Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448446--38520-2486631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
708 Betpult) und überwachte aufmerksam die Sänger. Weun einer der Choristen sich irrte, oder wenn der Ansatz gewisser Stimmen verfehlt war, so genügte ein Zeichen mit dem Finger, von den Sängern verstanden, um diese zurückzuführen oder um die unter ihnen augenblicklich gestörte Ordnung wiederherzustellen. Wir sehen somit, daß Mustk bei den Juden immer noch getrieben wurde. Auf ein ungemein wichtiges Moment muß aber hiebei aufmerksam gemacht werden. Die Juden waren als Musiker nur reproduzirend, nicht produzirend. Vielmehr lebte die spezifisch jüdische Mustk, deren Stätte thetls die Synagoge, theils das Familtenhaus bildete, durch das ganze Mittelalter hindurch ausschließlich von profanen Anleihen. Insbesondere, worauf ich auch früher bereits htngewiesen habe, waren diejenigen Persönlichkeiten, in deren Hände der synagogale Gesang gelegt war, die Vorsänger, mochten sie nun die für ihr Amt erforderlichen Qualificationen besitzen oder nicht, zu allen Zetten von dem unwiderstehlichem Drange beseelt, Melodien, die ihnen außerhalb des Gotteshauses begegnet waren, in demselben zu singen; ste konnten dies um so leichter, als die hebräischen Texte, deren musikalischer Vortrag ihnen oblag, durch ihre rhythmische Manigfaltigkeit die Aufnahme der konträrsten Melodiearten begünstigten, ihr wenigstens nicht im Wege standen. Ja, die äußere Form, in welche diese hebräischen Texte gekleidet wurden, war in der Mehrzahl der Fälle derart gestaltet, daß ihr fremde, d. h. eben profane, bereits gangbare Melodien von vornherein vorgeschrieben wurden. Wer die zahllosen hebräischen Poesiesammlungen, deren Inhalt zum weitaus größten Theil für den gottesdienstlichen Vortrag bestimmt war, einer auch nur oberflächlichen Durchsicht unterzieht, der wird erstaunen über den ausgedehnten Gebrauch fremder Tongänge. In den Ueberschriften der einzelnen Gedichte werden die Textanfänge arabischer, spanischer, provengalischer, italienischer Volksmelodien angegeben, nach denen die einzelnen Poesien vorzutragen sind, wo als Norm die Melodie eines anderen hebräischen Gedichts angegeben ist, liegt diesem selbst meist eine andere fremde Melodie zu Grunde, die zu dem hebräischen Gedicht bereits gangbar geworden war. Die ästhetische Zulässigkeit dieser Art der Uebertragung profaner Weisen in das Gotteshaus kann bestritten und verthetdigt werden. Bestritten, weil leicht Melodien etngeführt wurden, die außerhalb des Gottesdienstes auf unzüchtige und irreligiöse Texte gesungen wurden, und so das religiöse Gefühl aufs Tiefste beleidigt werden mußte; vertheidtgt, weil die äußere Zweckmäßigkeit des vorliegenden Gebrauches eine bedeutende ist^und ähnliche Erscheinungen auch auf vielen anderen Gebieten des musikalischen Produzierens anzutreffen find; ich erinnere nur an die Ueberschriften der Psalmen und an die Lieder der mittelalterlichen M e i st e r s i n g e r. In Wirklichkeit finden sich innerhalb der mittelalterlichen jüdischen Schriftstellerwelt sowohl solche Stimmen, die den Gebrauch außerjüdischer Melodien aufs Schärfste verurtheilen und ihn als .inwvii nn, als „Geist der Unreinheit" bezeichnen, wie auch solche, die ihn als durchaus harmlos anerkennen, zum Theil sogar befürworten. (Ausführliches hierüber vgl. in meiner demnächst in der Winter- und Wünsche'schen Encyklopädte erscheinenden Schrift: „Der synagogale Gesang.") Da somit die unmittelbare musikalische Produktion bet den Juden während des Mittelalters eine äußerst spärliche war, so kann man von einer spezifisch j üdtsch e n Musik für diesen Zeitranm eigentlich nicht reden. Erst mit dem bedeutenden Aufschwünge, welche die synagogale Komposition in unserem Jahrhundert genommen hat, ist die Musik, die innerhalb des jüdischen Gottesdienstes zur Verwendung kommt, eine spezifisch jüdische geworden und Namen wie Sulzer, Naumburg, Lewandowskt, die in der musikalischen Welt den besten Klang besitzen, sprechen deutlich dafür, daß die jüdische Musik einen nicht unwesentlichen Theil der modernen Kunsterscheinungen bildet. Ob diese Männer nun alte, überlieferte, sog. traditionelle Melodien mit kunstgewandter Hand in ein modernes Gewand kleideten, oder ihre eigenen Schöpfungen in den gesanglichen Theil des israelitischen Gottesdienstes etnführten, in jedem Falle genießen sie in weiteren Kreisen der Musikwelt des besten Ansehens; ja, selbst bedeutende und berühmte, moderne Komponisten haben sich wie Rossini im Beginne des ersten Theils der Naumburg'schen Gesänge. „Chants religieux des Israelites“ voll Bewunderun^über die Schönheit der jüdischen Melodien geäußert. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Bericht. Die jüdische Litteratur seit Abschluß des Kanons. Herausgegeben von I. Winter und Aug. Wünsche, 16, 17, 18 Lieferung. Trier Sigmund Mayer i893—94. In Lieferung 16 behandelt Dr. A. Lewin „Geschichte, Geographie und Reiselitteratur". Die Lttteraturproben, die gegeben werden, sind solchen Schriften entnommen, „welche Geschichtswerke find, das heißt, geschrieben wurden, um Geschehenes zu schildern." Eine übersichtliche, kurz orientierende Einleitung ist vorausgeschickt. Man steht an dem Gegebenen, daß diese jüdische Geschichtsschreibung