Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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“-«."“'-'VT ,w^^^^i^^S;i'»jiip3L^;.-p|^«*ij^u,i «97 „Warte nur, warte nur, ihr werdet doch alle die Jause kriegen, sobald erst Wolf und Minna vom Lehrer nach Hause kommen, dann decke ich den Tisch und du wirst mir dabei helfen, nicht so Babi mein süßes Kind?" Babette zeigte ihrer Mutter als Antwort ein seelenvergnügtes Lächeln, und die früher so sehnsüchtig nach dem schmorenden Kuchen gerichteten Blicke funkelten jetzt freudestrahlend zur Mutter empor, in dem stolzen Bewußtsein, daß die Mutter ihrer Hilfe bedürfe. Ein leises Pochen ließ sich, an der Thüre Einlaß begehrend, vernehmen. „Sollte schon der Schwager aus dem Dorfe zurückgekehrt sein," murmelte leise die Frau und beeilte sich, nachdem sie rasch mit dem Tuche das schweißtriefende Antlitz getrocknet, den Riegel der Tbüre zurück zu schieben. Mit kräftigem Stoße die Thüre öffnend, trat eine hohe Männergestalt in das Gemach. Als die Frau den so ungestüm Etntretenden erblickte, durchzitterte ein leises Beben ihre Gestalt, fahle Bläffe überflog ihr Antlitz und in einem Tone, der, so schwach er auch klang, den Schreck und die Aufregung der Sprecherin wiedergab, rief sie: „Du hier — Judah! —" Der Mann antwortete vorläufig nicht und schritt einem Sessel zu, auf welchem er sich niederließ. Offenbar mußte er müde sein und seine staubbedeckte Fußbekleidung ließ eine Wanderung von weiter Ferne vermuthen. Wir wollen dem Leser diesen Gast vorstellen. Die schlanke noch kräftige Figur ließ ihn jünger erscheinen als er wirklich war, denn fünfzig Jahre waren bereits über dieses Haupt verflossen, dessen tiefschwarzes Haar nicht im mindesten von der Zeit gebleicht erschien. Eben so schwarze Augen, deren unsteter, aus tiefliegenden Höhlungen aufleuchtender Blick ein sanguinisches Temperament verrieth, vollendeten im Einklänge mit dessen kräftiger Haltung, den Eindruck der Rüstigkeit und Kraft, die in Juda Meisel — so nannte sich vormals der Geschilderte — verkörpert war. „Vormals" wird der Leser fragen, „kann man denn den Namen wie ein Kleid ablegen?" Wir müssen zur Aufklärung berichten, daß Juda Meisel vor einigen Wochen die Taufe empfangen und als Neophyte seinen Namen in „Jstdor Jllanowsky" umänderte. Verfolgen wir den Verlauf der geschilderten Scenen, so wird uns aus dem Gespräche der beiden Ehegatten — die früher erwähnte Frau ist die Gattin Meisels — ein Einblick in die zwischen die Beiden bestehenden Verhältnisse gewährt werden. Meisel hatte ein wenig gerastet und gab die Freude über die gewonnene Bequemlichkeit durch behäbiges Ausstrecken der Füße kund, dann wandte er sich seiner Gattin zu, mit der Frage: „Haft mich wohl nicht erwartet Esther?" Esther hatte inzwischen einigermaßen Fassung gewonnen, nur ein leises Beben ihrer Stimme schien den Nachhall des empfundenen Schreckens zu verkünden, als sie antwortete: „Nein, Juda, ich habe dich nicht erwartet — so wenig ich auch manches Andere von dir erwartet habe!" Der Vorwurf, der in dieser Antwort lag, schien seine Wirkung nicht zu verfehlen, denn unwirsch mit dem Stuhle rückend und heftiger im Tone werdend, rief Meisel: „Ich bin nicht hergekommen, um von Dir Vorwürfe zu empfangen, Weib,-rufe mich auch nicht mehr mit dem Namen „Juda", denn losgelöst ist meine Seele von Juda, nicht will ich mehr Antheil haben an Israel! Aber noch bin ich dein Mann, der von dir Gehorsam fordert, noch habe ich als Vater das Recht, den Kindern zu befehlen, mit welchen du mir entflohen bist!" „Nie und nimmer wird uns ein Dach vereinen", antwortete Esther, „und so lange ein Athemzug in mir ist, werde ich die Kinder dir nicht ausliefern — das will Gott nicht!" „Das wird sich finden", sagte Juda in merkwürdig milde und sanft klingendem Tone, „ich will erst Vernunftgründe anwenden, bevor ich andere Saiten aufziehe. — Wir haben doch vor Gott und der Welt fünfzehn Jahre als Ehegatten vereint gelebt, weßhalb sollen wir uns für das ganze Leben trennen wegen eines Schrittes, den ich unternehmen mußte, um mein und dein Leben, meine Ehre und die Zukunft unserer Kinder zu sichern. — Ist es nicht gleichgiltig, ob mau als Jude oder Christ stirbt — wenn man nur nicht schmachbeladen in's Grab sinkt! Esther! bet der Liebe, die du mir früher gezeigt — ich weiß, sie war nicht erheuchelt — höre mich an und urtheile oder verurtheile dann! „Doch bitte ich Dich Weib, mir zuvor einen Labetrunk frischen Wassers zu reichen — ich verschmachte bald vor Durst!" Esther beeilte sich diesen Wunsch zu erfüllen. Meisel winkte inzwischen der kleinen Babette zu, ein mildes Lächeln verschönte die ftüher strengen Züge seines Gesichtes. „Babi, komme doch zum Papa!" rief er freundlich der Kleinen zu, die sich jedoch scheu an den Rock der Mutter klammerte, als fürchtete sie die Umarmung des Vaters. Unwillig erhob sich Meisel vom Sitze, eS schien, als wolle er seine Lippen zu einem'.Fluche öffnen, doch da nahte schon Esther, die Augen zu Boden