Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 40 (21.5.1894)
- Date
- 1894-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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724 skizzirt, in der mündlichen Thora ausführlich erläutert und durch die Anordnungen unserer großen Lihrer gegen menschliche Schwäche und Leichtsinn geschützt sind. — Diese Wissenschaft macht ihren Besitzer zum Weisen aber erst dann, wenn er sich selbst nach ihr bildet, ihr gemäß lebt. So gewiß der Gerechte, Edle, Friedfertige, diese Bezeichnung nicht verdient, wenn er die Anforderungen der Gerechtigkeit, des Edelsinns und der Friedensliebe aus Büchern kennt, ohne ihnen durch die Thal seines Lebens zu entsprechen, so wenig macht der Besitz der ntwn zum odh, wenn der Besitzer sie nicht in die Wirklichkeit umsetzt, wenn sie nicht in ihm verkörpert erscheint. Nach dem bisherigen kann die Kenntniß der Thora niemals Produkt menschlichen Scharfsinns, des Verstands oder der Vernunft, sondern nur Sache der Ueberlicferung sein. Es könnte sogar sein, daß der Lehrer der Thora an geistiger Befähigung dem Schüler nachsteht. D^r Lehrer hat um Lehrer sein zu können nichts nöthig, als daß er die Weisheit der Thora von seinem Meister überkommen und sich dieselbe mit treuer Gewissenhaftigkeit angeeignet hat. Der geistig noch so begabte Schüler hat wiederum nichts zu thun als die Ueberlieferung der Thora von seinem Lehrer hinzunehmen. Im Grunde genommen entscheidet daher bei der Weisheit nicht die geistige Begabung, sondern die Ueberlieferung des Weisen. Nehmen wir z. B. an, es hat sich Jemand einen großen Schatz an Kenntnissen der überlieferten Thora angeeignet. Es liegt ihm nun ein Fall zu entscheiden vor, bet welchem er durch Analogien und Vergleichungen, durch Folgerungen und Schlüsse von dem Bekannten auf das nun zu ermittelnde schließen muß. Obwohl es sich also um eine Verstandesoperation handelt, so kann der Entscheidende, wenn cr auch geistig noch so befähigt ist, sich nicht auf seine Deduktionen verlassen, weil es für die Gegenstände, welche die Weisheit der Thora umfassen, keinen Beweis im gewöhnlichen Sinne des Worts giebt. Logisch läßt sich das Verbot der Mischung von Wolle und Leinen, die Pflicht von Schofar, Lulab u. a. m. nicht begründen. Der Entscheidende hat immer mit der Eventualität zu rechnen, daß er falsch dcduciren, sich irren und andere zum Unrecht veranlassen könnte. Fände sich nun ein anderer, der über diesen speciellen Fall eine Ueberlieferung hätte, oder er gelangte auf Grund eigener Beurteilung zu einem andern Resultat, so würde sich der erstere, wenn alle sonstigen Voraussetzungen rationell begründet sind, gewiß dem Urtheil des letzteren fügen, selbst wenn dieser jenem an geistiger Befähigung nachstünde. Das ist bei allen anderen Wissenschaften nirgends sonst der Fall, sie mögen Philosophie, Astronomie, Mathematik und wie sonst immer heißen. Bet allen handelt es sich um Materien, die sich innerhalb menschlichen Verstandes und menschlicher Vernunft bewegen. Hier entscheidet die größere geistige Befähigung. Der geistig Begabtere ist hier maßgebend. Er ist der Meister und der weniger Begabte der Jünger. Diese Rollen können nie wechseln. Der osn der n-nn aber kann von jedem lernen, auch wenn der andere geistig tief unter ihm steht, dtn $30 nvibn DDn mx. Der ddr lernt ja nicht um zu lernen und durch Gelehrsamkeit zu glänzen, sondern um das Gelernte nun auch durch die That zu befolgen. Er schöpft daher Belehrung, wo sie sich auch bietet. Unsere von Gott begnadeten nasn unsere Weisen, die in Wahrheit diesen Ehrcniamen verdienen, haben uns nach dieser Seite hin ergreifende Züge überliefert, welche uns belehren, wie sich bei ihnen selber die Bedingungen erfüllt fanden, die sie an den Weisen stellen. Die Mischna in Edioth (I. 3 ff.) berichtet von einer Meinungsverschiedenheit zwischen Hillel und Schammai, über das Quantum geschöpften Wassers, welches hinreicht ein rituelles Bad untauglich zu machen. Die Weisen entschieden weder wie der eine noch wie der andere. Es kamen nämlich zwei Weber vom Schuttlhore in Jerusalem, diese bezeugten das Quantum, wie cs Schemaja und Ablalion gelehrt hatten, und so entschieden die Weisen! — Dazu wird erläuternd beigefügt: Profesion und Herkunft dieser Gewährsmänner seien hier deßhalb erwähnt, damit sich Niemand durch seine soziale Stellung bestimmen lasse, dem Lehrhause fern zu bleiben. Es gab keinen geringeren Stand als derjenige der Weber, von ihnen nahm man niemals Könige und Hohepriester. Es gab keinen verächtlicheren Ort als das Schutthor in Jerusalem, und Weber am Schutthore in Jerusalem haben den Ausschlag aller Weisen gegenüber gegeben! VM' n^lp mb inJDW Dtcn IMQ'N dp xjnn wi man za nmns maoiN “jb iw man mna iasy din ->JW l’Kl S'HJJ }i"D fsbl Nb UO*n O'TÖJ/Ö 'Ovn b:ab invnn wmrri rrsrNn nj/tpa nmns crVtm:: . bN-p’ Tritt somit bei der Wissenschaft der Thora selbst der Größere in den Hintergrund, sobald der Geringere sich über die durch Ueberlieferung festgestellte Wahrheit legitimiren kann, so versteht sich der Satz unserer Mischna von selbst, welcher das erste Merkmal des Weisen darin erblickt, daß er nicht vor demjenigen das Wort ergreift, der ihm an Weisheit überlegen ist. Es ist nur zu betonen, daß diese hier verlangte Rücksicht nicht aus Erwägungen des Anstandes oder der Forderung beruht,