Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 41 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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748 des Vereines mit Erfolg bemüht ist, diese seine wahre Tendenz zurück zu drängen, und so zu thun, als ob ihm die Satzungen des Judenthnms nicht verhaßt, sondern nur gleichgültig wären. Natürlich darf das enfant terrible aller Synoden, Rabbiner- Versammlungen und Central-Vereme, Herr Emil Lehmann, den Lmtennicht das Spiel verderben und seine, sowie seiner Gesinnungsgenossen Herzensmeinung durch Vorträge und Broschüren vor aller Otffentlichkeit zur Unzeit ausplaudern. Wir haben das Verfehlte und Fahnenflüchtige der ganzen Gesinnung wiederholt gekennzeichnet, welche ihr Erstgeburtsrecht um das Linsengericht antisemitischer Sympathien prcisgeben möchten. Wir wollen cs heute dahin gestellt sein lassen, ob man auf diesem Wege wirklich das gesteckte Ziel erlangt, ob man durch Verleugnung seines Judenthums, nicht etwa Beseitigung, sondern nur Verleugnung dcs Judenhasses erreichen wird. Für einen Augenblick wollen wir einmal auf die Intention eingchen, welche behutsam und fürsichtig nach allen Seiten auslugt um festzustellen, was unsere Gegner zu loben und zu tadeln haben und danach das eigene Verhalten eiurichten. Für den B.kevner dcs historischen Judenthums ist sein Religionsgesctz das absolute, das Gegebene. Für den Präsidenten des Centralvereins brauchen die religiösen Gesetze nur „unzweckmäßig und ungehörig in unserem deutschen Vaterlande" zu erscheinen, und sie müssen aufhören. — Der Central- Verein hat ein Büreau, in welchem eine Anzahl Juristen fortwährend die antisemitischen Zeitungen durchstöbern, um fcstzustellen, in wie weit die Angriffe daselbst zu bestrafen sind, lieber das Ersprießliche und Bedenkliche dieser Einrichtung bietet sich vielleicht später einmal Gelegenheit zu einer Auseinandersetzung. Aber eine Beurerkung können wir schon heute nicht unterdrücken. Wer die Tagespresfi, die antisemitische und die philosemitische regelmäßig liest, wird gar nicht, oder äußerst selten finden, daß uns das treue Festhalten an unserer Religion zum Vorwurf gemacht oder gar als Grund für die Verkümmerung unseres Staatsbürgerrechts hervorgehobm wird. Dagegen wird der Abfall von dem Judenthum, der Bruch mit den Traditionen der Väter, kurz das Reformjudcnthum als dasjenige bezeichnet, was man an der heutigen Judenheit auszusetzen habe. Alle Fehler,'die wirklichen und die erdichteten, werden auf das Conto des Abfalls von der Väterfitte gefitzt. Wir können keinen Blick in die Tagespreffe werfen, ohne Anklagen gegen das Reformjudenthum zu begegnen. Dieselben mehren sich von Tag zu Tag derart, daß wir eine Zusammenstellung derartiger Aeußerungen, die wir vor einigen Jahren begonnen, wieder eingestellt haben. Da liegt uns z. B. die Dessauer „Anhaltische Landeszeitung" vor, welche als ersten Leitartikel einen Aufsatz: „Chrifteuthum und Judenthum im Verhältniß zu Staat und Gesellschaft" bringt. Darin begegnen wir folgenden Sätzen: „Darum sei sich kein tiefer Denkender darüber im Unklaren, was er ais das Schlechte zu bezeichnen habe. Das moderne Judenthum, welches unseren Glauben zersetzend bekrittele, habe selbst keinen Glauben; eS sei nichts als die trostloseste Hineinziehung Glücklicherer in die eigene Zerrissenheit. Absurd sei daher auch die Annahme, das jemand das Judenthum um seines Glaubens willen verfolge; im Gegentheil, soweit dasselbe noch e:was an Glauben besitze, noch etwas sogenanntes Altjudenthum sei, insoweit gerade sei es für den Antisemitismus noch etwas Ehrwürdiges. Es handle sich also um die Btkämp'ung des Geistes, zu dessen Träger sich daS moderne Judenthum unter Benutzung anderer Strömungen gemacht habe, des antichristlichen Geistes." W r haben schon früher anläßlich ähnlicher Aeußerungen darauf hingewiesen, was von derartigen Behauptungen zu halten ist. Wir wissen ganz wohl, daß der Judenhaß sein Opfer nicht erst einer Katechese unterzieht, um festzustellen, ob sie Orthodoxe oder Rcformjuden sind. Aber weil wir dieses wissen, verzichten wir auch darauf es unseren Feinden recht machen zu wollen. Die Herren vom Central Verein aber, die nun einmal alles beseitigen möchten, woran unsere Feinde Anstoß nehmen, diesen möchten wir hiermit den Vorschlag machen. die Confiqnenz dieses ihres Standpunktes zu ziehen, und nicht Beschneidung, Spnsevorschrlften und Sabbat, sondern ihre Modereiiftion mit ihren Ausgeburten als „unzweckmäßig und ungehörig" auf den Iudex zu stellen! Wenn sie auf diesen Vorschlag eingehen, dann zeigen sie, daß sie es ehrlich mit ihrer Sache meinen, daß sie ihnen höher als ihr Selbsterhaltungstrieb steht. Wenn sie aber nicht der Überzeugung zugänglich sind, daß ihnen in Folge ihrer religiösen oder richtiger irreligiösen Richtung, die Qualification abgeht, sich als Retter der Judenheit zu geriren, dann wird die abweichende Haltung, welche ihnen von ihren Stammesgenossen entgeaen gebracht wird, ihnen dieses Bewußtsein mit der Zeit schon bringen. Für uns steht es fest, daß die Verleugner des Judentums die Judenheit nicht zu retten vermögen. — W.mn der Centralverein anderer Ansicht sein sollte, so haben ihn die bis jetzt errungenen Lorbeeren sicher nicht dazu geführt. Diese erscheinen so spärlich und fragwürdig, daß den eigenen Entrepreneuren davor grauen muß. — Vielleicht versuchen sie es einmal auf dem von uns vorgeschlagenen Wege.