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Der Israelit · 1894-05-16 · Heft 38-39 (16.5.1894) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 38-39 (16.5.1894)
Date
1894-05-16
Page
– (sequence 26)
Language
German
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716 nimmer lag das Korn auf dem Speicher und nimmer füllte sich das Gewölbe mit kaufendem Publikum. Wüste lagen Felder uud Wiesen, eine Stätte trauriger Erinnerung. Müde und abgespannt von all den Sorgen, um die Zukunft legten sich die Brüder eines Abends zu Bette und als sie sich morgens bet ihrem kargen Mahle zusammenfanden, da glänzte auf des jüngsten Bruders Angesicht ein Sonnenstrahl verklärter Glückseligkeit. Erstaunten seine Brüder schon darüber, so wunderten sie sich noch mehr, als er begann : „Liebe Brüder! Schweren Kummer im Herzen, bange Sorge auf dem Angesichte, so brachten wir bis heute seit jener Schreckenszeit unser Dasein zu. Wir wußten des Abends nicht mit was wir des Morgens uns sättigten, unsere Kleider sind zerrissen, die Schuhe fallen uns von den Füßen, als Bettler begannen wir die Tage, als Bettler beschlossen wir sie. Unruhig schlafend, im Traume mit unserem bösen Geschicke kämpfend, wälzte ich mich auf meiner harten Lagerstätte. Da schien plötzlich das Zimmer erhellt und ich erkannte vor meinem Bette die ehrwürdige Gestalt unseres guten Vaters. Ich fühlte deutlich seine Hand auf meiner heißen Stirne, als er zu mir sprach: „Schwer lastet die Hand des Unglücks auf euch, doch verzaget nicht. Gehet morgen früh hinauf in des Hauses oberstes Stockwerk, in einem alten Schranke werdet ihr so viel finden, als ihr jetzt bedürfet. Seit demüthtg im Glücke, wie ihr im Unglück standhaft bliebet und der Friede eures Gottes wird euch nicht fehlen." Freudig bewegt, begaben sich die drei Brüder in die oberen Gemächer ihres Hauses, wo sie einen bisher für leer gehaltenen Schrank mit einiger Mühe öffneten. Im Staube versteckt, entdeckten sie ein versiegeltes Papier mit folgender Aufschrift: „An meine Söhne!" Die Brüder erbrachen den Siegel und lasen: „Meine Söhne! Ihr habt meinen letzten Wupsch in Ehren gehalten. Das Haus, in dem eure Ellern lebten und wirkten, habt ihr erhalten im schweren Kampfe des Lebens, obwohl euch beinahe alles, was ihr hattet, verloren ging. Und weil ihr meine Vorschrift in so vollkommener Weise befolgtet, will ich euch den W:g zeigen, wie ihr eure Lage wieder verbessern könnt. In einer Ecke dieses Schrankes habe ich einen Sparpfennnig niederqelegt, der euch zu eurem Lebensunterhalt und zur Wiedererrichtung eures Geschäftes behilflich sein wird. Seid fleißig und bleibet brav, dann werden auch für euch wieder bessere Zeiten kommen. Das Haus aber, das ich euch hinterlassen habe, gebet nicht auf, es wird im Glücke euch eine Stätte friedlichen Lebens, im Unglücke aber ein Quell steter Hülse sein." Die braven Söhne befolgten die Lehren ihres Vaters und lebten glücklich und zufrieden. Wer aber gewillt ist, in diesem Märchen einen tieferen Sinn zu suchen, der mag das Haus als Israels heilige Lehre, die wir von unseren Vätern überkommen haben, die Söhne aber als die streuen Besolger derselben betrachten und es machen wie diese. „Dieser Kauner von einem Juden." (Aus dem „Freien Blatt".) „Juden! .... Ich hasse sie instinctiv! . . . . Ihre pappige Sprechweise, ihr knechtisches Benehmen, ihre Arglist! Habe ich Ihnen schon erzählt, wie so ein Hund mich zu betrügen suchte?" „Nein, wie war das?" „Bor einigen Jahren wurde in einer alten Kirche in Venedig ein Donatello entdeckt, die Madonna mit dem Kind, eine herrliche Arbeit. Der Ersteher des Kunstwerkes ließ mich rufen, da es beim Transport einen Bruch erlitten hatte. Er überwachte meine Restaurirungsarbeit mit Argusblicken, aber es gelang mir doch, ohne sein Wissen eine Copte davon anzufertigen und diese nach Hause zu schassen." „War er der Jude?" „Nein, Geduld — ein Anderer. Das Original wurde um 60,000 ßlre verkauft — eine nette Summ^ wie? . . . Ich verbrauchte zweieinhalb, beinahe drei Tage damit, meine Copie in Terräcotta zu packen, ließ sie heimlich brennen und versenkte sie dann auf ein halbes Jahr in eine Lagune. Als ich sie nach dieser Frist wieder herausholte — welche Farbe, welches Alter .... eine Pracht! Ich konnte zufrieden sein. Ich trug sie zu einem Antiquitätenhändler, so einem jüdischen Hallunken, und Sie hätten sehen sollen, was für Augen der Hund machte! Sein Blick glühte, seine Hände zitterten, ja er küßte thatsächlich meine Copie, als er rief: Ein wahrhaftiger Donatello! ..... Ich hatte die Absicht gehabt, zweihundert Lire zu verlangen, jetzt aber als ich sah, wie entzückt der Lump war, schlug ich tausend darauf." „Zwölfhundert Lire — ist das nicht zu theuer?" frug er. „Ich weiß nicht", erwkederte ich, „es ist das j nicht meine Sache; ein Freund sandte mir das

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