Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 44 (4.6.1894)
- Date
- 1894-06-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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*5»x*« sie von bewt Porsitzendrn zum Schlüsse gedrängt werde. Ich schließe mir dem AP ll an die Versammlung: Die Tendenzen, die durch Sröcker und seine Nachfolger geforde-t werden, sind zum Nachtbeil der deutschen Volkes . . . (minutenlanger Rufen, Händeklatschen und Getrampel, Rufe: Raus!) . . . zum Verde den des deutschen Volkes. Ich bitte Sie, diesen Tendenzen Ihre Herzen zu verschließen und sie zu öffnen den wahren Tendenzen der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, der Menschenliebe. (Lebhafter Widerspruch und Beifall.) (Die antisemitische Clique bemühte sich vergeblich die stellenweise stürmischen Beifallsbezeigung-n der PublicumS niederzubrüllen, Herr Dr. David erhielt auch einen Tag nach der Versammlung zahlreiche mündliche und schriftliche Beifallskundgebungen aus christlichen Kreisen.) Stöcker entgegnete: Der Vorredner hat sich als einen orthodoxen, altgläubigen Juden hingestellt. Hätten wir lauter solche, dann hätten wir keine Judenfrage und keine Judenbekämpfung. WaS wir bekämpfen, ist daS Reformjudenthum, besten Glaube auf dem leeren Blatt zwischen dem Alten und Neuen Testament steht. Diesem gilt unser Kampf; mein Ziel ist die Bekämpfung deS Schlechten, und da habe ich gute Vordermänner. Der Stifter unserer Religion hat die Pharisäer bekämpft auf Tod und Leben. Die'Krämer und dir Wechsler, die sich in den Tempel des deutschen Volker gedrängt haben, diese müssen bekämpft werden, und ich drehe nicht einmal eine Geißel aus Stricken, ich nehme nur das Wort. Die Judenpreste steht gar nicht auf dem Boden wie der Vorredner. Als im Jahre 1875 die Generalsynode in Berlin in den Räumen des Herrnhauses tagte, da wurde sie von der jüdischen Presse mit gemeinen Beschimpfungen überschüttet. (Dr. David: Namen nennen! Großer Lärm.) Da sagte ein Berliner jüdischer Blatt, dar Herrenhaus müsse deSinficirt werden. (Lebhafte Rufe: Namen nennen! Anhaltender Lärm? ES ist ja eine bekannte Thalfache. (Betäubender Lärm. Der Vorsitzende droht, wenn der Lärm so weiter gehe, die Versammlung zu schließen.) Der Vorredner hat den Namen Lessing genannt. Lessing ist der einzige Große in der Literatur, der mit seinem Nathan dem Weisen etwas gesagt hat, waS den Juden lieb ist. Alle andern Größen unserer Literatur, so Fichte und Kant, Goethe und Schiller, haben die Juden verdammt. (Lebhafte Rufe: Beweise! Namen! Großer Lärm. Fast die Hälfte der Anwesenden ruft fortwährend: Namen nennen!) Fichte sagt: Wenn man das Judenthum vernichten wollte, wäre eS nicht anders möglich, als daß man ihm den Kopf abfchnitte und einen andern auffetzte. (Lebhafter Beifall und Widerspruch. Rufe: Kant, Goethe und Schiller.) Wenn der Vorredner sagt, Ahlwardt und Schweinhagen seien aus unserer Bewegung hervorgegangen, so bestreite ich, daß ein solcher Schluß Kraft hat. Dann sind ja auch die jüdischen Wucherer aus dem altgläubigen Judenthum hervorgegangen. Wenn der Vorredner sagt, die sittliche Kraft des JudenthumS sei dieselbe wie die deS Evangeliums, so ist das nicht richtig. (Zuruf: Besser als die von Stöcker! Große Heiterkeit.) Professor Delitzsch in Leipzig sagt . . . (Dr. David: Wo steht das? So kann man nicht darüber discutiren! Großer Lärm.) ES gibt gar keine größere Albernheit. Ich habe noch gar nicht gesagt, was Delitzsch sagt. Er sagt: Im Judenthum fehlt etwas, die Gleichschätzung aller Volker. DaS ist ein Stück der Sittenlehre, die das Judenthum im Talmud leugnet. (Dr. David: Wo steht das? Anhaltender betäubender Lärm. Rufe: Schluß!) Wenn der Vorredner bestreitet, daß die Juden an Revolutionen nicht theilnehmen, so nenne ich nur Lassalle, Marx und Singer. (Lebhafter Beifall und Widerspruch.) P» Der Vorsitzende bittet alle Beifalls- und Mtßfallsbezeugungen zu unterlassen. DaS Wort ergreift nun ein Socialdemokrat, dessen Name nicht zu verstehen war. Er begann: Meine Damen und Herren! (Beifall.) Bei Stöckers Rede herrschte die größte Ruhe. Als aber ein Gegner redete, wurde von den Anhängern Stöckers der bauernmäßigste Radau gemacht. Der Redner spricht dann theils unter großer Heiterkeit, theils unter großem Widerspruch der Versammlung über die herrschende Unzufriedenheit, über die Vervollkommnung der Technik in der Industrie, über die Militärvorlage und die Junker, über die dreijährige Dienstzeit und Soldatenmitzhandlungen. Jetzt schritt der überwachende Polizeicommissar ein und der Vorsitzende entzog dem Redner daS Wort. Ein ungeheuerer Lärm entsteht, der socialdemokratische Redner schreit und gesticulirt, der Vorsitzende kann nur noch sagen: Die Versammlung ist geschlossen. Unter größter Erregung setzen sich die Massen gegen die AuSgänge in Bewegung, die Antisemiten stimmen das Lied „Deutschland, Deutschland über alles, an, die Socialdemokraten brüllen dazwischen, der socialdemokratische Redner steigt auf einen Tisch und ruft in die Menge: „Die internationale Socialdemokratie lebe hoch!" Antisemiten rufen dagegen „Raus! Haut ihn!" Da ergreift der Socialdemokrat ein Glas und schleudert es unter die Gegner. Nun beginnt eine regelrechte Massenkeilerei, die der über Stühle und Tische herbeifliegende Polizeicommissar durch Festnahme des Socialdemokralen schnell beendete. So endete die erste Stockersche Friedens- Versammlung in Düsseldorf mit einer solennen Prügelei und mit den Leiden eines neuen Märtyrers für die Genossen. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu. Deutschland. Hamburg. Der Israel itischeStellenvermittlungs-Veretn zu Hamburg hielt am Montag den 7. Mat seine diesjährige Generalversammlung im „Hotel Continental" ab. Dem vom Vorsitzenden des Vereins, Herrn M. S. Wolfs, erstatteten Jahresbericht entnehmen wir das Folgende: Die Einnahmen an Mitglieder beitrügen betrugen für das zweite Geschäftsjahr, welches vom 1. April 1893 bis 31. März 1894 geht, M. 1477.50. — Diesen gegenüber stehen die Ausgaben für Drucksachen. Porto, Miethe, Annoncen?c. mit M. 1041.82. Nach Deckung des vorjährigen Dkficits von M. 175.75 verbleibt noch ein Ueberschuß von M. 259.93. — Die Mitgliederzahl ist von 262 auf 413 gestiegen; trotzdem 111 Mitglieder austraten, beträgt die Anzahl derselben 51 mehr als im Vorjahre, außerdem trat ein „Stifter" durch einmalige Zahlung von M. 100 dem Verein bet. Von 205 im Verein notirten Bewerbern erhielen 61 Stellung, während noch 87 gemeldet blieben. Seit 1. April 1894 war der Verein in der Lage, bereits wieder 10 Stellen zu besetzen, nämlich 5 Commis- und 5 Lehrlingsstellen. Der Verein hat eine Filiale in Frankfurt a. M., Vertreter ist dort HerrM. Bing, Schwanenstraße 6. Der Vorsitzende bemerkt noch, daß der Vorstand nach wie vor bemüht ist, die Thätigkeit des Vereins auch auf den Handwerkerstand auszudehnen. Auch den kürzlich in der Presse angereg-