Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-06-07 · Heft 45-46 (7.6.1894) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 45-46 (7.6.1894)
Date
1894-06-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448452--38680-2486797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

842 England. P. London, 27. Mai. Am Sonntag den 20. d. M. fanden hier Neuwahlen, resp. Wiederwahlen der Vorsteher und Comitee-Mttglieder der einzelnen zur United=Synagogiie gehörenden Gemeinden statt. Bet dieser Gelegenheit wurde allgemein über den Plan ^betreffs der Wiedererrichtung der Hambro- Synagoge verhandelt, und zwar scheint es, datz die Mehrzahl aller Wähler gegen das Rothschtld'sche Projekt eingenommen ist. Als Grund wird vielfach hervorgehoben, daß die in Aussicht genommene Baustelle der „Großen Synagoge" zu nahe ist, und ferner, daß man fürchtet, die neue Gemeinde werde sich nicht allein unterhalten können, somit auf Zuschüsse der andern Synagogen angewiesen sein. Das endgiltige Nsetivg wird, wie wir erfahren, innerhalb einiger Wochen stattsinden. Herr Rabbiner Dr. Lerner hat mit seiner Familie London am Donnerstag verlassen. Vor seiner Abreise wurde demselben in einer besondern Versammlung der ^Peäeratiou of Synagogues“ von dem Präsidenten Herrn S. Montague eine Abschieds-Adresse und ein schöner Chanuka-Leuchter in Silber überreicht, von freundlichen und schmeichelhaften Worten begleitet. In seiner Erwiederung bemerkte Herr Dr. Lerner, daß es ihm schwer werde, die treuen Freunde, die er sich in den vier Jahren hier erworben, zu verlassen, daß nach dem Ausspruche eines großen Mannes neue Freunde neuem Wein zu vergleichen seien, und er daher erst mit Verlauf der Zeit hoffen könne, sich auch in seiner neuen Heimath treue und aufrichtige Freunde zu erwerben. Rußland. Petersburg, 24. Mai. Das Ministerium des Innern hat auf Grund einer Eingabe des dortigen Qrtsbürgermeisters — nach Mtttheilungen des „Woschod" — den Juden den Aufenthalt in dem Kurorte Szabo für die ganze Dauer der Badesaison gestattet. (Sehr gütig.) — In Tarapez, einem kleineren Orte, der außerhalb des Ansiedelungsrayons der Juden gelegen ist, handelte ein Jude, Kaufmann erster Gilde vom Jahre 1871 bis zum Jahre 1879, ohne dazu berechtigt gewesen zu sein. Ende vorigen Jahres wurde gegen ihn und seinen Kompagnon Namens Weil Anklage erhoben. Dieser Tage fand vor dem hiesigen Schwurgericht die Verhandlung statt. Die Angeklagten wurden verurtheilt, in den Ansiedelungsrayon ausgewiesen zu werden, ihre bei ihnen Vorgefundenen Maaren, welche einen Werth von mehreren tausend Rubeln repräsentiren, wurden konftszirt und der Ertrag dem Staatsschätze einverleibt. Natürlich! Amerika. Washington, 29. Mat. Im Repräsentantenhause wurde heute eine Resolution gefaßt, welche besagt, daß Rußland, welches dem Rabbiner Krausköpf, einem Geistlichen Philadelphia's, den Aufenthalt in Rußland nicht gestaltet hatte, seinen Verpflichtungen gegenüber den Vec. Staaten Nachkommen möge, sonst müßten alle vertraglichen Verpflichtungen aufhören. In der Resolution wird ferner der Präsident der Ver. Staaten ausgefordert von Rußland zu verlangen, daß amerikanischen Bürgern das Recht, in Rußland zu reisen und sich dort aufzuhalten in derselben Weise gewahrt werde, wie es Russen in den Ver. Staaten zu Theil wird. vermischtes. Breslau, 22. Mai. Die hier erscheinende „Deutsche Ostwacht" schreibt unter der Ueberschr-.fi: „Antisemi>ismus in der deutschen Studentenschaft": „Einer uns kurz vor Schluß des Blattes zugehenden, uns freundlichst zur Verfügung gestellten Privatmittheilung, die wir auf ihre Richtigkeit leider nicht mehr comroliren können, entnehmen wir eine Nachricht, die nicht verfehlen wird, in allen antisemitischen Kreisen große Befriedigung und Freude zu erwecken. Nach dieser Meldung hat nämlich der zu Pfingsten in Koburg tagende Kongreß der Landsmannschaften auf deutschen Universitäten tKoburg^r L. C.) beschlossen, daß Juden nicht ausgenommen werden dmfen. Ferner ist dieser Bestimmung rückwirkende Kraft beigelegt, so daß aktive Mitglieder jüdischen Glaubens sofort entlasten werden müssen. Dieser mannhafte Beschluß des Koburger L. C. ist ein neuer Beweis des siegreichen Vordringens und Umsichgreifens der antisemitischen Ideen in der deutschen Studentenschaft." Im Hinblick auf den reaktionären Geist, der leider gegenwärtig einen großen Theil der deutschen Studentenkorporationen beherrscht, erscheint die Mitteilung des Antisemitenblattes leider nicht unglaublich. Prag. Tiefe Trauer erfüllt die Prager Judengemeinde. Eine ihrer allerbesten und allerfrommsten Frauen, Frau Betti Lasch, die Schwiegertochter des seligen Rabbiner Lasch, ist am 17. d. M. während einer Vereinssitzung der israelitischen Ferial-Colonien, deren Gründerin die Verewigte war, plötzlich gestorben. Geschieden ist ein wahrhaft hochherziges Wesen, das mit offenem Herzen und mit bewunderungswürdigem Geschick sich überall an die Spitze stellte, wo es galt, das Wohl der Ärmen zu fördern. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer Trauerkundgebung, wie sie unsere Stadt noch selten gesehen hat, denn auch die verschiedenen Frauen-Vereine betheiligten sich massenhaft am Leichenbegängnisse, um der Verklärten die letzte Ehre zu erweisen. In der Straße vor dem Hause und in den angrenzenden Gasten stockte der Verkehr infolge des Menschenandranges vollständig. Im Trauergemache widmete der Prediger der Tempelgemeinde Herr Dr. Kaminka der Verblichenen einen herzerschütternden Nachruf, in welchem er die seltenen Herzenseigenschaften und den geradezu erhabenen Wohlthätigkeitssinn der edlen Frau, die im wahrsten Sinne des Wortes zahllosen Armen abgestorben ist, pries. Dem Leichenwagen voran schritten, als sich der Zug in Bewegung setzte, jene Knaben und Mädchen, welche der Verein für israelitische Feriencolonien, um den sich die Verblichene unvergangliche7Verdienste erworben hatte, der Wohlthat des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.