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Der Israelit · 1894-06-07 · Heft 45-46 (7.6.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 45-46 (7.6.1894)
Date
1894-06-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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832 Mittel und Wege anzugeben, wie denselben abzuhelfen wäre. ES ist solches nicht der Zweck dieses Artikels. Wer mit beobachtendem Blicke der Bewegung unserer Zeit gefolgt ist, kann sich unmöglich der Wahrheit des oben Gesagten verschließen. Was einem äußeren Feinde niemals gelang, die völlige Vernichtung des Judenthums, das wäre gar bald dem inneren Feinde, dem Jndifferentismus gelungen. Wären die Bekenner des Judenthums weiter fortgeschritten auf dieser Bahn, ohne durch höhere Gewalt daran gehindert zu werden, ja dann wäre bald der Zeitpunkt gekommen, wo das Volk Israel das Schicksal der Römer und Griechen getheilt hätte. Ja dann hätte es in unabsehbarer Zeit kein Judenthum mehr gegeben. Das aber liegt nicht in dem Pläne der waltenden Vorsehung. Gott hat verheißen, eine Wurzel vom Stamme Israel stets zu erhalten, auch wenn die äußern und innern Verhältnisse den Untergang des großen Baumes vorzubereiten scheinen. Darum mußte etwas geschehen, um diesen Zerfall aufzuhalten. Die Wege Gottes aber sind unerforschlich; er bedient sich oft ungewöhnlicher Mittel zur Erreichung seiner Ziele und Vervollkommnung seiner Schöpfung, und so bedient er sich des Äntisemitismus, um das Judenthum wieder auf die Bahnen des Glaubens und der Religion zurückzuführen. In diesem Sinne können wir sagen, daß der Antisemitismus einen berechtigten Kern hat, derselbe kommt indeß nicht den Judenhassern zu gute, sie sind es nur, welche die harte Schale sprengen und so den Kern aus seiner Umhüllung lösen. Genießen werden ihn nur diejenigen, denen er Schaden zufügen sollte. In diesem Sinne ist auch der Antisemitismus ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Beweist nicht auch die wechselnde, traurige aber glorreiche Geschichte unseres Volkes, daß dasselbe, durch Roth und Unglück geläutert, stets neugestärkt aus allen Kämpfen hervorging! Welcher Mittel bedienten sich aber unsere Väter zu ihrer Selbsterhaltung? Keiner der vielen sogenannten Abwehrbestrebungen, wie sie beutzutage modern sind. Sie ließen den für sich streiten, der ihr Streiter und Kämpfer stets in jeder Roth und Gefahr gewesen war. Sie waren zwar rechtlos und besaßen demzufolge nicht die Mittel der Selbstvertheidigung, aber immerhin ist es anzunehmen in Anbetracht der besseren Kenntnis ihrer historischen Vergangenheit, daß sie auch bei Gleichberechtigung mit andern Staatsbürgern ihre Zuflucht zu ihrem natürlichen Beschützer genommen hätten. Zwar ist es ein beseligendes Bewußtsein für teure Güter zu kämpfen, und je erbitterter der Kampf, desto herrlicher der Sieg, aber dieser Kampf ist nur dann berechtigt und Erfolg versprechend, wenn die Vertheidiger die idealen Güter des Glaubens auch thatsächlich besitzen und nicht nur unter diesem Deckmantel die bedrohte bürgerliche Gleichberechtigung vertheidigen. Dagegen ist es tief beschämend, gegen ungerechtfertigte Angriffe sich nicht vertheidigen zu sollen, letzteres entspricht keineswegs dem natürlichen Gerechtigkeitssinn des Menschen, aber die Motive sind nicht Feigheit, sondern gipfeln in dem Bewußtsein, daß die antisemitische Bewegung ein göttliches Erziehungsmittel ist, eine Mahnung an alle diejenigen, die dazu berufen sind, ihr Augenmerk zu richten auf Synagoge, Schule und Haus zur Anbahnnng einer Neugestaltung, um das Judenthum vor innerem Zerfall und Untergang zu bewahren. Mit der Erkenntnis und Ausführung dieser Nothwendigkeit wird auch der Antisemitismus in sein Nichts zurücksinken, aus dem er entstanden. Und ist diese Erkenntnis nicht schon längst unbewußt über uns gekommen? Sind nicht die ersten schüchternen Frühlingsboten einer besseren Zeit schon erschienen? Bilden sich nicht allenthalben Vereine zum Studium unserer heiligen Lehre, Vereinigungen, die eine neue Zeit anbahnen und die ersten Keime zu herrlichen Knospen und Blüthen des Judenthums legen? Drum, ihr Brüder und Schwestern, leget euer Geschick vertrauensvoll in die allmächtige Hand eures natürlichen Beschützers Gib or6' 'n Gott wird für euch streiten inennn on«i ihr aber sollt still sein!" Die Erhaltung der weltlichen Güter, die Gleichberechtigung mit anderen Staatsbürgern gewährleistet euch der Staat. Unsere geistigen Güter, Religion und Glauben, wird der schützen, der sie uns gegeben. Dagegen strebe ein Jeder von euch die Kraft, die in unserer Religion liegt, an den Tag zu bringen durch innige Gottergebenheit, Recht und Gerechtigkeit, durch Liebe zu euern Nebenmenschen, denn wer ein Freund Gottes sein will, muß auch ein Freund der Menschen sein — dann seid ihr die besten Vertheidiger eures Glaubens und iivd byi io« W i«4>Di uw w gegen seinen Willen wird der Antisemitismus Israels Ruhm verkünden müssen, gegen seinen Willen wird er das im Innern geschwächte Judenthum wieder stärken und neukräftigen und damit ist das Ziel der allweisen Vorsehung erreicht.

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