Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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696 Wie«. Kür das aus Anlaß des RegierungS-JubiläumS Sr. Majestät des Kaisers zu erbauende Kaiser Franz Josef- Waisenhaus in Mährisch-Ostrau haben die Herren Wilhelm und David Ritter von Gutmann fi. 25.000 gespendet. Äus jüd. Vereinen und Stiftungen. Seder-Aheud i« der Israelit. Volksküche i» Berlin. Wenn auch schon wahrend des ganzen Jahres an dieser Statte jüdischer Barmherzigkeit das schöne Wort: „Jeder Hungrige trete ein und werde gesättigt" zur Wahrheit wird, so hat sich schon seit Bestehen der Anstalt dort die liebliche Sitte eingebürgert, das Petzachfest und namentlich die Seder-Abende als Lichtpunkte des Wirkens dieses Hauses möglichst glänzend zu gestalten. Alle, die ihr schwer beladen seid, alle, alle tretet ein und feiert mit uns das Petzachfest, das Fest der Befreiung, so erging der Ruf und so waren sie auch alle gekommen, die durch irgend welche Veranlassung in unserer Stadt wetten, und eS waren nicht wenige. Da waren Greise, Matronen, die noch auf ihre alten Tagen den beschwerlichen Weg von Rußland nach America machen, um bei ihren Kindern, die in Argentinien, oder sonst wo in der neuen Welt eine Heimath und Brot gefunden, den Rest ihrer Tage zu beschließen. So waren Männer, Frauen und Kinder, russische Vertriebene, auswandernd, die hier Station gemacht, um von dem Central-Comite für russische Juden weiterbesördert zu werden, oder von Angehörigen, die bereits in der neuen Welt festen Fuß gefaßt, Reisemittel erwartend, um denselben nachzufolgen, und sich eine neue Heimath zu suchen. Auch hiesige Arme, Heimathlose waren zahlreich erschienen; alleinstehende Männer und Frauen, die einst ein trauliches Heim besessen, und die durch Unglück nichts weiter zurückbehalten, als die Erinnerung an bessere Zeiten und zerstörte LebenS-Hoffnungen. An hiesigen Hochschulen Studirende, junge Kauflaute, Handwerker, Mädchen aus den Geschäften, alle Berufe und Stände waren vertreten, und bildeten die Zahl der 200 Gäste, welche nun gemeinsam eine Familie bildend, dem Beginn der Feier erwartungsvoll entgegensahen. Die Räume waren festlich geschmückt, schon mehrere Tage vorher war die Anstalt geschlossen worden, um den rituellen Vorschriften für das Peßachfest gerecht zu werden. Sämmtliches Geschirr wurde erneuert, alle diejenigen Anordnungen auSgeführt, die in einem jüdischen Hause bei Herannahen dieses Festes zu beachten sind. Die Festtafeln waren mit Blumen geschmückt, hell erglänzte der große Saal, und als die Stunde zum Beginn der Peßachfeier herannahte, war alles in froher Erwartung. Der Begründer und Leiter der Anstalt, Herr Hermann Abraham, angethan nach der Väter Sitte, ließ es sich nicht nehmen, selbst den Seder abzuhalten und vom Kiddusch bis zum Schlüsse trug er die bekannten Melodien vor, die Herzen der Zuhörer erfreuend und beglückend. Jeder Thettnehmer erhielt 2 Flaschen Wein und das Festmahl bestand aus einem reichlichen Mahle, wie es wohl in keinem guten Hause besser hätte bereitet werden können. Voller Andacht hörten die Theilnehmer zu, ihre Gesichter strahlten vor Freude und für wenige Stunden fühlten sich diese Armen als Mitglieder einer Familie geeint, durch das Bewußtsein des gemeinsamen Empfindens und des gemeinsamen Tragens der schweren Leiden. Auch eine größere Anzahl von Ehrendamen der Anstalt waren erschienen, theilweise um die Armen zu bedienen, zum Theil um mit ihren Männern an dem Feste selbst theilzunehmen. Nach Schluß der Feier dankte ein Theilnehmer ui bewegten Worten der Anstalt, die es den Armen ermöglicht, heute das eigene Heim nicht zu vergessen, und dieser Dank wurde von allen Theilnehmer» lebhaft mit empfunden. Herr Abraham wies die ihm und seiner Gattin dargebrachten Ovationen zurück, indem die Leistungen der Anstalt nur durch die Großherzigkeit unserer Glaubensgenossen ermöglicht wurde; er wünschte den Anwesenden, daß wie einst unfern Vätern die Stunde der Erlösung aus egyptischem Joche geschlagen, so möge das kommende Jahr für sie ein Jahr der Befreiung ihrer materiellen Sorgen sein. So nahm dieses schöne Fest einen würdigen Verlauf; die armen Theilnehmer beglückend, und für diejenigen, die es darbrachten, eine wahre Herzensfreude. M. N. 8f e » i U e t ö ». Eine jüdische Mutter. Von Bernard Auerbach. Die Schwüle eines Nachmittags im Sommer des Jahres 1830 hatte die fleißigsten Bewohner des kleinen Städtchens Roth-Janowitz zur Unthätigkeit verurtheilt; die kühlsten Gemächer wurden aufgesucht, um der unerträglichen Hitze zu entgehen — nur in einem kleinen einstöckigen Häuschen, das fernab an der Grenze des Städtchens, neben dem Mauthhäuschen stand, war eine Frau emstg am Heerde beschäftigt. Kein Wunder, daß ihr der doppelten Gluth des Feuers und des Hochsommers ausgesetztes Antlitz von Schweiß trof. Und dieses Antlitz gewährte jetzt einen merkwürdigen Anblick. Wenn die flackernde Flamme des Feuerherdes, dieses von Linien, wie nur Sorge und Kummer sie zeichnen können, durchfurchte Gesicht mit röthlichem Scheine umflog, mochte man glauben eine wahrhaft jugendliche Frau vor sich zu sehen. Aber nur einen Augenblick konnte man dies vermuthen, denn bei der nächsten Bewegung, welche sie von dem täuschenden Flammenschein entfernte, bemerkte man. daß diese Frau schon nahe den Marken des Weibesalters — den Vierzigen — stehen müsse und obgleich ihr Körperbau voll und kräftig war, so schien doch hin und wieder das rabenschwarze Haar, das sich während der Arbeit aus der Haube hervorgedrängt hatte, wie mit Silberfäden durchwebt. Ein etwa vierjähriges Kind, ein Mädchen, in Anbetracht der Hitze nur mit einem Hemdchen angethan, zupfte die Frau am Kleide. Die dunklen Augen des Kindes verriethen Klugheit und ein wenig Naschhaftigkeit, als es schmeichelnd bat: „Lieb' Mütterchen, ist der Kuchen bald fertig?" „Gleich Kind," meinte unwillig und doch dabei lächelnd die geplagte Frau, „aber wie kannst du schon wieder Hunger haben, Babk, es ist doch nicht lange her, seit Du einen Teller, gehäuft mit Erdäpfel, verzehrt hast-unberufen," fügte sie noch hinzu. „Ja, Kuchen effe ich gerne, Mama," tönte silberhell des Kindes Stimme, „lieber denn Ecdäpfel."