Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1894)
- Date
- 1894-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448450--38617-2486732- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWWWWWNMWWMIVMWWVM wilww"“ IWG»,'1 ».psmip »iyWUWWJW' * *miw 785 und hochgelehrter Mann vor, Rabbi Jehoschua ben Awrohom, den seine Gemeinde auf das Tiefste verehrte. Nach der Plünderung aber, war dieselbe nicht mehr im Stande irgend welche Ausgaben zu bestreiten. Die Gemeinde-Mitglieder, die jenen Ueberfall überlebt hatten, kämpften mit der schwersten und bittersten Noth, und so wollte Rabbi Jehoschua den verarmten jüdischen Einwohnern nicht länger zur Last fallen und beschloß mit seiner einzigen Tochter, der kaum dem Mädchenalter entwachsenen, wunderbar schönen Esther nach Polen auszuwandern. Man kann sich heut zu Tage kaum einen Begriff machen, wie eigenthümlich sich die Verhältnisse verschoben haben. Es war, wie bereits gesagt, ein großer Strom von Auswanderern aus Deutschland nach Polen gekommen. Diese Auswanderer hatten kleinere und größere Gemeinden gebildet; da es aber doch meistens Kaufleute waren, die sich den Strapatzen einer so weiten Reise Hingaben, so fehlte es damals in Polen an gesetzeskundigen, gelehrten Männern, und so manche Gemeinden vermochten nicht den Rabbinats-Posten zu besetzen. So war für Rabbi Jehoschua begründete Hoffnung vorhanden, daß er in kurzer Zeit in Polen eine Stelle fände, die ihm vollständig genügte; er hatte sogar mit einigen seiner Gemeinde-Mitglieder verabredet, daß, wenn es ihm gut ginge, er Boten schicke, damit auch sie in das Dorado der Freiheit zögen, nach dem vielgepriesenen Polen. Rabbi Jehoschua hatte sich aber jedenfalls die Beschwerlichkeiten und Fährnisse einer so großen, für die damalige Zeit ganz ungeheuerlichen Reise nicht in genügendem Maße vorgestellt. So lange er in Deutschland wanderte, war es ja noch erträglich, da er ja die Sprache des Landes sprach und so ungefähr immerhin wußte, in welchen Städten und Ortschaften er Glaubensgenossen finden könne. Auf diese Weise gelangte er ohne größere Gefahren an die Grenze. Er hatte vor Räubern und Diebsgesindel einen Talisman» bei sich, den ihm Niemand wegnehmen konnte, und das war seine Armuth. Da er nichts besaß, so hielt es auch kein Wegelagerer der Mühe werth, ihn auf seiner Wanderschaft aufzuhalten. Wollte ihm einmal der Muth bei den ungewohnten Strapazen des Wegs sinken, so war es seine liebliche und tapfere Tochter, die ihn immer wieder aufrichtete und seine gesunkenen Lebensgeister stets wieder auf's Neue anzusachen vermochte. Anders aber war es seitdem die beiden einsamen Wanderer das polnische Reich betreten hatten. Dort gab es damals noch ungeheure Strecken | Landes, welche nicht allein nicht bebaut waren, sondern auf denen weit und breit kein Mensch zu finden war. In Polen herrschten dazumal die Adeligen fast uneingeschränkt über das ganze Land. Einen Bürgerstand hat es in Polen niemals gegeben und giebt es heute noch nicht; nur die Stadt Krakau hatte eine Bürgerschaft, die ihr Haupt zu erheben wagte. Damals gab es aber auch fast noch keinen Bauernstand, denn die ganzen Ländereien gehörten den Adeligen, und die eingesessenen Landleute waren durchweg Leibeigne jener hohen Herren. Da sich aber der polnische Adel zu keiner Zeit viel um die Landwirthschaft gekümmert halte, und da der Leibeigne, der nicht in seinem eignen Interesse, sondern für den Herrn arbeitete, es sich niemals besonders angelegen sein ließ, Fleiß, Kraft und Ausdauer bei seiner Arbeit zu entwickeln, so kam es, daß von den Gütern der adeligen Herren oft kaum der zehnte oder zwölfte Theil bebaut war, während das Uebrige brach lag. Eine große Strecke Landes war noch von dichten Wäldern bedeckt, von Urwäldern, in denen der Bär und die Wölfe hausten. Rabbi Jehoschua und seine Tochter hatten die Nacht bei Glaubensgenossen zugebracht und waren des Morgens in aller Frühe begleitet von den Segenswünschen ihres Wtrthes hinweg gegangen. Dieser hatte ihnen den Weg, den sie nehmen mußten, genau beschrieben, und da sie nicht mehr ferne von dem Ziele waren, das sie erstrebten, so glaubte der Rabbi diesmal kaum mehr in die Irre gehen zu können. Er wollte mit seiner Tochter sich nach Krakau begeben, denn dorthin pflegten die kleineren Gemeinden ihre Sendboten zu schicken, wenn sie eines geistlichen Oberhauptes bedürftig waren. Wenn es ihm aber nicht gelingen würde, bald eine Stelle, die seinem Wissen und Können entsprach, zu erlangen, so wußte er doch mit Bestimmtheit, daß die wohlhabenden Gemeinden in Krakau mit Freuden reichlich für ihn sorgen würden, bis er ein Unterkommen gefunden hätte. Vielleicht, daß ihm auch Gott die Gnade erweisen würde, daß er seinen Neffen Elischah wieder fände, der schon vor Jahresfrist nach Polen hatte auswandern müssen, kurze Zeit nachdem er sich mit Esther verlobt. Rabbi Jehoschua hatte zwar nicht mit dem übereingestimmt, was Elischah in dem schwärmerischen Triebe seiner Jugend gethan, aber er wußte auch sehr wohl wie gut und aufopferungsfähig der junge Mann war und daß er sicherlich für sie sorgen würde, wenn sie ihn wohl aufgefunden hätten. Der Wirth, bei dem Rabbi Jehoschua übernachtet, hatte ihm den Weg so genau beschrieben,