Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 42 (28.5.1894)
- Date
- 1894-05-28
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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f •3!w,.W¥“’Th* -'.^5 -**•;-V.- ' ' 103 — tem^ora mutantur. Nicht so aber ergeht es dem Greise. Seine Jagend ist dahin, mit einem Fasse dem Grabesrande nahe, hat er hienieden keine Hoffnung mehr auf bessere Zeiten zu erwarten, die Strebenszeit ist längst dahin, und nur noch als ein Monument der Vergangenheit wandelt er auf Erden. Dieser Zustand in den alten Tagen sollte die von Kraft und Gesundheit strotzende Jugend veranlassen, das Wort des heiligen Sängers zu beherzigen: „Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters, so meine Kraft zu schwinden beginnt, verlass mich nicht!“ (Ps. 71, 9.) Denn ist schon der Zustand des Alters an sich ein wenig erfreulicher, so ist die Lage des armen, dem Elende preisgegebenen Greises eine um so Vieles traurigere und tief beklagenswerthe. Es werden desshalb allenthalben Aufnahmeanstalten für altersschwache Leute gegründet, um diesen in ihrer Hinfälligkeit ein sicheres Unterkommen zu bieten. Auch in Jerusalem besteht seit vierzehn Jahren eine solche Altersversorgungsanstalt, und die meisten Hochbetagten, die nach Jerusalem kommen, haben ausser diesem Hause kein anderes Asyl. Die Armuth in der heiligen Stadt nimmt immer mehr zu, Tausende junger Leute irren, Brod suchend, umher, und doch haben diese Unglücklichen einen schützenden Schild gegen das Ungemach des Lebens, denn die Jugend kann noch hoffen; um so schlimmer aber ist der Zustand der alten Leute, welche in ihrer Heimath bessere Tage gesehen haben. In engen, schmalen, unsauberen und verfallenen Häuschen, ohne genügende Nahrung, ohne Lagerstätte, in Lumpen gehüllt fristen sie ihr Dasein, und die Gemeindekasse ist nicht im Stande, die ihnen nöthige Hilfe zu gewähren; diese ehemals wohlhabenden Leute müssen ein leidensvolles Dasein in der heiligen Stadt führen und vor der Zeit sterben. Es ist uns, dem Himmel sei Dank, gelungen, einen Verein zwecks Unterbringung der in der heiligen Stadt sich befindenden armen Greise zu gründen. Mit nur geringen Mitteln begann er seine Thätigkeit, und wuchs allmählich derartig an, dass wir jetzt im Stande sind, einundsechzig greise Männer, zumeist D'DDn 'TD?n, welche in der Jugend zu der besten jüdischen Gesellschaftsklasse gehörten, in ihren alten Tagen aber hier in Jerusalem nackt und bloss einhergingen und dürftig ihr Leben fristeten. in unsere Anstalt aufzunehmen. Das Leben dieser Alten im Versorgungshause gestaltet sich täglich folgendermassen: Nach dem Morgengebete und der Recitation des nnoyo wird ein yiyv für verstorbene Vereinsmitglieder abgehalten, für Jahrzeiten etc. gelernt, das Mahl, zweimal wöchentlich aus Fleisch bestehend, gemeinschaftlich im Speisesaale eingenommen, der Ruhe gepflegt, Thee getrunken und im rra tcmon bis nach dem Minchah- und Maaribgebete gelernt, worauf alsdann das Abendessen folgt; am und v"i' werden die drei üblichen Mahlzeiten dargereicht. Ein Jeder hat ein Zimmer mit Bett, Tisch, Stuhl und Leuchter ausgestattet, und bekommt wöchentlich Kleider, Bett und Wäsche gründlich gereinigt. Viele Besucher haben mehrmals mit dem talmudischen Ausspruche: „Sollen denn nur Männer leben und Frauen nicht?“ an uns die sehr berechtigte Frage gestellt: warum in Jerusalem, wo das Bedürfniss auch für eine Frauen-VersorgUDgsanstalt so dringend nöthig sei, eine solche nicht exisfire? Wir konnten der Angelegenheit nicht näher treten, weil die Mittel des Vereins gar zu sehr beschränkt sind. Als aber im letztverflossenen Monate a» viele alte, hoch in Jahren stehende Frauen, ohne Stütze, ohne Ernährer, nur auf die Wohlthätigkeit ihrer armen Brüder in der heiligen Stadt angewiesen, aus ihren dumpfen Wohnungen exmittirt wurden und keine weitere Unterkunft mehr hatten, da thaten wir das Aeusserste und mietheten, trotz aller ökonomischen Schwierigkeiten, zwei dem Versorgungshause gegenüber belegene Räumlichkeiten, worin wir dieselben aufnahmen und ihnen ihren Tisch im Speisesaale der Anstalt auwiesen. Dieser Anfang erheischt eine Fortsetzung, denn ohne Unterlass werden wir von den übrigen, in der Stadt lebenden alten Mütterchen angehalten, sie in ihren alten Tagen zu versorgen. Der Bestand der Vereinskasse jedoch ist so gering, die Ausgaben so gross — da die Person fünf Francs per Woche kostet — dass wir, mit schwerem Herzen, uns einstweilen mit den oben .erwähnten zwei Zimmern zu begnügen gezwungen sind. Dessenungeachtet beschlossen wir, ein neues Versorgungshaus an der Strasse nach Jaffa, ausserhalb der Stadt, auf einem von einem Wohlthäter für diesen Zweck bestimmten Terrain von 12000 Quadratellen zu errichten, die männlichen Greise daselbst unterzubringen, und die in der Stadt liegende Anstalt den Greisinnen einzuräumen. Die Kosten des zu errichtenden zweistöckigen Hauses mit amon rra, Bad und mpn, in europäischem Stil ausgeführt, sollen sich, nach dem Rechnungsüberschlag des Baumeisters, auf 5000 Francs belaufen. Die Ebbe in unserer Kasse aber in Betracht ziehend, konnten wir nur den ersten Stock mit einer Kostensumme von 2500 Francs aufführen lassen, die Errichtung der übrigen Theile des Hauses jedoch der bekannten Wohlthätigkeit unserer besser situirten Glaubensgenossen ausserhalb des heiligen Landes an's Herz legend. Den Vereinsstatuten gemäss kann ein jeder Wohlthäter ein Zimmer oder ein Bett im Versorgungshause auf seinen Namen, welcher zum Andenken an die erwiesene Wohlthat auf einer Marmortafel eingravii t wird, erwerben; die solcher Gestalt zu