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Der Israelit · 1894-05-31 · Heft 43 (31.5.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 43 (31.5.1894)
Date
1894-05-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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780 Räthsel. Daß die Besetzung höherer Aemter durch Juden für dieselben ein Sporn zum Studium sein könne, wird doch Niemand behaupten wollen!! Die anderen Argumentationen des ctttrten Blattes scheinen uns noch weniger glücklich. Da sie aber unser Thema nicht direkt berühren, so sehen wir von demselben ab, und wollen uns nach einigen anderen Erklärungen umsehen, durch welche man gewöhnlich sonst in der Tagespreffe die hervorragende Bethetligung der Juden an dem höheren Studium aus Gründen plausibel zu machen sucht, die nichts mit dem Bildungstrieb gemein haben. Wenn Juden die höheren Lehranstalten mehr frequentiren als andere Confessionen, so hat dies nach anderer Ansicht seinen letzten Grund nicht so sehr in einem stärkeren Triebe nach Bildung, als vielmehr in dem Umstande, daß Juden in verhältnißmäßig größerer Zahl in großen Städten wohnen, als die Angehörigen anderer Confessionen, und daß es jenen daher viel leichter fällt, die höheren Btldungsanstalten zu besuchen als diesen. Wenn diese Thalsache wahr ist, so beweist sie das Gegentheil dessen, was sie beweisen soll. Denn was hieße diese Behauptung anders, als daß der jüdische Bildungstrieb sich nicht darauf beschränkt die heranzubildendcn Kinder maschinenmäßig in die Schule zu schicken, sondern, daß er zu seiner leichteren Realtsirung die Juden sogar veranlaßt, solche Wohnplätze aufzusuchen, die ihrem Streben nach Bildung möglichst wenig Schwierigkeiten in den Weg stellen. Wenn Juden wirklich verhältnißmäßig mehr in großen Städten als auf dem Lande wohnen, so verdient auch noch eine andere an und für sich höcdst merkwürdige statistische Erscheinung unsere volle Aufmerksamkeit. — Es ist statistisch nachgewiesen, daß in großen Städten die meisten Vergehen geuen das Strafgesetz begangen werden. Da diese Thatsache auch an und für sich ohne Rücksicht auf den statistischen Nachweis einleuchtet, so brauchen wir auf denselben hier nicht näher einzugehen. Die jüdische Bevölkerung, deren Mehrzahl also in großen Städten wohnt, müßte sich demnach verhältnißmäßig mehr Vergehen gegen die bestehenden Gesetze zu Schulden kommen lassen, als die übrigen Confessionen. Und doch liegen nach den stattsttschen Angaben über der Juden Anthcil am Verbrechen die Dinge derart, „daß in der Statistik ein ausgezeichnet rühmliches Zeugniß für die Sittlichkeit der Juden enthalten ist" nach dem von kompetenter Seite besonders betonten und bekannten Urtheil Hoffmann's. Solchen Thatsachen gegenüber wird sich auch die scheelste Mißgunst hüten, den mächtigen Bildungstrieb der Juden ihrem vorzüglichen Wohnsitz in großen Städten zuzuschreiben, weil eine solche Darstellung genau das, was sie den Culturbestrebungen der Juden absprechen möchte, der Achtung vor den Staatsgesetzen gut schreiben muß. Man hat daher noch ein anderes Motiv auszuklügeln gesucht, das den jüdischen Bildungstrieb erklären soll. Das ungewöhnliche Verhältniß zwischen der jüdischen Schülerzahl und nichtjüdischen, sagt man ferner, rührt davon her, daß auch die jüdischen Armen in Folge des bekannten Wohlthätigkeitssinns vermögender Glaubensgenossen in der Lage sind, ihre Kinder die höheren Lehranstalten besuchen zu lassen, was bei den anderen Confessionen nicht in dem Maaße der Fall ist. Wenn wir nun weit davon entfernt sind, diese offenkundige Thatsache in Abrede stellen zu wollen, so müssen wir uns doch entschieden gegen die Folgerungen aussprechen, die man daraus zu ziehen versucht. — Es braucht wohl zunächst kaum erwähnt zu werden, daß selbst im günstigsten Falle nur ein ganz kleiner Bruchtheil der sechs- und elffach größeren Schülerzahl sich auf diese Weise erklären läßt. Erwägt man, daß vor allen Dingen die ähnlichen Bestrebungen der anderen Confessionen, so bedeutend oder unbedeutend sie auch sein mögen, in Abzug zu bringen sind, und daß dann immer noch eine viel größere Anzahl armer Schüler vorhanden sein müssen, als bei den pecuniären Verhältnissen der Juden wahrscheinlich und überhaupt möglich ist, so ergtebt sich zur Genüge, wie wenig der jüdische Wohlthätigkeitssinn die bedeutende Frequenz höherer Lehranstalten seitens der Juden erklärt. Im Gegentheil. Wie tief muß, wenn überhaupt von jüdischer Wohlthätigkeit hier die Rede sein soll, wie unendlich tief muß dann wahrer Bildungstrieb bei uns wurzeln, wenn selbst die ausgeprägteste jüdische Cardinaltugend von ihm beherrscht und vorzugsweise da geübt wird, wo es der Förderung jugendlichen Strebens nach Bildung und Belehrung gälte? Doch wie dem auch sei» es steht auch hier fest, daß uns das an Humanität gut geschrieben werden muß, was man uns an Bildungskraft streichen möchte, und selbst dann hat man das Problem des jüdischen Bildungstrtebes nicht erklärt. Denn es liegt auf der Hand, daß eine so allgemein auffallende Thalsache nicht in äußeren Zufälligkeiten wie die erwähnten ihren letzten Grund haben kann, daß ihre wahre Begründung viel tiefer zu suchen ist. Bevor wir aber die einzige Erklärung dieser Erscheinung versuchen, scheint es zur Vermeidung von Mißverständnissen geboten, eine allgemeine Bemerkung vorauszuschtcken. Wenn wir hier auf den Bildungstrieb hinwei-

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