Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1894)
- Date
- 1894-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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781 sen, wie er sich bei den verschiedenen Confessionen vorfindet, und mit freudigem Bewußtsein die Thalsachen constatiren, daß die Bekenner der jüdischen Confession alle anderen weit überflügeln, so soll hiermit keiner stolzen Selbstgefälligkeit oder gar einer dünkelhaften Ueberhebung das Wort geredet werden. Aber so lange noch jenes verottete Prinzip fortwuchert, das die Bürger eines Staats nach ihrem religiösen Bekenntntß zählt und sondert, so lange noch bewußt und unbewußt den heiligsten Menschenrechten zum Trotz und im Gegensatz zu dem mächtigen Drange aller Geister, welche die Trennung des Staats von der Kirche unabweisbar verlangen, die Ergebnisse der Statistik in drei mächtigen Rubriken geschachtelt werden, um Juden, Katholiken und Protestanten ja sorgfältig von einander zu trennen, so lange werden wir immer wieder und wieder darauf Hinweisen, daß wir Juden bei dieser Kasteneinthetlung nicht im schlechtesten Lichte erscheinen. Wir können dies um so freimüthiger thun, da, wie wir Nachweisen werden, diese jüdische Ueberlegenheit nicht so sehr in der Judenheit als im Judenthum, resp. in dem Einfluß desselben auf seine Bekenner zu suchen ist und daher eine hoffärtige Ueberhebung und eine Geringschätzung anderer von vornherein ausgeschlossen erscheint. Juden und Ntchtjuden unterscheiden sich ihrer körperlichen und geistigen Anlage kaum in einer sinnlich wahrnehmbarer Weise von einander. Ein Jude hat, wie schon Shakespeare den alten Shylok sagen läßt, Augen, Hände, Glieder, Sinne, Bedürfnisse und Leidenschaften wie ein Christ. Er braucht dieselbe Nahrung, wird mit denselben Waffen verwundet, ist denselben Krankheiten unterworfen, wird durch dieselben Arzeneien geheilt, und wird von demselben Sommer und Winter erwärmt und gekühlt. Wenn nun Juden trotz dieser vollständigen, äußeren Gleichheit ein sechs und elffach lebhafteres Streben nach Bildung und Belehrung eigen ist, so kann dieser Vorzug nicht der Persönlichkeit des Juden zu gute kommen, denn diese ist ja, soweit wir das zu beurtheilen vermögen, vollständig mit der aller übrigen Menschen gleich. Eins nur haben wir allen anderen Wesen voraus, und dieses Eine ist es, was uns von der großen Masse sondert und uns hoch über sie emporhebt — unser Gottesgesetz, unsere Thora. Der Besitz dieses Kleinods macht den einzigen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden aus, hier allein ist die Erklärung der Verschiedenheiten zwischen Juden und Ntchtjuden zu suchen und zu finden. Im Hinblick auf dieses Gesetz und seinen segnenden, mächtigen Einfluß auf Jeden, der sich ihm mit vollem, freudigen Herzen unterordnet, erklärt sich vor allen Dingen auch das Verhältniß des jjüdischen Bildungstriebs zu dem anderer Confessionen. Ist es denn nicht dieses Gottesgesetz, das schon seit Jahrtausenden im jüdischen Kreise auf Bildung und Belehrung dringt? Oder gibt es auf weitem Erdenrund noch ein Gesetzbuch, welches wie das jüdische vorschreibt: „Jeder Jude ist zum „Lerne n" verpflichtet, er sei arm oder reich, krank oder lebensfrisch, Jüngling oder hochbetagter Greis, jeder Familienvater, ja der Bettler selbst, der sein Brod an den Thüren erbetteln muß, jedem Juden liegt die Pflicht ob, sich bei Tag und Nacht eine Zeit fürs Lernen festzusetzen?" (Rambam, Studium der Thora Cap. I und Schulchan Aruch Bo. II, Cap. 246.) Gibt es vor allen Dingen auf weitem Erdenrund ein Volk, das seit Jahrtausenden herab, so der Verwirklichung dieses Gesetzes gelebt, wie das jüdische? Gibt es ein Volk, dem der Begriff „Lernen" so geläufig ist, wie es allezeit dem jüdischen Volke war, so daß in seiner Mitte auf die höchste Anerkennung und Achtung nur der rechnen durfte, der etwas gelernt hatte und es allezeit als die höchste Schande galt, ein Unwissender, ein Am Haarez zu sein? Wer je ohne Vorurthetl an Juden und Judenthum herangetreten ist, kann sich nicht wundern, wenn der Geist dieses das ganze jüdische Leben regelnden Gesetzes einen Trieb nach Bildung und Belehrung weckte, der durch vieltausendjährige Zucht einzig dasteht, wie das Gesetz, welchem er entsprossen ist. Während die große Menschheit noch kaum die bescheidensten Anfänge wissenschaftlicher Bildung aufzuwetsen hatte, während später im wahnumdüsterten Mittelalter ein roher Fanatismus alle Keime zu ersticken drohte, aus welchen ein von Bildung und Wissenschaft durchdrungenes Culturleben hätte erblühen können, war der jüdische Kreis längst eine Arena für friedliche, geistige Wettkämpfe so mannigfacher Art. daß er noch heute die Bewunderung eines jeden vorurtheilsfreien Forschers erregt. Da war das geistige, wissenschaftliche Streben so jedem in Fleisch und Blut übergegangen, daß es als heilige, gottgebotene Pflicht eines jeden jüdischen Vaters galt, seinen Sohn selbst zu unterrichten, daß Jeder ohne Rücksicht auf seine sociale Lebensstellung seinen und seiner Kinder Stolz darein setzte, an der nationalen, wissenschaftlichen Bildung seines Volkes Antheil zu nehmen, da kannte man die Kluft, die heute zwischen Leben und Wissenschaft klafft so wenig, daß man es ganz natürlich fand, wenn der Kaufmann und Handwerker, wenn der Holzhauer und der Wafferschöpfer, wenn alle nach vollendetem Tagewerk ihre Mußestunden den Wissenschaften weihten, und so das ganze Leben durchgeistigten. Das Studium der Philosophie und Theologie, der