Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 45-46 (7.6.1894)
- Date
- 1894-06-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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840 Judenthum völlig entfremdet wird und mit demselben nur den orientalischen Typus gemein hat, den abzulegen „leider" nicht in der Macht der Gießener steht. Mit Ausnahme der Trauerwoche b'-\ *?3N noa „liegt" die Thora, in des Wortes wahrster und engerer Bedeutung, die Bibel — denn mit andern hebr. Werken werden die Bücherschränke hier nicht belastet — rvaa unter sicheren Verschluß. Da es wohl nicht recht angeht odim*? itdBjn einige Verse des poin zu lesen, bedient sich jeder Laie, der eben „bei der Hand ist" eines Rödelheimer Sidurs und „lernt" daraus die 'pns> nDN, welche durch den obligaten Singsang begleitet werden. Während des ganzen Trauerjahres kostet es große Schwierigkeiten ein Mtnjan zum Anhören einiger Mtschnoth herbeizuschaffen, um den nbm Gelegenheit zum pan mp zu geben. Seit Wochen jedoch haben sich die Verhältnisse geändert. Es vollzog sich in dieser Hinsicht eine völlige Umwandlung. Allwöchentlich mehrt sich die Zahl der Zuhörer bei den Vorträgen, die seit Wochen regelmäßig am r\iv Nachmittag gehalten werden. Mit Freude sieht man das aufrichtige Interesse, welches die Herren Besucher der längst entbehrten Thora entgegen bringen. Und diese Mitglieder der hiesigen Hauptgemeinde sind es, die dieser Tage den letzten Schritt zur Verwirklichung des Zieles gethan hatten, welches jeder glaubenstreue Jude sich steckt. Es konstituirte sich ein Talmud-Thora-Verein, eine in Gießen noch nie dagewesene Erscheinung. Der Vorstand, bestehend aus den Herren: Docter, Nußbaum, Rothschild, Klein, Schütz und dem Veretnslehrer erwarben sich besondere Verdienste um die Gründung des Vereins. Deßgleichen die Herren Herz und Adolf Baer und Herr E. Dammann. Lobend wollen wir Herrn Restaurateur L. Schütz hervorheben, der vorläufig dem Vereine seine Räume unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat. Wir hoffen zuversichtlich, daß der Verein ein festes Bollwerk gegen den unglaublichen JndifferenttSmus, wie er hier zu Lande herrscht, sein und daß die Zahl der Mitglieder und Theilnehmer sich mehren werde. Gegenstände des Vortrages bilden Schulchan Aruch, Mischna und Inhaltserklärung des jeweiligen Wochenabschnittes. Da die Leitung des Vereins in bewährten, kräftigen Händen liegt, geben wir der Hoffnung Raum, daß Gott dies Werk stetig blühen und gedeihen lassen wird. Ari. Oesterr.-U«gar. Monarchie. Wien, 23. Mai. Im Ronacher-Saale fand heute Abends die General-Versammlung des Abwehrvereins — die vierte seit dessen Bestand — unter sehr reger Betheiligung der Mitglieder statt. Die daselbst gehaltenen Reden waren durchaus ernst würdevoll und zeigten von dem hohen sittlichen Niveau der hier gepflegten Ideen und Bestrebungen. Eine besondere politische Bedeutung erlangte der Abend durch die vom Herrenhausmitgliede Baron Leitenberger an der Haltung der Regierung gegenüber der dem Antisemitismus geübten Kritik. Die Versammlung nahm folgenden Verlaus: Vorsitzender Baron Gundaker Suttner eröffnete die Versammlung mit einer längeren Ansprache, in welcher er die Thätigkeit des Vereines im abgelaufenen Jahre erörterte und hiebei insbesondere der regen Agitation in Wort Schrift gedachte, welche von den Freunden der Abwehr-Idee in Wien und in der Provinz entfaltet wurde. Auf die der Regierung unterbreitete Petition übergehend, bemerkte der Redner: „Wir haben das Bewußtsein, unsere Pflicht gethan zu haben, und die Minister haben uns die feierliche Versicherung gegeben, daß auch sie sich ihrer Pflicht bewußt seien und für deren Erfüllung gegebenenfalls eintreten werden." Im weiteren Verlaufe feines Berichtes gedachte Baron Suttner der Affaire des Pfarrers Deckert und seiner Hetzreden, an welche nicht einmal die Haranguen der Bombenwerfer heranreichen. „Sollte Herr Deckert," sagte der Redner, „ein so unentbehrlicher Pfeiler der Kirche sein, daß er trotz der verschiedenen Procefse um jeden Preis auf seinem Posten erhalten werden muß? Wir haben wohl die Frage in Erwägung gezogen, ob wir n.cht diesbezüglich competentenorts Vorstellungen erheben sollten. Aber man fühlt eS endlich unter seiner Würde, dort als Bittsteller zu kommen, wo man im Namen der Gerechtigkeit auf das nachdrücklichste und entschiedenste fordern könnte". Der Bericht schließt mit den Worten: „Der Augenblick ist gekommen, wo wir vielleicht aus der Defensive in die Offensive übergehen müssen. Der saubere Hetzprediger hat ja auch uns den Handschuh hingeworfen, er hat auch gegen uns Worte der Drohung ausgesprochen. Zeigen wir solchen Individuen, daß wir stark genug sind, ihnen das Handwerk zu legen." Der Bericht sowie der Kassengebahrungs-Ausweis, erstattet von Herrn Beiling, wurden debattelos zur Kenntniß genommen. Bei der hierauf folgenden Wahl von Ehrenmitgliedern wurden unter lebhaftem Beifall der Reichsraths-Abgeordnete Graf Stürgkh und Conststortalrath Dr. Schöpf aus Salzburg einstimmig als solche nominirt. Nach einem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage des Herrn Fürstenfeld, welcher der von Dühring gepredigten Entfernung jeder Art von Hebrätsmus aus dem modernen Volksleben, also auch der Beseitigung des Christenthums galt, wurde zum letzten Punkt der Tagesordnung geschritten: der Neuwahl des Vorstandes. Auf Antrag des Herrn Störk wurde die bisherige Vereinsleitung per LeelamatLovem wiedergewählt und sodann die Versammlung geschlossen. Der sich anreihende gemüthliche Abend brachte eine Reihe von Toasten, welche vornehmlich den Frauen, als den wahren Erzieherinnen des Volkes und der kommenden Generation, galten. Den