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Der Israelit · 1894-05-16 · Heft 38-39 (16.5.1894) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 38-39 (16.5.1894)
Date
1894-05-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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698 gesenkt und brachte ihm das erbetene GlaS Wasser auf einer Taffe. „Danke dir," murmelte er leise, bevor er das Glas in die Hand nahm und nachdem er es fast gänzlich geleert, stellte er es wieder auf die Taffe und nahm seinen früheren Sitz ein, während Esther die Taffe auf den zunächst befindlichen Tisch stellte. „Ich will also sprechen mit dir, Esther, wie in den früheren schönen Tagen unseres Lebens," Hub Meisel an, „reden wir nicht leidenschaftlich sondern gelassen — die Worte der Weisen werden in Ruhe gehört!" Esther setzte sich schweigend und scheinbar beruhigt ihrem Manne gegenüber, doch blieb ihr Blick fest und prüfend auf ihn geheftet. Sie schien irgend einen Gewaltstreich ihres Mannes gefürchtet zu haben — daß er so voll Güte und Sanftmuth mit ihr spreche, schien ihr fast unglaublich. „Es ist wahr, Esther," fuhr Meisel fort, „und ich muß mich selbst anklagen, ich trage vielleicht zum größten Theile die Schuld, daß Du aus dem liebenden, ein den Gatten hassendes Weib geworden bist; aber — glaube es mir — in meiner Liebe zu dir habe ich gefehlt. „Von allen Sorgen, die so oft meine Sinne quälten, habe ich dir nie etwas mitgetheilt, wenn ich an Gott und Menschen verzweifelnd, mich auf das Lager warf und in meiner Brust jene meiner Glaubensgenossen verwünschte, die mit den fluchwürdigsten Waffen, der List, Verleumdung und Lüge mich aus meiner Stellung beim Fürsten reißen wollten, um mir das Brot zu rauben, das euch zur Ernährung dienen sollte, so habe ich diese Verwünschungen nicht vor dir laut werden lassen. Wenn meine Verfolger meine Zahlungsverlegenheiten benützten, um mir jede Fuhre Korn und die Erträgnisse der Pachtung um einen Spottpreis aus Händen zu reißen — so habe ich dir alles dies nicht mitgetheilt, denn ich, der das Leben nicht dir zu verschönern im Stande war, wollte es dir auch nicht trüben. Hattest du doch genug schwer an der Last des Haushaltes und der Pflege der Kinder zu tragen. Ich nahm den ganzen Kampf mit der feindlichen Außenwelt über mich und ertrug alles geduldig wie ein Mann — bis des stärksten Mannes Herz auch erschüttert worden wäre, ob der Schlechtigkeit solcher Menschen, denen ich doch nichts zu Leide gethan und die wie eine hungrige Meute, nur die Gier nach meinem Gute, an meine Fersen hetzte." „Warum aber hast du mir dies verheimlicht," unterbrach ihn Esther, während ihr Blick vorwurfsvoll auf ihm weilte, „war ich nicht als Dein Weib verpflichtet dein Leid und deine Sorge mitzutragend Vielleicht hätte mein Rath helfen — „Du rathen und helfen," lachte Meisel höhnisch auf, „bei einem Leid, das ich so lange in m'r tragen mußte, schon seit jener Zeit, da dein seliger Vater unser Haus- und Tischgenosse war. Vor dem mußte ich erst recht schweigen, er hätte noch die Partei seiner Glaubensgenossen ergriffen, ungeachtet sie ihm nicht einen Bissen Gnadenbrot gaben, als er wegen seines Alters den Rabbinatssitz verlassen mußte, — er kam zu mir wie ein ausrangirter Schimmel, der zum Schinder gejagt wird." Zornesröthe überflog das Antlitz Esthers, ihre Augen funkelten „hüte Dich," schrie sie auf, „so von meinem in Gott ruhenden Vater zu reden." „O! so lange er lebte und meinen Kindern ein liebreicher Lehrer war, herrschte Friede und Ruhe in unserer Häuslichkeit. — Es wäre vieles nicht geschehen, wenn er nicht die Augen für immer geschlossen hätte, er war ein Engel, vor dem der Dämon deiner Leidenschaften flüchten mußte." (Fortsetzung folgt.) Der „I81aelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstag-, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch de« Dnchhandel p» bestehe« bei E. $. Kletnackrr« Leipzig, ZLrßplatz 16. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut CourS. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rükksendung von an die Redaetiou eiugesaudteu Manuscripteu findet nicht statt, man bittet deshalb sich von alle« Einsendungen eine Copie znrückznbehalten. Inhalt LHanptblatt) r Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Kassel. Neustad i. H. Jever i. O. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Berent. — Rußland: Petersburg. — Vermischtes. — Au8 jüd. Vereinen und Stiftungen. — Feuilleton: Eine jüdische Mutter. Von Bernard Auerbach. Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Das Schweizerische Schächtverbot in der Praxis. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Berlin. Göttingen. — England: London. — Vermischtes. Inhalt der zweite» Beilage: Leitender Artikel: Musikalische Ghettobilder. Von Dr. A. Ackermann. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Lyck in Ostpr. — Frankreich: Paris. — Vermischtes. Inhalt der Belletr. Beilage: Ein Märchen. Von S. I. in N. — „Dieser Gauner von einem Juden." — Die Wohnungen der jüd. Armen in Amsterdam. — Allerlei. — Illustrationen. verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aetien-Gesellschast in Mainz. Hierzu drei Beilage«.

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