Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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718 trauriger sind. Doch sind wir durchaus nicht neidisch und wünschen nur, daß wir Paris in diesem Punkte noch weit hinter uns zurücklaffen könnten." „Wir suchen nun mit Hilfe eines zweiten Zündhölzchens eine Thüre ausfindig zu machen. Wir klopfen an, und ein gastfreundliches „Herein!" ladet uns zum Eintritte ein. Wir befinden uns in einem kleinen Zimmer, von sechs Insassen, Vater, Mutter und vier Kinder bewohnt. Der Fußboden ist mit rothen Ziegelsteinen belegt, welche hier und da aber schon gewaltig zerbröckelt find. In demselben befindet fich nur eine Bettlade, aber in der inner« Thüröffnung find zwei Hängematten befestigt, welche sich um die Thürangeln drehen; die beiden ältesten Kinder schlafen auf dem Fußboden. Dies ist aber noch eine luxuriöse Einrichtung, denn es kommt auch vor, daß Bretter in einer gewissen Höhe über .der Bettlade angebracht sind, welche hierdurch zu einer zweistöckigen Ruhestätte wird. - „Du suchst vergebens nach einem Krahnen, welcher die Familie mit Wasser versorgt. Bitte, bemühe dich auch nicht umsonst! Zwar haben einige Hauseigenthümer dieser Nachbarschaft in jüngster Zeit Wasserleitungen in ihren Häusern anlegen lassen, aber nicht zur Bequemlichkeit für die Miether, sondern nur zur Bereicherung ihres eigenen Seckels; denn wo dieses geschah, wurde sofort der wöchentliche Mtethzins um einige Cents in die Höhe geschraubt. Der jährliche Gefammtertrag deckt vollständig die Anlagekosten und die an die Wafferleitungsanstalt zu zahlende Steuer. Auch geschieht es nicht aus Samtätsrücksichten gegen die Bewohner besagter Räume, sondern in Wirklichkeit nur, um Geld zu machen, da jeder Eimer Wasser den Miethern 2 Cents (4 Pfennige) kostet. Eine Berechnung der Waffermenge aber, welche die jüdische Talmudstudien bei Nacht. Aus „Jüd. Leben in Wort u. Bild" v. Sacher Masoch (Verlag BenSheimer, Mannheim). Familie gewöhnlich zum Waschen des Körpers, zum Scheuern des Fußbodens und der Hausgeräthe, zum Zubereiten der Speisen, zum Spülen der Tischgeräthe und zum Trinken verbraucht, ergibt, daß sie für Wasser wöchentlich durchschnittlich 40 bis 50 Prozent der eigentlichen Wohnungsmiethe zu entrichten hat. Sicher ist aber hierbei, daß sie sich in dem Verbrauche des Wassers nicht so einschränken würde, wenn sie nichts weiter zu thun hätte, als nur den Krahnen los- und zuzudrehen." „Unter diesen Umständen können wir e8 uns auch erklären, weßhalb die ökonomische Hausfrau manchmal das schmutzige und übelriechende Kanal- Wasser zum Scheuern des Faßbodens benutzt und weßhalb der Arzt manchmal eine Zeitlaug warten muß, ehe er einen Napf reines Wasser für seinen Patienten bekommen kann." „Man hat oft Klagen über den Mangel an Reinlichkeit in dieser Nachbarschaft erhobrn. Wir dürfen jedoch hierbei nicht vergessen, daß dienöthige Reinlichkeit und die nicht minder nöthige Sparsamkeit oft in Collision gerathen, wo jeder einzelne Eimer Wasser solheuer bezahlt werden muß. Eins steht fest. Den Ansprüchen an nöthigerReinlichkeit kann nur dann entspochen werden, wenn jede Wohnung ausreichend mit Wasser versorgt ist und der Gebrauch von Eimern und Wafferkübeln nur noch antiquarisches Interesse hat. „In diesem Fülle müßte dann aber dafür gesorgt werden, daß die Wasserleitung so bequem wie möglich angelegt werde und nicht, wie wir dieses in einigen Häusern gesehen haben, wo die Röhren längst der Innenseite der Außenmauer liegen. Hier dienen viereckige Mauerlöcher als Fenster, welche im Winter dem Froste ungehinderten Zutritt gestatten, so daß die Röhren springen und bte Benutzung der Leitung ganz unmöglich machen. Der