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Der Israelit · 1894-06-04 · Heft 44 (4.6.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 44 (4.6.1894)
Date
1894-06-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Beilage ju M 44 i>es „Israelit". Leitender Artikel. itabblner Pr. PaoiD in tinrr Stödw-Pcrfonunlung. B. Düsseldorf, 29. Mai. Ein nichtjüdisches oder politisches Blatt hätte wahrscheinlich diesem Berichte den Titel: „Mönch und Rabbi in Heine's GeburtSstadt" vorgesevt und dann eine lange Betrachtung über das in Ihrer Stadt zwischen Himmel und Erde schwebende Heinedenkmal veranstaltet. Ich will die Leser des „Israelit" mit diesem bis zum U Verdruß abgenutzten Thema verschonen und Ihnen sofort über die oben erwähnte Versammlung berichten, die sich zu einem wahrhaften Kidusch Haschern gestaltete. Der Vorstand der conservativen Pa tei für Rheinland und Westfalen hatte auf heute Abend eine öffentliche Versammlung in die Tonhalle e'nberufen, in der Hofprediger a. D. Stöcker über „die conservative Partei, das neue Kirchengesetz und die „Kölnische Zeitung" in fast zweistündigem Vortrage sich erging. Die anlchließende freie Besprechung mit 10 Min. Redezeit für jeden Theilnehmer gestaltete sich zu einer wüsten Radauvrrsammlung. Schon während des Stöckerschen Vortrages hatten zahlreiche erregte Zwischenrufe gezeigt, daß vier Parteien im Saale anwesend waren: 1. Stöckerianer, 2. Antis miten der Alllwardtschen Klasse, 3. Semiten und 4. Socialdemakraten. Die ganze um Stöcker versammelte Eorona zählte an 3000 Personen männlichen und weiblichen Geschlechts; auf der Galt ne hatte sogar eine Anzahl Diakonissen Platz genommen. Nach Stöcker erhielt das Wort der Rabbiner der Düsseldorfer israelitischen Gemeinde Dr. David: Ich trete hier nicht auf, um die konservative Partei und ihre Ziele zu bekämpfen, sondern um auf einzelne Angriffe gegen das Judenthum zurückzukommen. (Großer Lärm. Der Vorsitzende bittet, den Redner eb nso ruhig anzuhören wie Herrn Stöcker.) Zunächst muß ich mich geg n eine Aeutzerung des Herrn Vorsitzenden wenden, der bei der Eröffnung der Versammlung betonte, daß unter den Juden im Allgemeinen und auch in einem Theile der Rheinprovinz der Wucher besonders verbreitet sei. Diese Anklage weise ich entschieden zurück. Die wissenschaftliche Statistik beweist vielmehr, daß die Juden am Wucher vrrhältnißmäßig nicht mehr betheiligt sind als andere Konfessionen. Aber selbst wenn jene Behauptung wahr wäre, so müßte sich jeder Einsichtige und GeschichtSknodige eine solche Erscheinung aus der mittelalterlichen Ausnahmestellung der Juden erk ären, die sie von allen edleren Gewerben und Berufsarten aus? schloß un ’ sie geradezu zu Kleinhandel und Wucher zwang. Das angebliche oder wirkliche Uebel würde daher durch die antisemitischen Bestrebung n, die die Juden wieder in die frühere Stellung zurückdrängen und in der Wahl ihres Berufes einengen wollen, nicht geheilt, sondern nur noch verschlimmert werden. Wollen Sie den Wucher ehrlich bekämpfen, so verschärfen Sie meinetwegen die Wuchergesetze oder gründen Sie Vereine gegen den Wucher und seien Sie sicher, daß sich die Juden gern an solchen Bestrebungen betheiligen werden. Sie dürfen dann zwischen jüdischem und christlichem Wucher keimst Unterschied machen. N»n komme ich zu Herrn Stöcker. Wenn man Herrn Stöcker hö t, muß man glauben, er sei durch und durch von wahrer Religion durchdrungen. (Sehr wahr!) Er spricht von Frieden, von den hohen, idealen Zielen der Religion und bringt diese Ideen, die er Christenthum nennt, in Gegensatz znm Judenthum. «Großer Lärm.) Von wahrem Christenthum sind die unvergänglichen Schöpfungen der Dichter und Denker unserer Literatur durchweht, zu denen wir alle mit Liebe und Verehrung emporsehen. Wollen Sie dem klassischen Heros freien deutschen Geistes, Lessing, Christenthum absprechen? (Großer Lärm. Zuruf: Hat gar keine Ahnung davon!) Was heißt Christenthum? Das Wort „Christ" ist, was Herr Stöcker als Theologe wissen sollte, die griechische Uebersetzung deS hebräischen „Maschiach" (Messias, Gesalbter), und wie diese- Wort, so hat auch das damit zusammenhängende sittliche Ideal, daS Ideal des Völkerfriedens, der allgemeinen Menschenliebe und der Gerechtigkeit, seinen Ursprung im Judenthum, das dasselbe zum ersten Male verkündet hat. DaS Christenthum ist also nicht blos seinem Namen nach, sondern auch seinem Inhalte nach hervorgegangen auS dem Schoße der Judenthums. (Ohrenbetäubender Lärm.) Zum wahren Christenthum stehen aber die Stöckerschen Bestrebungen im grellsten Widerspruch. Sehen Sie Ahlwardt, Schweinhagen an, dann sehen Sie die Bewegung, deren Vater Herr Stöcker ist, (Anhaltender Beifall und lärmender Widerspruch.) Die jüdische Religion und daS Judenthum unterscheiden sich in der Sittenlehre durchaus nicht von dem Evangelium. Ich bin ein konservativer Jude, ich bin Rabbiner und nehme keinen Anstand, hier feierlichst zu erklären, daß ich in sittlicher Beziehung voll und ganz auf dem Boden des Evangeliums stehe, denn das Evangelium soweit es die Sittenlehre enthalt, ist Fleisch von unserem Fleische, Bein von unserm Bein. DaS Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" steht zuerst in der jüdischen Bibel. (Großer Lärm und Beifall.) Die Zerrissenheit, die Unzufriedenheit der Zeit liegt viel an dem Mangel an Religion, in diesem Punkte stimme ich mit Herrn St. überein. Darum haben wir Geistl'chen die Psiicht, ein Jeder in seinem Kreise, von Kanzel und Katheder herab dem Unglauben entgegeyzuwirken; durch den Antisemitismus aber bekämpft mä» denselben wahrlich nicht. Oder wollen Sie sagen, die Jude«* seien in größerem Maße an dem Unglauben schuld als die Christen selbst? (Ruf: Singer!) Mit Singer und der Sozialdemokratie hat das Judenthum nichts gemein. Das Judenthum huldigt vielmehr den Grundsätzen, die bezeichnet sind durch den Salomonischen Ausspruch: „Fürchte, mein Sohn, Gott und den König!" Gottesfurcht und Königstreue sind also wesentliche Forderungen unserer Religion. Dafür aber, daß einzelne Juden Sozialdemokraten sind, ist daS Judenthum ebensowenig verantwortlich wie das Christenthum für die große Masse christlicher Sozialdemokraten. (Zuruf: Die sind verführt worden!) Welche Blöße geben Sie sich selbst, wenn Sie glauben wollen, eine halbe Million Juden t rrorisnten, wie Herr Stöcker sagt, 50 Millionen Christen! (Zuruf: Thun sie auch! Großer Lärm.) Wer das behauptet, schmäht das deutsche Volk. Der sittliche Kern des deutschen Volkes ist so gediegen, daß ihn Juden, selbst wenn sie es versuchen wollten, nicht untergraben würden. Nach bekannter Methode Hai Herr Stöcker allgemeine Behauptungen aufgestellt, für die er jeden Nachweis schuldig geblieben ist. So z. B., daß die Juden an allen Revolutionen beiheiligt waren. DaS ist durch nichts begründet. Wohl betheiligten sie sich allezeit an allen edlen gemeinnützigen Bestrebungen, soweit ihnen überhaupt eine Theilnahme am öffentlichen Leben »erstattet war. (Redner wird bei seinen folgenden Ausführungen so oft und so lärmend unterbrochen, daß er in sichtliche Aufregung geräth. Dr wüste Lärm läßt keinen Zusammenhang der einzelnen Sätze finden). Dr. David bricht mit den Worten ab: Ich konstatiere, daß ich

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