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Der Israelit · 1894-06-04 · Heft 44 (4.6.1894) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 44 (4.6.1894)
Date
1894-06-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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817 ' .. y£JUp*pufmwd^*z>w ten Gedanken, der Gründung einer Verstcherungskasse gegen Stellenlosigkeit hat der Vorstand in das Bereich seiner Berathungen gezogen, doch sind dieselben noch nicht beendet. Nach Verlesung des Beiichtes wurde dem Vorstand Decharge ertheilt und sodann die ausscheidend n Vorstandsmitglieder M. Flörsheim, M. Jacobsen und W. Möller durch Acclamation wiedergewählt. A. München. Welche Confusion der Antisemitismus selbst in Köpfen von Leuten anrichtet, die sich mehr als and.'re ihre unbefangene, nüchterne Auffassung der Dinge bewahren sollten, zeigt nachstehender Fall, über welchen d e „Berliner Morgenzettung" folgendermaßen berichtet: „Die zweite Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Vorsitz der Landgerichtsdirektor Brausewetter, hat vorige Woche es für verständlich erklärt, wenn Christen die Forderung vertreten, daß in einem christlichen Staatswesen Christen an der Spitze der Behörden stehen müssen. Von den Gerichten sollte man erwarten dürfen, daß sie sich bei ihren Uriheilen auf den Boden der Gesetze stellen. Das Gesetz kennt nur Staatsbürger, und Konfession und Stand bilden keinen Ausschließungsgrund mehr für irgend welche Thätigkeit und welches Amt. Das oben erwähnte Urtheil ist nur geeignet, irre zu führen und in den Köpfen Verwirrung anzurichten. Angeklagt waren zwei Redakteure der „Täglichen Rundschau" wegen Beleidigung durch eine Briefkastennotiz, welche lautet: „Dr. E. L. in Mühlhausen i. Th. Ihre örtlichen Verhältnisse haben wir an dieser Stelle schon einmal erwähnt. Daß eine deutsche Stadt von 30,000 Einwohnern (und darunter nur etwa 250 Juden) nun wirklich drauf und dran ist, ein Mann jüdischer Herkunft (Stadtrath Rosenstockj zu ihrem Bürgermeister zu wählen, ist einfach ein Jammer und eine Schande dazu. Wenn aber die Bürger selbst ihr deutsches Gewissen nicht mehr fühlen oder fühlen wollen — wir können ihnen so rasch keine andere Seele einblasen. Dann heißt es hier wie an so manchem anderen Orte erst noch tiefer in den Dreck, erst noch völliger in die Knechtschaft, dann werdet Ihr auch wieder Sehnsucht spüren! Freundl. Gruß." Der Gerichtshof erklärte beide Angeklagte für schuldig der schweren Ehrenkränkung des StadtrathS Rosenstocks, aber er billigte den Angeklagten za, daß sie in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt hätten, denn sie konnten der Ansicht sein, daß in einem christlichen Staat auch Christen an der Spitze der Behörden stehen müssen, nur um diese Ansicht zu vertreten, war es nicht nöthig, Personen damit zu verquicken und gegen dieselben ehrenkränkende Ausdrücke zu gebrauchen. Jeder kam mit 50 Mark Geldstrafe weg. Zu so verkehrter Ansicht von der „Wahrnehmung berechtigter Interessen" muß ein Gericht gelangen, jo bald es sich vom Boden des Gesetzes, der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller Staatsbürger, wegbegibt." Es erscheint doch höchst bedenklich, daß ein staatlicher Gerichtshof die Meinung zweier antisemitischer Redacteure gutheißt, wonach ein Staat, welcher aus jüdischen wie christlichen Steuerzahlern besteht und in welchem daher alle Confessionen als gleichberechtigt anzusehen sind, ein christlicher zu nennen ist; und in welchem nur Christen an der Spitze der Behörde stehen müssen. Der Staat ist doch nicht als eine Kirche anzusehen, in welcher nur Christen höhere Stellen einnehmell. können, sondern er ist ein deutscher Staat, in" welchem daher alle deutschen Staatsbürger, sobald sie sonst die Qualifikation dazu besitzen, Aemter und Würden bekleiden können — ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntniß, welchem ste angehören. Bentheim, 30. Mat. Auf seiner Jnspecttonsreise hat der neugewählte Landrabbiner Dr. Löb zu Emden, auch die hiesige Gemeinde mit seinem Besuche beehrt. Nicht allein, daß die am vorigen Sabbat in der Synagoge gehaltene Antrittsrede die ganze Gemeinde begeistert hat, sondern sein menschenfreundliches und doch energisches Auftreten gewann ihm im Fluge die Herzen aller Gemeinde- Mitglieder. Der Herr Landrabbiner nahm die Gemeinde- Institutionen in Augenschein, prüfte mit strenger Gewissenhaftigkeit die Schächter und lieferte in allen Theilen den Beweis, wie sehr ihm daS Wohl und der religiöse Lebenswandel jedes einzelnen Gemeinde-Mitgliedes am Herzen liegt. Es ist der Wunsch des ganzen Landesrabbinatsbeztrks, daß Sr. Ehrwürden der Herr Landrabbiner Dr. Löb viele Jahre seines Amtes walten und reiche Früchte seines Wirkens erndten möge. Das walte Gott! N. 8. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 28. Mai. Wenn im österreichischen Parlament die Sitte bestände, an eine Interpellations-Beantwortung ernsten Inhalts eine Debatte und eine motivirte Tagesordnung zu knüpfen, so hätte eS in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die Coalitton und das Ministerium kommen müssen. Alle Elemente der Wiener Bevölkerung, welche den Religtons- und Racenhaß verabscheuen, sind der Ansicht, daß Herr Deckert eine Handluug begangen hat, welche den inneren Frieden im höchsten Maße gefährdet. Selten hat ein Zwischenfall, welcher durch die antisemitischen Wühlereien hervorgerufen wurde, daS allgemeine Rechtsgefühl in dem Maße verletzt und einen solche«' Aufschrei der Entrüstung hervorgerufen, wie dte^Vorgänge in Weinhaus. Das heiligste und volksthümlichste Gebet der christlichen Kirche wurde zu einem Pasquill mißbraucht, welches die Juden auf Eine Stufe stellt mit den Türken, die Wien belagert haben und im blutigen Kampfe durch Gewalt von den Mauern der Stadt abgeschlagen worden find. Je inniger die religiöse Empfindung ist, die sich mit dem Vaterunser verknüpft, je mehr dieses Gebet ins Herz gedrungen ist, desto größer ist die Gefahr, die in einer so aufgeregten Zeit entstehen kann,

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