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Der Israelit · 1894-06-07 · Heft 45-46 (7.6.1894) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 45-46 (7.6.1894)
Date
1894-06-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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833 Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu Deutschland. Würzburg, im Juni. „Wieder Einer." Wenn man hier den Antisemitismus auch nur dem Namen nach kennt und alle Agitationen an dem gesunden Sinn der Einwohner scheitern, so vermochte man es immerhin auch hier einen solchen Zweigverein aus meistens Fremden und weniger an Charakter und Ansehen brillirenden Elementen ins Dasein zu rufen und einen gewissen Zöllner, Mehl- und Produktenhändler, an dessen Spitze zu stellen. Der gute Mann that redlich seine Schuldigkeit, er leistete wie alle an Verlogenheit, an Verdächtigungen das menschenmögliche, alles, als wäre er selbst engelrein, als habe er die Rechtlichkeit als ureigentliche Domäne. Doch die Farbe hielt nicht lange — vorige Woche wurde der Tugendheld wegen betrügerischen Bankerotts und falschen Vorspiegelungen in Untersuchungshaft genommen, und war es meistens Judengeld, das er sich auf diese Weise zu verschaffen wußte. „Wahrheit besteht, Lüge vergeht." Oesterr.-Ungar. Monarchie. L. Aus Böhmen. Es ist erfreulich, wie der jüdische Geist auch hier in unserm Lande zu erstarken im Begriffe ist. Ein Beweis dafür ist die täglich sich mehrende diesbezügliche Literatur. Zu den hier erscheinenden jüdischen Zeitschriften hat sich nunmehr noch eine neue gesellt, eine Monatsschrift, die unter dem Titel „Jüdische Chronik" von dem Rabbiner-Collegium Kurrein-Teplitz, Stern- Saaz, Ziegler-Karlsbad edirt wird. Wenn dieselbe nun auch nicht gerade wie sie in ihrer Probenummer sagt, „einem längst gefühlten Bedürfnisse" abhilft, da wir weder hier in Böhmen, noch im Auslande Mangel an jüdischen Zeitschriften haben, so soll uns dieselbe dennoch willkommen sein, wenn sie mithilft, dazu beizutragen, das allenthalben einschlafende jüdische Interesse wieder zu beleben. In dem Junihkft der genannten Schrift veröffentlicht Dr. PosnanskbPilsen eine statistische Notiz, der wir entnehmen, daß in Böhmen bet einer Einwohnerzahl von 5.843.094 Seelen, 94.016 Juden leben oder ca. 18.804 jüdische Familien, in Prozenten ausgedrückt l,6l°/0 der gesammtcn Einwohnerzahl. Man schreibt der „Fr. Zt." aus Wie», vom 1. Juni: Da hat vor einiger Zeit der antisemitische Abgeordnete des österreichischen ReichSraths, Herr Ernst Schneider, einen bestialisch-guten Einfall gehabt, durch den er seine antisemitischen Gestnnungsgenoffen um mehrere Nasenlängen schlug. Einer antisemitischen Wählerversammlung proponirte er nämlich die Einführung eines „Schußgeldes auf die Juden." Das war durchaus nicht als Metapher gemeint. Schußgeld ist die Prämie, die man auf die Erlegung wilder Thtere aussetzt, welche die Saaten schädigen und das Leben der Menschen gefährden. Die Juden werden schon lange von den Antisemiten als wilde Bestien geschildert, doch das nur metaphorisch. Der Abg. Schneider war der Erste, der von der Metapher zur Praxis überging. Nach seinem Vorschlag sollten die Juden nicht länger mehr bloß metaphorisch als Bestien dagestellt, sondern ganz korrekt wie Raubthtere behandelt werden. Wer einen Juden ntederschießt, hat keinen Mord, vielmehr eine gemeinnützige That begangen, für die er durch eine Prämie, das „Schußgeld", belohnt wird. Dies die Idee des Herrn Schneider. Sie fand in antisemitischen Kreisen lebhaften Beifall, nur der Staatsanwalt konnte ihr keinen rechten Geschmack abgewinnen, erkannte sie vielmehr als ein Delikt (Aufreizung gegen eine bestimmte Konfession) erhob gegen Herrn Schneider die Anklage, Herr Schneider aber steht als Abgeordneter unter dem Schutze der Immunität, und so wandte sich das Strafgericht im September v. I. an das Abgeordnetenhaus mit der Bitte um „Auslieferung" de8 Abg. Schneider. Das Abgeordnetenhaus übergab die Sache seinem Jmmunitätsausschuß, dieser berieth lange, sehr lange und entschied sich endlich in diesen Tagen für die Ntcht- Auslieserung des Abg. Schneider, mit einer Begründung, welche fast ebensoviel Geist athmet als Herrn Schneiders Original-Idee Menschlichkeit. In dieser Begründung sagt nämlich der Berichterstatter, Kulp ist sein Name, der Abgeordnete Schneider sei nicht auszuliefern, weil er kein Delikt begangen habe, da er die Einführung des „Schubgeldes" auf die Juden nur „unter ausdrücklicher Betonung des legalen Weges" vorgeschlagen habe. Der große Menschenfreund, der überall dabei ist, wo es etwas zu prästdiren giebt, der ehemalige „liberale" Präsident des Abgeordnetenhauses, jetzige Präsident des nach ihm benannten allzeit regierungstreuen Abgeordnetenklubs, Präsident einiger anderer Dinge und auch Präsident des Immunitäts-Ausschusses: Graf Franz Coronint hat unter diesen geistvollen Bericht seinen Namen gesetzt. Der Bericht kommt nun vor das Plenum des Hauses, und man darf darauf begierig sein, wie sich dessen große Juristen zu der scharfsinnigen Auffassung der Herren Kulp uud Coronini stellen werden. Sollte das Plenum den Bericht sammt Motivirung annehmen, dann sind die Herren Mörder, Räuber, Diebe aus aller Herren Ländern höfltchst etngeladen, zu uns nach Oesterreich zu kommen. Zwar dürfen sie ihr Gewerbe selbst bei uns noch nicht unbestraft ausüben. Aber sie könnten wenigstens unbestraft für Mord

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