die uns gestellte Aufgabe möchte ich meinen Schwestern dringend ans Herz legen; das uns gespendete Lob aber kann ich in unser Aller Namen nicht annehmen, umsoweniger annehmen, da ich hier als Anklägerin der Frauen auftrete. Sie sind die wüthendsten Militär- und Kriegsfreundinnen, an sie wendete sich Prinz Liechtenstein mit dem Appell: Kauft nicht bei Juden! welchem sie Folge leisteten und den sie hinaustrugen aus jener Versammlung in ihre Familien. Wir Frauen können dessenungeachtet viel wirken. In unserer Hand liegt das Mittel der Zuchtwahl: Diejenigen, die wir auszeichnen, müssen sich zu unseren Zielen bekennen. Darum rufe ich: Kauft nicht bei Antisemiten!" Mit dem Wunsche, daß alle Friedensvereine im weitesten Sinne des Wortes bald überflüssig sein mögen, schloß die Rednerin unter lautem Applaus. Unter allgemeiner Spannung ergriff sodann Baron Leitenberger das Wort, der in kurzen, aber um so markanteren und politisch bedeutsamen Worten auf die Stellung des Vereins hknwies und zu festem, innigen Zusammenhalten mahnte. Wiederholter stürmischer Beifall folgte den scharf pointirten Sätzen. Unsere Devise, sagte Baron Leitenberger, muß in Zukunft lauten: Kraft, Ausdauer, Zusammenhalten! Nur so werden wir die nöthtge Stärke zur endgiltigen Besiegung unserer Gegner finden, zu der vollständigen Niederwerfung der antisemitischen Bewegung, wenn auch das Ende derselben heute noch nicht abzusehen ist. Nicht ohne Absicht, verehrte Anwesende, habe ich Sie aufgefordert, enge und kraftvoll zufammenzuwtrken; denn ich habe die traurige Empfindung, daß wir indem harten Kampfe auf unsere Kraft allein angewiesen sind. Zu meinem Leidwesen habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß die höhere Gewalt, die Regierung, allerdings immer festhält an dem Principe, das Gesetz zu wahren und auf Grund des Gesetzes allen Staatsbürgern gleichen Schutz zu gewähren; aber sie bringt unseren Bestrebungen nicht jene Sympathien entgegen, auf die rechnen zu können wir mit einer gewissen Berechtigung hofften. Wenn unser Präsident von der günstigen Aufnahme der der Regierung von uns unterbreiteten Petitionen sprach, so muß ich offen bekennen, daß die Haltung der Regierung jenes warmen Wohlwollens entbehrt, welches wir erwarten zu können volle Berechtigung haben. Auch das Hinausschieben jener Interpellations-Beantwortung, welche uns in einer Zeitströmung, die in Oesterreich sehr gefahrdrohend geworden ist, vollste Beruhigung hätte gewähren können, veranlaßt mich, Sie wiederholt aufmerksam zu machen, daß wir auf uns allein angewiesen sind, daß wir von der Regierung eine warme Unterstützung nicht zu erwarten haben. Um so fester müssen wir daher Zusammenhalten, und ich schließe, indem ich mein Glas auf die Einigkeit, auf das innige Zusammenwirken aller Vereinsmitglieder und Freunde unserer Idee erhebe. (Langenhaltender Beifall.)

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