Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 41 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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741 Land und den Besitz verliehen, hat jedem Einzelnen so und so viel bestimmt und zngewiesen, und deßhalb fällt nach 7 mal 7 Jahren der Besitz wieder zurück an den ersten Eigentümer, geht der Mensch frei aus, wenn er sich als Sklave verkauft hat. Der Besitz wechselt bekanntlich im Leben sehr oft, und meistens ist es unsere Schuld, weil wir denselben nicht richtig verwerthen, nicht den richtigen Gebrauch davon machen und weil wir zu fest und sicher auf ihn bauen, von ihm allein uns oft abhängig machen, keine andere Lebensaufgabe kennen und verfolgen, als Besitzthum zu erringen. Deßhalb machen die Menschen so viel bittere Erfahrungen, werden so oft erschüttert in ihrem Vertrauen, so oft enttäuscht in ihren Erwartungen und Berechnungen. Selten aber verstehen die Menschen die Lehre daraus zu ziehen, die sich so leicht und klar ergibt, daß wir im Leben noch mit anderen Factoren zu rechnen haben, daß man neben Geld und Gut noch anderen dauernden Besitz sich verschaffen soll, daß es noch ein viel wichtigeres Lebensbedürfnis gibt: Zu rechnen haben wir mit der Abhängigkeit von Gott; zu verschaffen haben wir uns zu unserem Selbstvertrauen in erster Z-nie das Gottvertrauen. Wir sehen, daß auch das Land, das wir bewohnen, die Erde, die uns ernährt, Seinem Gesetz untersteht. Warum also sind wir immer des Glaubens, das Leben nach unseren Ansichten regeln zu können, räumen dem göttlichm Gesetze kein Recht ein und vermessen uns, besser Bescheid zu wissen, wie und wodurch wir uns das Leben ermöglichen können, als der Schöpfer, der Seiner ganzen Schöpfung die Lebensbedingungen vorgeschrieben nach Seinen unwandelbaren Gesetzen! Wer den Sabbat hält, dem verspricht Gott ru»o Dr6 doppelt Brod am sechsten Tag. Die Menschen haben aber kein Vertrauen zu Gott, der unserem Volke durch die That bewiesen, daß Er das Brod spendet; sie gönnen sich nicht den Ruhetag, den Gott eingesetzt als Zeichen Seiner Schöpfung; sie leugnen die Göttlichkeit dieses Tages, mühen sich ab ohne Rast und Ruhe. Und haben sie ihr Loos erleichtert, haben sie weniger zu arbeiten, haben sie mehr Besitz, sind sie zufriedener mit sich? Es wird das Niemand behaupten können. Und war denn unser Volk, das den Sabbat Jahrtausende beobachtet, gegen andere Völker zurück? Konnte es nicht mit ihnen wetteifern? Und widerlegen nicht alle Diejenigen, die heute noch den Sabbat als Ruhetag ihrem Gotte weihen, all' die Einwände und Entschuldigungen und Rechtfertigungen, die man aus den Verhältnissen der Jetztzeit herbeiholt? Noch kein Gesetz der rron ist für unwahr erwiesen worden, und das erste und oberste Gesetz, auf dem das ganze, große, erhabene Gebäude der mm sich ausbaut, das als Grundgesetz gilt, mit dem die jüdische Religion fällt und steht, dieses sollte eine Unwahrheit sein?! Denn man behauptet, es sei unmöglich, demnach müßte es auch unwahr sein. Und dieseConseguenz,daß man den Sabbat als eine Unwahrheit hinstellt, wenn man ihn für unmöglich erklärt, möchte ich hiermit ganz besonders betonen und sie allen Jenen so recht zum Bewußtsein bringen, die heute, wenn auch nicht leichten Herzens, aber doch schwachen Herzens sich entschlossen haben, weil sie heute am Sonntag einige Stunden weniger ihr Geschäft offen halten dürfen, ihren — nein nicht nur ihren, sondern Gottes Ruhetag, d3tw»id ^aa ‘ib hyi na» »a .Denn ein Ruhetag ist er für Gott in allen Euren Wohnsitzen", aufzugeben. Viele, die sich als fromme Juden hielten und halten, haben diese Probe nicht bcstanden. Aber gerade in solchen Zeiten, wo der Ansturm gegen die göttlichen Gesetze von innen und außen ein so gewaltiger ist, hat man sich zu bewähren, da kann man zeigen, daß man Vertrauen hat zu Gottes Wort, kann man zeugen für die Wahrheit dieses Gotteswortes. Ob sie jetzt, nachdem sie ihren Ruhetag aufgegeben, dieses .ewige Zeichen" des Bundes mit Gott, dieses ewige Zeichen der Schöpfung, auch in der That beruhigt sind diese ängstlichen Gemüther! Ob sie jetzt ruhigeren Gewissens sich ihres vermehrten Besitzes freuen! Ist man sich wirklich nicht klar geworden, daß man die min in diesem Gebote gerade der Unwahrheit zeugt? Man hat der jüngeren Generation ein schlimmes, ein nicht zu verantwortendes Beispiel gegeben, und viele andere schwache Gemüther weisen hin auf jenes verderbliche Beispiel und vertrauen ihre Kinder, die sie bis jetzt religiös erzogen haben, von denen sie auch nicht die geringste Uebertretung des Sabbatgesetzes geduldet haben, jedem Geschäfte an. das an Sabbat und Feiertagen nicht geschlossen ist. „Es geht ja heute doch nicht mehr" ist die vielgehörte Entschuldigung. Die schweren Zeiten, sagt man, sind Schuld daran. Und nun soll wohl Gott bessere Zeiten schicken, soll wohl den Lohn dafür spenden! Man hofft ja doch, daß diese Umwandlung des Ruhetages in einen Arbeitstag eine bessere Zeit, größeren Gewinn bringe. Es ist eine tiefe Wunde mit diesem Schritt, zu.dem sich so Viele entschlossen, dem Judenthum geschlagen worden, und es wäre unverantwortlich, wenn man dieselbe langsam vernarben ließe, denn sie würde niemals wirklich heilen, sondern zu einem ewig eiternden Geschwüre sich auswachsen. Es ist nicht gut und nicht recht, sein stilles Bedauern darüber in sich herumzutragen. In ernsten Zeiten ziemt sich auch ein ernstes Wort. —