Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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695 Bereut, 3. Mai. Die Kundgebung einer humanen, menschenfreundlichen Gesiunnung den Bekennern des Judenthums gegenüber verdient in unfern Tagen ganz besonders hervorgehoben und verzeichnet zu werden. Am 2. Mai feierte der Landrath des Berenter Kreises, Herr Geheimer Regierungsrath Engler sein SOjähriges Dlenstjubtläum. Da der Jubilar wegen der Gradheit und Biederkeit seines Charakters allgemein hochgeachtet dafteht, so gestaltete sich der Jubeltag zu einem frohen, heiteren Feste für die Stadt und den Kreis B er ent. Eine Reihe von glänzenden Ovationen wurden dem verehrten Manne zu Theil. Viele Ehrengäste, die hervorragendsten Persönlichkeiten unserer Provinz, wie der Ober-Regierungspräsident von Gosler waren erschienen. Unter den vielen Deputationen, die durch Ansprachen und Ueberreichung von prächtig ausgestatteten Adressen den Jubilar ehrten, befand sich auch unser Rabbiner Herr Dr. I. Münz an der Spitze des hiesigen Synagogen-Vorstandes. Die Ansprache unseres Herrn Rabbiners hatte ungefähr folgenden Wortlaut: Hochverehrter Herr Geheimrath l Zahlreich sind die Beweise der Verehrungen der Dankbarkeit, die Sie heute, hochverehrter Herr Geheimerath, aus Nah und Fern empfangen. Sie besitzen jene große, schöne Tugend, die dem ersten Hohepriester Aron nachgerühmt wird. Sie lieben den Frieden und waren stets bestrebt, uns allen, ohne Unterschied der Religion, dieses kostbare Gut, den Segen der stillen, nützlichen Arbeit, zu erhalten. Der Geist der Menschenliebe und der Gerechtigkeit ist es, der Sie beseelt und in allen Ihren Handlungen zum Ausdrucke kommt. Deßwegen stehen auch wir, die Vertreter der jüd. Gemeinde, in diesem festlich geschmückten Raume und sprechen Ihnen, sehr geehrter Herr Geheimerath, unsere herzlichsten Glückwünsche aus. Möge Lust, Freude, Frohsinn und Heiterkeit in Ihrem geschätzten Hause herrschen. Möge es Ihnen vergönnt sein, noch recht lange in voller Rüstigkeit zu wirken und zu schaffen und als Musterbild treuer Pflichterfüllung und segensreicher Wirksamkeit uns voranleuchten. Ich flehe den Segen Gottes auf Sie und Ihre geehrte Familie herab. Mächtig war die Wirkung, die diese Worte hervorriefen. Tiefergriffen sprach der greise Jubilar seinen Dank aus für den erneuten Beweis der Treue und Anhänglichkeit, die die jüdische Gemeinde seiner Heimathsstadt ihm schon so oft gegeben. Er stehe der jüd. Bevölkerung seines Kreises mit demselben warmfühlenden Herzen, mit derselben Gewogenheit gegenüber, wie den anderen Confesstonen. Schon sein Vorgänger im Amte, sein seliger Schwiegervater habe der jüd. Gemeinde in Berent seine vollste Sympathie gewidmet und dieser Geist der Humanität und der Menschenliebe habe sich in seinem Hause traditionell erhalten. — Nach den trüben Erfahrungen, die wir auch hier mit den antisemitischen Soldrednern und ihren Gesinnungsgenossen gemacht haben, schien uns der gestrige Tag ein Sieg der Gerechtigkeit und der Toleranz zu sein. — Rußland. Petersburg, 9. Mat. Am zweiten russ. Ostertage, 30. April, hat, wie ich Ihnen bereits telegraphisch meldete, in Jekaterinoslaw, das 48.000 Einwohner zählt, wieder eine Judenhetze ftattgefunden. Schon Vormittags durchschwirrten dunkle Gerüchte darüber die Stadt und Nachmittags 4 Uhr tauchte in der zu Volksbelustigungen auf dem Pstroschniplatz versammelten Volksmenge verdächtiges Gesindel auf. Plötzlich ertönten dort überall Hetzrufe wie: „Haut die Juden, die den Herrn gemartert haben", „Haut die Juden, mit denen Rechtgläubige nicht konkurrtren können", „Die Juden saugen das ganze Jahr hindurch unser Blut, jetzt wollen wir ihnen heimzahlen!" Halbwüchsige Bengel begannen darauf unter großem Lärm die Körbe der Fruchthändler in den Schmutz zu werfen. Polizisten, welche die Burschen festnehmen wollten, mußten sie auf Verlangen des Pöbels freigeben. Jüdische Händler und Fuhrleute wurden geprügelt. Bei Beginn der Dämmerung jagte berittene Polizei die Menge auseinander, die sich nun in Gruppen vertheilte und auf der Polewajastraße ein jüdisches Wirthshaus, in anderen Straßen mehrere Verkaufsbuden verwüstete. In einer Bude öffnete der Pöbel ein Fäßchen Petroleum und zündete es an. Die Fenster der Judenhäuser wurden eingeworfen. Militär und Polizei verhafteten etwa 100 Ruhestörer, wobei ein Revieraufseher einen Steinwurf an den Kopf erhielt. Die erbitterten Hetzer drohten, am nächsten Tage würden sie noch anders hausen; dann kämen 1000 Arbeiter von der Bransker Fabrik zu Hilfe. Am anderen Morgen wurde aber die Fabrik von Militär eingeschloffen und kein Arbeiter in die Stadt gelassen. Infolgedessen blieb es ruhig. Zahlreiche Verhaftete erhielten eine Tracht Prügel und wurden dann entlassen. > vermischtes. < Mainz. Wir haben des blasphemischen „Vaterunser in der Judennoth" des Wiener Pfarrers Dr. Joseph Deckert, wegen dessen die Abg. Noske und Genoffen in den letzten Wochen im österreichischen Reichsrath den Ministerpräsidenten interpellirt haben, bereits erwähnt. Es ist charakteristisch, daß selbst orthodor-protestantische Blätter, wie das „Volk", keinen Anstand nehmen, diese Blasphemien nachzudrucken. Freilich, eS gilt ja den Juden — und da hört selbst die Rücksicht gegen die eigene Religion auf.