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Der Israelit · 1894-05-16 · Heft 38-39 (16.5.1894) · page 39

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 38-39 (16.5.1894)
Date
1894-05-16
Page
– (sequence 39)
Language
German
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Juden im Osten Europas lebt, eine Begeisterung, die zum ersten Male im Jahre 1884 zur Organisation einer Partei führte, die ihrerseits durch ihre führenden Geister bald auf alle inneren und äusseren Beziehungen der jüdischen Gemeinschaft Einfluss gewann. Wenn nun aber diese moralischen Errungenschaften der „Zionsfreunde“ so grosse waren, wenn sie so mit Sturmesgewalt sich vollzogen, welches waren ihnen gegenüber — so fragen wir — dann die materiellen Erfolge, die realen Vortheile, die an jene ideellen Eroberungen sich knüpften und aus ihnen hervorgingen? Da müssen wir denn, wenn wir nach objectiv wahrer Darstellung der Sachlage streben, mit Beschämung eiugestehen, dass sich ein verhältnissmässig nur sehr klägliches Resultat verzeichnen lässt. In den ersten sieben Jahren ihres Wirkens (1884—1890) haben die „Zionsfreunde“ nicht einmal so viel erreicht, die drei Kolonien, welche auf ihre Hilfe angewiesen waren, ganz selbstständig zu stellen. Wir können diese Thatsache immerhin zugeben, aber wir brauchen trotzdem aus ihr noch nicht die Konsequenz zu ziehen, zu welcher sich die Gegner der Palästinabewegung für berechtigt halten, nämlich dass darum Palästina ungeeignet sei für Kolonisationszwecke. Die Ursachen für diese finanziellen Misserfolge sind vielmehr zu suchen in Schwierigkeiten, welchen die „Zionsfreunde“ in Russland selbst begegneten, sie sind zu suchen in den Eigentümlichkeiten der unterstützten Kolonien, sowie der Kolonisten selbst. Endlich ist auch das System, durch Sammeln von Beiträgen und Spenden ein grosses Werk in’s Leben zu rufen, für die Dauer undurchführbar. Und in der That trafen alle diese eben erwähnten Momente zusammen, um zu dem oben konstatirten, verhältnissmässig traurigen Resultate zu führen. Eines namentlich wollen wir aber schon jetzt betonen: Wenn wir von ideellen Eroberungen gesprochen haben, welche die Kolonisations-Idee machte, so kann sich dies doch nur auf die jüngste Neuzeit beziehen, es entspricht dies aber nicht den Verhältnissen zur Zeit des Kattowitzer Kongresses. Damals musste die soeben erst erstandene Partei noch um ihre eigene Existenz und Anerkennung ringen, da standen ihr noch mächtige Widersacher entgegen, die es zu überwinden galt, und die keineswegs billigen Kaufs das Feld räumten, es gab Widerwärtigkeiten und Feinde nach allen Seiten hin, und gegen Alle hatte sich die junge Partei zu wehren. Aber unsere sogenannten „freisinnigen“ Glaubensgenossen in West-Europa, die die Kolonisation Palästinas als ein Erzeugniss der schwarzen, so verhassten Orthodoxie befehdeten, waren noch nicht die schlimmsten Gegner dieses neu aufgekeimten Gedankens, seine erbittertsten Widersacher fand dieser letztere unbegreiflicherweise im Lager der Orthodoxen selbst, ganz besonders in Süddeutschland, und zu dichten Schaaren geschlossen kämpften auch ihre Parteigänger in Russland gegen die „Zionsfreunde“. Im ersten Treffen selbst standen dabei die sich selbst „Fromme“ („Chassidim“) Nennenden. Ihnen ist Jerusalem ein „Noli me tangere“; ginge es nach ihrer Ansicht, so würden die Juden an den heiligen Stätten wohnen, um dort ausschliesslich einem beschaulichen Leben sich hinzugeben. Nichts soll an dem Zustande des traurigsten Verfalles geändert werden, bis der Herr sich selber Zions erbarmen und es durch den sehnlichst erwarteten Messias wieder aufrichten wird. Bis dahin soll das Land ein grosses Armenhaus, eine einzige riesige Altersversorgungs- Anstalt bleiben, wo altersschwache, gottesfürehtige Juden ausschliesslich von den Spenden leben sollen, welche aus aller Herren Ländern nach dem heiligen Lande Messen. Dem gegenüber ging das Streben der „Zionsfreunde“ dahin, aus dem Siechen- und Altersasyl ein Asyl für Obdachs- und Heimathslose zu schaffen, das weite und verödete Bethaus, „Heiliges Land“ genannt, zu einem Mittelpunkte jüdischen Ackerbaues, jüdischen Wissens und jüdischer Cultur umzuwandeln. Aber alles Dieses, das schon vierundzwanzig Jahrhunderte früher Serubabel so zielbewusst und so erfolgreich durchgeführt hatte, erschien jenen „Frommen“ nun, wo Jung-Israel dasselbe unternimmt, als ein dreister Eingriff in das Walten der Vorsehung, als irreligiöses Beginnen; man schalt es frivol, messianische Zustände in Palästina hervorrufen zu wollen, ohne Hilfe des Messias. Wir haben diese Anschauung, welche ja ehedem von den breiten Massen getragen wurde, kennen zu lernen bereits Gelegenheit gehabt, in ihr ist die Quelle zu erblicken für jene staunen erregende Sorglosigkeit, welche die Juden in den achtzehnhundert Jahren ihres Exils noch zu keinem energischen Schritte, zu keinem ernstlichen Rekolonisationsversuche gelangen Hess. Die Waffen, mit welchen dieser Fatalismus sich wirksam bekämpfen Hess, konnten nur dem Talmud entnommen werden; ihm entnahm auch Rabbi Hirsch Kalischer seine Argumente, durch deren Gewalt er den Gegnern des Kolonisationsgedankens immer mehr Boden abgewann, bis sie jetzt nur noch eine unbedeutende Minderheit bilden, von der sich insbesondere die grossen Rabbiner Russlands, die anerkannten Führer der jüdischen Volksmassen, abgewandt haben. Diese Erfolge aber waren im Jahre 1884 natürlich noch nicht zu verzeichnen, als man den Plan, das heilige Land zu bebauen, als Ausgeburt veralteter Orthodoxie von Seiten der „Freisinnigen“ bekämpfte. Und doch ist diese Idee durch und durch

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