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Der Israelit · 1894-06-07 · Heft 45-46 (7.6.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 45-46 (7.6.1894)
Date
1894-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ÜA«.1 'M-fW^SI^BS^r^^WW^Pr XXXV, Jahrgang. Erste Beilage )u J\s 45 5- 46 -es „Israelit". Leitender Artikel. Der Antisemitismus, eine jegenöringende MthwendigKeit für das IudenLhum. Von I. Sp. .panrin onsi dd^ on^ 'n „Gott wird für euch streiten, ihr aber sollt schweigen!" Es ist eine bedauernswerthe, aber allgemein anerkannte Thatsache: die Wogen des Antisemitismus gehen hoch. In naher Zeit wird das Parlament sich wieder mit Anträgen, die Jndenfrage betreffend, beschäftigen. Die Spalten der Zeitungen aller Schattirnngen füllen sich täglich mit Artikeln für und wider den Antisemitismus. Die Bekämpfung dieser unheilvollen, uns aus dem Mittelalter überkommenen Krankheit in Wort und Schrift, die Verurtheilung derselben ist bis heute schon von so verschiedener mannigfaltiger Art, daß man wohl schwerlich Neues hinzufügen könnte. Jedoch erinnere ich mich nicht, schon gelesen zu haben, daß der Antisemitismus von der Seite der Nothwendigkett zur Beurtheilung gelangt wäre, um darzulegen, daß die Bewegung von der allweisen Hand des Lenkers aller Schicksale herbeigeführt, um das Judenthum vor innerem Verfall zu bewahren und die Zusammengehörigkeit seiner Bekenner letzteren wieder ins Gedächtniß zurückzurufen.*) In Folgendem soll diese Seite einer näheren Beleuchtung unterzogen werden. Werfen wir vorerst einen prüfenden Blick nach rückwärts auf die Zeit vom ersten Auftauchen des Antisemitismus durch Stöcker, vom schamlosen Vorgehen eines Ahlwardt, so können wir uns der Wahrnehmung nicht verschließen, daß alle Methoden der Gegner des Antisemitismus das gestellte Ziel: Einhalt und Vernichtung desselben nicht erreichten. Die Bewegung machte zielbewußte, rapide Fortschritte. Das System der Nichtbeachtung, dem man anfangs huldigte, hat sich nicht bewährt, aber auch die mit der fortschreitenden Bewegung ergriffene Gegenwehr hat bis heute keine nennenswerte Erfolge erzielt. Diese Thatsachen gemahnen uns zum Nachdenken, und wir müssen zu der Ueberzeugung gelangen, da Menschenkräste erfolglos gegen die Bewegung arbeiten, daß darin eine göttliche Leitung zu erblicken ist. Alle Führer dieser Bewegung von *) Auch dieses Thema wurde vou uns schon des Oefteren erörtert; doch geben wir gern dieser manches Neue enthaltenden Darstellung Raum. Red. Stöcker bis Ahlwardt sind zielbewußte Werkzeuge in der Hand des Schöpfers an 'n tys njn avb yitn „Alles hat der Herr für seine Zwecke geschaffen, auch den Frevler für den Tag des Unglücks!" Nun ist die Beantwortung der Frage erforderlich : Ist die von der götttlichen Vorsehung geweckte und geleitete antisemitische Bewegung zum Wohle und Segen seines erwählten und stets von ihm beschützten Volkes, oder plant die Gottesleitung eine endliche gänzliche Vernichtung des Judenthums? Alles Bestehende muß ja schließlich nach dem ewigen Naturgesetze vergehen, nachdem es seine irdische Aufgabe erfüllt. Die Annahme für das bevorstehende Ende des Judenthums wäre vielleicht denkbar, wenn das Volk Israel seine Aufgabe und seinen Beruf, Träger und Verbreiter des einzigen Gottesgedankens zu sein, nunmehr vollendet hätte. Diese Annahme entspricht aber keineswegs den bestehenden Thatsachen. Die Zeit, die uns der Prophet Jesaja so bezaubernd schildert, liegt noch in weiter Ferne. Darum hat auch Israel seine Aufgabe noch lange nicht beendet; darum ist auch die göttliche Erhaltung desselben noch erforderlich und darum endlich ist auch die Annahme begründet, daß der Antisemitismus das Judenthum keineswegs vernichten kann, sondern nur Heil und Segen zu stiften im Stande ist für diejenigen, deren gänzliche Vernichtung die Judenfeindschaft plant. Warum aber ist der Antisemitismus nothwendig, um diese heilbringenden Folgen hervorzurufen, und welches sind dieselben? Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir zunächst mit uns selbst zu Gericht gehen, denn die Selbsterkenntniß ist der erste Schritt zur Besserung. Betrachten wir die Zustände im Judenthum bet Ausbruch des Antisemitismus. Welch gähnender Abgrund öffnet sich da unfern Blicken! Sind die Wächter unserer Religion, die Lehrer unseres Volkes mit Blindheit geschlagen gewesen, daß sie denselben nicht erblicken konnten? oder haben sie sich gefürchtet vor dem Schwindel, der sie erfassen mußte, wenn sie es wagten, in denselben hinabzublicken? Konnte es so fortgehen auf der Bahn des Unglaubens und religiösen Jndifferentismus? Schämte man sich doch sich öffentlich zum Judenthum zu bekennen! Welcher moderne Jude wußte überhaupt noch etwas von der Geschichte seines Volkes, wieviel Juden wollten überhaupt noch dran glauben, daß sie Juden seien. Es liegt jedoch nicht in meiner Absicht, hier alle Schäden im Judenthume aufzudecken, noch viel weniger gestattet mir hier der Raum, .i i i i i

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