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Der Israelit · 1894-05-16 · Heft 38-39 (16.5.1894) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 38-39 (16.5.1894)
Date
1894-05-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXY, Jahrgang. Imeite Beilage M M 38 & 39 des,Israelit". Leitender Artikel. WustKalische Hhettoöitder. Von Dr. A. Ackermann. Wer den Titel dieser Abhandlung liest, der erwartet vielleicht, daß ich zu den vielen, vielen Seiten, von denen aus das Ghetto des Mittelalters bereits betrachtet worden ist, noch eine neue hinzufüge und nun einmal das „Ghetto" von der musikalischen Seite betrachte, d. h. etwaige musikalische Dinge zur Sprache bringe, die innerhalb des Ghetto vorgekommen stnd. In Wirklichkeit ist dies nicht meine Absicht, wenigstens nicht in dem Sinne, daß ich den Begriff des „Ghetto" eigentlich auffaffe. Vielmehr will ich mit „Ghetto" nur einen im allgemeinen trüben und fast hoffnungslosen Z u st a n d bezeichnen, in welchem sich die Juden in jener Zelt befanden, aus der ich musikalische Dinge zu berichten gedenke. Es ist geradezu eine wehmütige Illustration zu den finsteren Zettumständen, die ich vorführe, wehmüthig und rührend zugleich; denn wenn wir sehen, wie das jüdische Volk inmittendes unmenschlichsten Druckes, inmitten aller Qualen und Drangsale nicht nur der Dichtkunst oblag und sein tiefes Leid in bange, zitternde Verse hineinhauchte, sondern auch Jener Kunst, deren Betreiben im allgemeinen als Zeichen der Freu de und deS Wohlbehagens gilt, wenn wir sehen, wie es selbst in diesen Zeiten dem zu a l l e n Zeiten in ihm liegenden Drang zur mustkalischen Aeußerung folgte, wer würde bei Betrachtung dieses Bildes nicht im Innersten erschüttert, dieses Bild, das wahrlich am treffendsten mit dem fast paradoxen Ausdrucke: „Musik im Ghetto" bezeichnet werden kann? Der Zeitraum aber, den ich vorführe, umfaßt das Ende des 16. und den Beginn des 17. Jahrhunderts und das Land, dessen musikalische Bestrebungen aus diesem Zeitraum ich schildern werde, ist Italien. Und wahrlich, unser Bild „Musik im Ghetto", es trifft vollauf zu sowohl für das Land, als auch für die Zeit. Es war eine Zeit, in der die Vorurtheile, der Fanatismus und die Verfolgungen gegen die unglücklichen Ueberreste des jüdischen Volkes noch in ihrer ganzen Kraft bestanden. Erinnern wir uns, daß am Ende des 16. Jahrhunderts die Inquisition in Italien den schrecklichsten Grausamkeiten gegen die Juden sich htngab, erinnern wir uns, daß im Mai des Jahres 1556 die Bewohner von Ancona 24 spanische und portugiesische Marranen auf dem Scheiterhaufen sterben sahen, deren einziges Verbrechen darin bestand, zu dem Glauben ihrer Väter, den man sie abzuschwören gezwungen hatte, zurückgekehrt zu sein, erinnern wir unS, daß die päpstliche Cenfur zu dieser Zeit in tausenden von Exemplaren den Talmud und viele andere heilige Bücher verbrennen ließ, so haben wir de« wahrhaft schauerlichen Namen, in den wir ein liebliches Bild hineinstellen wollen, so haben wir den Geist des „Ghetto". Bevor ich nun diese Periode näher vorführe, muß ich etwas weiter zurückgretfen und zuerst die allgemeinen Gesichtspunkte erörtern, die unS hierbei vorschweben müssen, wenn wir den wahren Wert jener musikalischen Bestrebungen richtig würdigen wollen. Ich habe bereits früher in einer Abhandlung in diesem Blatte über musikalische Dinge bei den Juden berichtet, daß die musikalische Kunst zu allen Zeiten gerade bei den Juden Pflege fand, habe ich damals bereits auseinandergesetzt, besonders sofern eS die Zeit anging, in der der Tempel noch bestand. Heute will ich nun nur zwei Belege dafür anführen, daß auch späterhin, und zwar vor der Periode, die wir eigentlich betrachten, von Zeit zu Zeit größere musikalische Veranstaltungen bet den Juden stattgefunden haben. AuS früher Zeit bereits ist uns eine solche Veranstaltung von einem jüdischen Geschichtsschreiber (Zakuto: Sefer Juchastn. ed. Warschau S. 135, vgl. auch Sal. den Berga: Schebet Jehuda Nr. 42) mit ihren genausten Einzelheiten überliefert worden. Sie fand statt bei der Einsetzung des Extlarchen, also bereits im 7. Jahrhundert. Der Eilarch war vollständig mit Purpur umhüllt, und er wurde umringt von einem großen Sängerchor, der aus Jünglingen bestand. Der Borbeter selbst stand auf seinem Platze. Es wird unS nun geschildert, in welcher Weise Vorbeter und Chor abwechselnd gesungen haben, wobei Einzelnes auffallend ist, so z. B., daß der Chor bei dem Segensfpruche am Schluffe der K^duschah die Worte vnpn ’nh gesungen habe. Eine zweite musikalische Veranstaltung wird uns von dem Reisenden Petachja aus dem 12. Jahrhundert berichtet. Derselbe bereiste den Orient und beschreibt den Sabbatgottesdienst, wie er ihn in der metropolitantschen Synagoge zu Bagdad gesehen hat. Er erzählt, daß der Vorbeter und ein großer Chor von Männern und Knaben mit „vollkommener Harmonie" Hymmen und Psalmen sangen. Einer der Vorsteher der Gemeinde, Abkömmling des Propheten Samuel, welcher alle musikalischen Traditionen seines großen Vorfahren besaß, stand bei der Thebah (d. h. dem

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