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Der Israelit · 1894-05-25 · Heft 41 (25.5.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 41 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang Erste Beilage zu M 41 des „Israelit". Leitender Artikel. Gin Vorschlag zur Hüte. Mainz, 23. Mai. (An den Central - Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Bekenntniffes.) Diejenigen unserer Leser, die außerhalb Berlins leben und der antisemitischen Tagespresse fern stehen, haben vielleicht den Verein ganz vergessen, an den wir hiermit einen Vorschlag zur Güte richten möchten. Wir müssen deßhalb das Gedächtniß an diesen Verin, der in den antisemitischen Zeitungen bereits eine stehende Rubrik bildet, ein wenig auffrischen. Der Verein verdankt seine Entstehung einer vor etwas mehr als Jahresfrist erschienenen anonymen Broschüre. Dieselbe bezeichnet die Satzungen des gesetzestreuen Judenthums als verschimmelte Gesetze. Die Bekenner bi ff eiben sind ihr die „Zurückgebliebenen. die ihre Aufgabe in dem geeinigten Reiche nicht begreifen wollen." Wer noch die Sehnsucht nach dem heiligen Boden unserer Vergangenheit und Zukunft auch in der Gegenwart im Herzen trägt und ihn in Worte kleidet, ist ein Schwärmer oder ein Narr. Der Versöhnungstag ist für Tausende von Juden nicht mehr ein Tag der Andacht u. s. w. — Der Verfasser zählt sich und seine Gesinnungsgenossen zu dem besseren Theil der deutschen Juden, welchen es nur an einem Einigungsbande, demB ekenntntß einer Ge sammth e it fehlt. Dieses Einigungsband soll der „Central- Verein" repräsentiren. Unter den sechs Glaubenssätzen, welche den Katechismus des neuen Bekenntnisses bilden sollen, braucht man zur Charakterisirung des Ganzen nur einen herauszugreifen: „Unser Glaube und unsere Moral beruht nicht auf den Lehren vergangener Jahrhunderte, sondern auf den Ansch auungen, die wir einer modernen, nationalenErztehung verdanken." Daß dieses die „Anschauungen der Mehrheit der jüdischen Staatsbürger" sei, wie der Verfasser damals glaubte, das muß auch ihm jetzt zweifelhaft geworden sein. Dagegen, daß es speziell in Berlin, diesen, das überlieferte, historische Judenthum verleugnenden Anschauungen nicht an Vertretern fehlt, darüber war niemand im Zweifel. Eine Anzahl der von diesen Ideen Beherrschten trat in der That zu einem Berein zusammen. Es ist dies unser Central-Verein. An der Spitze desselben steht ein Herr Dr. Men de ls o h n. Für diejenigen, welche diesen Herrn nicht kennen, bemerken wir, daß derselbe uns vor einiger Zeit fein Glaubensbekenntniß in einem längeren Schreiben mittheitte, welches wir in Nr. 3 des vorigen Jahrg. an dieser Stelle beleuchteten. In diesem Schreiben sagt Herr Dr. Mendelsohn u. a. : „Die Rasse, die Nation der Juden, hat „aufgehört zu existiren, folgerichtigerweise muß „auch die Beschneidung, die eigenen, in un- „serem deutschen Vaterlande unzweckmäßigen „und ungehörigen Speisevorschriften, der „gesonderte National-Feiertag (Sabbat) „aufhören." Man geht wohl nicht fehl, wenn man als Zweck und Tendenz dieser und anderer Aeußerungen die Absicht bezeichnet, durch Aufgaben der Eigenart des Judenthums uns unser Staatsbürgerthum zu sichern und jedenfalls unseren Feinden jeden Vorwand zu benehmen uns gehässig entgegen zu treten. Der Verein hat dieses ungeheuerliche Ansinnen allerdings durch verschiedene papierne Thaten vorsichtig verhüllt, weil es ihm darum zu thun ist al l e Israeliten unter einen und zwar unter seinen Hut zu bringen. Wenn man diese Herzensergüsse bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in alle Welt rufen wollte, so würde man. von den Bekennern des Austern - Judenthums abgesehen, wenig Zulauf haben. Deßhalb hat man die Parole ausgegeben: um religiöse Anliegen kümmere sich der Verein gar nicht. Ihm sei es nur um die politische soziale, kurz staatsbürgerliche Stellung der Juden zu thun. Alles andere sei Privatsache. Die treibenden Elemente dieses Vereins verstehen sich ganz wohl, wenn sie über Religion u. dgl. Spielsächelchen auch kein Wort wechseln. So haben sich auch die römischen Auguren verstanden, wenn sie sich bet öffentlichen Begegnungen verstohlen zulächelten. Es ist ja in gewissem Sinne wahr, daß ihnen das religiöse Moment ein ganz untergeordneter Punkt ist. Ihr Steckenpferd ist ihr Staatsbürgerthum, wenn sie ungentrt von den religiösen Satzungen sich auf ihm tummeln können, dann dürfen sie ruhig am Wege liegen. Wenn sie ihnen aber i m Wege 'liegen, wenn sie ihnen Hindernisse in ihrem Ritt bereiten, oder wenn die furchtsamen ängstlichen Reiter diese Satzungen als unzweckmäßig und ungehörig ansehen, dann hätte das Ständlein dieser Satzungen geschlagen, wenn sie wirklich von der Gnade dieser wunderlichen „Ritter vom Geiste" abhängig wären. Doch man muß anerkennen, daß die Leitung

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