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Der Israelit · 1894-05-28 · Heft 42 (28.5.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 42 (28.5.1894)
Date
1894-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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764 sondern Weisheit erlangen und die Wahrheit ermitteln will, hört dem anderen mit gespannter Aufmerksamkeit zu, immer in der Voraussetzung hierdurch sein Wiffen zu bereichern. Weise ist derjenige, der von jedem lernen will. Deshalb läßt er den Redner sprechen so lange es ihm beliebt. Selbst wenn er seine Ausführungen nicht zusagend findet, so hofft er immer, daß ihn im Verlaufe der Darstellung dieselbe füglich doch befriedigen werde. Wer so handeln kann, hat sich als Weiser bewährt, denn er bekundet, daß alle Verstandeskräfte, jedes Verlangen der Vernunft der Weisheit untergeordnet ist und von dieser geleitet wird. Er will nichts als die Wahrheit und das Verlangen nach ihr läßt keine persönlichen Triebe und Neigungen aufkommen. Beim Golem ist das Gegentheil der Fall. Wenn dieser einen anderen etwas sprechen hört, wogegen er Einwendungen zu erheben weiß, oder deffen Richtigkeit ihm nur zweifelhaft ist, so fällt er dem anderen in's Wort um zu zeigen, daß das Gesprochene keinen Sinn habe und läßt bei dieser Gelegenheit sein eigenes Licht leuchten. Dadurch hält er manchen werthvollen Gedanken zurück, den der andere sicher noch ausgesprochen hätte, wenn man ihn hätte zu Ende reden lassen. Halten wir hier einen Augenblick inne, um diese Maßstäbe zur Beurthetlung eines D3n und eines chu an unsere Zeit anzulegen. Wir reden hier nicht von den Erscheinungen des täglichen Lebens im allgemeinen, obwohl auch hier die Anwendung dieser goldenen Regeln von ungewöhnlichem Nutzen für die Berechtigung unserer Anschauung dessen was weise und unweise ist, sich ergeben muß. Während in Versammlungen, Vereinen, in der Presse und sonst überall im öffentlichen Leben, diejenigen, welche in erster Reihe das Wort führen als die Begabteren und Weiseren gelten, finden die Sprüche unserer Väter die Weisheit nicht bei denjenigen, welche reden, sondern bet denen, welche schweigen und die Zeit abwarten können bis das Wort an sie gelangt. Derjenige, der dem andern das Wort abschneidcn, und so dessen Meinung hintanzuhalten vermag, er ist der Ueberlegene und gewandte Wortführer, den alle fürchten; und unsere Väter-Weisheit nennt denjenigen, der ein solches Attentat auf die freie Meinungsäußerung wagt, einen c&u! Doch davon wollen wir, wie gesagt, hier nicht sprechen. Wohl aber möchten wir auf das Unheil Hinweisen, welches die Verkennung dieser erprobten Väterwetsheit speci.ll in den jüdischen Reihen angerichtet hat, wo es sich um Beurthetlung und Verurtheilung spcciell jüdischer Anliegen handelt. Die rücksichtsvolle Beachtung dieser Lebensregeln für den Verkehr mit Weisen, hat religionsgesetzliche Bedeutung und ist daher diese Forderung unserer Mischnah im Schulchan Aruch (Jore Dea C. 242. § 31) codificirt. Auf ihrer gewiffenhasten Rücksichtnahme ist die ganze Autorität der überlieferten Thora gegründet. Sowie die Thora eine Thora des Lebens ist, so leben auch ihre Lehrer ewig in dem Munde derjenigen fort, die von ihrer Weisheit Belehrung schöpfen. Diese lehren uns, wenn wir die Ueberlteferungen unserer großen Meister lernend hinnehmen, uns dieselben so zu vergegenwärtigen, als stünden sie thatsächlich vor uns, wie Glieder einer bis zu Moscheh am Sinai zurückreichenden lebendigen Kette. Dieselben leben somit in des Wortes wörtlicher Bedeutung in ihren hinterlaffenen Schriften derart bei uns fort, daß wir ste gegenwärtig wissen, wenn ihre Schriften uns umgeben. Es ist dem Schüler verboten in des Lehrers Gegenwart eine reltgionsgesetzliche Entscheidung zu treffen (Talmud Erubin Fol. 62 a.) Auf Grund dieses Verbots bezeichnen es spätere Decisoren als angemessen, daß auch Niemand eine religtonsgesetzliche Entscheidung trifft, ohne vorher die einschlägigen Schriften unserer Lehrer zu Rathe zu ziehen. '2 toi»» mpa ’Dffsnj ivx onson?n in mrcn, „denn unsere Lehrer sind die Bücher, die innerhalb Israels verbreitet sind", map 'i»n) (ro*mn nurun vidi m» dhjd nsi td '»d a"n apy» Unsere Lehrer, die wir an Weisheit und Erfahrung uns weit überlegen wiffen, sind überall zugegen, wo ihre Lehren zu uns sprechen. Die ehrerbietige Scheu der Jünger verbietet denselben ein entscheidendes Wort zu sprechen, ohne daß die Meister durch das Medium ihrer Schriften zuerst gesprochen haben. Diese Unterordnung unter die bewährte Weisheit der Weifen, dieser rückhaltlose croan wivn, dieses Vertrauen zu den Weisen, wirft auf die Jünger selber einen Strahl der Weisheit, zu der ste schweigend voll Ehrfurcht emporblicken, ste ist das erste Zeichen des wahren van. Dann aber repräsentirt die Pietätlosigkeit, die mit frivoler Zungenfertigkeit die alten Weisen aus der Welt fortreden möchte, dieselben antiguirt und abgesetzt erklärt, mit Nichten den Fortschritt, die Bildung und die Aufklärung, welche sie sich vtndicirt. Dann haben die Gevattern dieser Modeweisheit des Tages ihren ganzen Golem-Charakter verrathen und alles Lippenspiel tönender Phrasen kann denjenigen, der unsere hier gelehrten Kriterien des oan und dVu zu Rathe zieht, nicht darüber täuschen, wo er die wahren d'dspi zu suchen und zu finden hat. Unsere wahren Weisen, iwn ijk orvso -nr« aus deren Mund wir Leben schöpfen, haben gesprochen und sie sprechen noch fort für jeden, der ihre Schriften in Händen und in Ehren hält. Ihr Wort

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