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Der Israelit · 1894-05-16 · Heft 38-39 (16.5.1894) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 38-39 (16.5.1894)
Date
1894-05-16
Page
– (sequence 30)
Language
German
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m 720 aber nicht der Fall. Trotz der hohen Miethe sind alle Räume besetzt und in Folge stetiger Zunahme der Bevölkerungsziffer erfährt die Nachfrage keine Verminderung, vielmehr finden die Löcher bei dieser stetigen Bevölkerungszunahme immer wieder ihre Reflectanten. „Warum die Juden besonders gern in dieser Nachbarschaft wohnen, dafür giebt cs mehr denn einen Grund. In diesem Stadtviertel findet sich der Jude zu Hause. Es ist dies ein Gefühl, für welches ein Christ, der in einem andern Stadttheile wohnt, keine Eiklärung hat. Hier haben die Eltern und Großeltern der heutigen Geschlechter gewohnt und sich geplagt; hier wollen auch sie ihr Brod verdienen. Hier lebt der Jude in der Mitte seines eigenen Volkes. Nach einer vor kaum einem Jahre gemachten Aufstellung wohnen nur 65 christliche Familien in der Uilenburgerstraat, Balkenburgerstraat, dem Waterloopletn, der Joden Houttuinen Jodenbreestraat, dem Markenpletn, Markenstceg, Houtkoopcrsburgwall, der Oostersche Kade und Oudeschans. Einige weibliche Mitglieder dieser Familien versehen den sogenannten Sabbatfrüuendienst^ Sie unterhalten in den Häusern der Juden, von Freitag- bis Samstagabend das Feuer, für welchen Dienst sie einen entsprechenden Lohn empfangen. Die strenge Beobachtung der Sabbatgesctze, welche bei diesem Theil der jüdischen Gemeinde die Regel ist, macht den Aufenthalt einiger christlichen Familien in ihrer Mitte höchst wünschenswerth. Rechnen wir diese 65 christliche Familien durchschnittlich zu je 6 Personen, so ergtebt dieses 390 Christen, welche sich unter den Tausenden von Juden fast verlieren. Hieraus begreifen wir weshalb diese Nachbarschaft eine so besondere Anziehungskraft auf ihre jüdische Bevölkerung übt. Würden wir Jemandem von diesen Leuten den Rath geben, sich in den neuerbauten Stadttheilen nach einer besseren und wohlfeileren Wohnung umzufehen, so würde er ganz sicher die Stirn runzeln und uns zu verstehen geben, daß er unserm Rathe nicht folgen könne. In seinem alten Nest kann er seine Waaren auf einem Gestell vor seinem Haufe auslegen, was ihm anderswo nicht gestaltet sein würde. Hier findet er die Läden, in welchen er seine Lebensbedürfnisse kaufen kann, von welchen er bestimmt weiß, daß sie in Uebereinftimmung mit dem Religionsgesetze hergeftellt sind. Um uns die Wichtigkeit dieses Umstandes auch zu beweisen, führt er uns den Namen eines seiner Glaubensgenossen an, welcher aus der Nachbarschaft fortzog und jetzt, weit entfernt von dem Judenviertel wohnend, nicht mehr so strenge in Beobachtung der religiösen Satzungen ist, wie früher, weshalb er denn auch jetzt von seinen frühern Freunden verachtet wird. Wenn ein Umzug denkbar wäre, so könnte dieses nur eine Art Exodus Vieler zu gleicher Zeit sein, welche im Stande wären, ein eigenes jüdisches Quartier zu organisieren. Es giebt einige neu eingerichtete Localitäteü, welche vielen jüdischen Familien geeignete Wohnungen bieten würden; aber für die Klasse Leute, welche wir im Auge haben, wird der Miethzins zu hoch sein. Daher ist die Errichtung von besonderen Quatieren mit Arbeiterwohnungen zu niedrigen Miethsätzen ein dringendes Bedürfnis. Es könnte daher ein sehr nützliches Werk geschaffen werden, wenn sich ein Verein constttuiren würde, der sich die Realisirung dieses Planes zur Aufgabe stellte. Es würde dieses nicht nur ein Philanthropffches, sondern zugleich auch ein lucratives Unternehmen sein. Hier bietet sich ein weites Feld für wohlhabende und einflußreiche Juden, welche für ihre unbemittelten Brüder ein warmes Herz haben. Hier bietet sich Arbeit für Juden, welcher für die allgemeinen Interessen der Gesellschaft empfänglich ist Das Verlangen nach besserer Behausung muß in der Brust derjenigen wachgerufen werden, welche in Löchern wohnen, gleich denen, von welchen wir eines besucht haben. Es muß die Zeit kommen, in welcher Niemand eine Wohnung mehr mtethen will, die nicht mit Wasser und einem Gußstein, der mit den Hauptstraßenkanälen in Verbindung steht, so wie mit ausreichendem Licht und reiner Last versehen ist. Unzählbar sind aber heute die Wohnungen, welche dieser nothwendigsten Lebensbedingungen entbehren und dennoch die Taschen ihrer Eigenthümer reichlich füllen. „Jetzt laß uns Abschied nehmen von diesen Räumen! Nimm dich aber in Acht beim Hinuntersteigen! Bitte halte dich rückwärts, sonst wirst du vor einem unerhofften Fall in den Koth nicht sicher sein." — Endlich bist du auf der Straße und fühlst, daß du wieder frei athmen kannst! Und mehr als je wirst du dein Helles und geräumiges Wohnzimmer zu schätzen wissen in welchem du mit deiner Familie in Gesundheit und Frohsinn leben und darüber Nachdenken kannst, durch welche Mittel auch Andern freundlichere Wohnungen zu verschaffen sind, als die sind, in welchen sie jetzt ihr kümmerliches Dasein fristen.*) Allerlei. Paris. Auf der internationalen Ausstellung von 1878 und auf der englisch-jüdischen Ausstellung in Royal Albert-Hall von 1887 in London erregte eine prachtvolle Sammlung jüdischer Kunstgegenstände *) Nach dem „I. St." deutsch von L. Cohen.

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