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Der Israelit · 1894-05-16 · Heft 38-39 (16.5.1894) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 38-39 (16.5.1894)
Date
1894-05-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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r1 *,•***?£? < 7- -''• -'1-**. r> ~;' '-7-^-'T^-d'/-« .'^ - . .I^'fVi -f •*st'jr .-i.-;t* 694 Weise zu berichten, daß auch die Europäischen Glaubensgenossen erwärmt werden, dieses Unternehmen thatkräftigst zu unterstützen, damit so mit. vereinten brüderlichen Kräften das edle menschenfreundliche Werk ausgeführt werde." Wir schließen uns der Bitte des Comitee's auf's wärmste an und sind gerne bereit zu diesem Zwecke Spenden entgegen zu nehmen und nach dem Bestimmungsorte zu befördern. Kassel, 9. Mai. Die „Konservative Korrespondenz" hat vorgestern die Behörden gebeten, dem antisemitischen Agitator Ahlwardt das Handwerk zu legen, nachdem dieses Organ früher selbst für Ahlwardt die schlimmste Reklame gemacht hat. In konservativen Kreisen scheint jene Mahnung, wenn auch nicht direkt bei den Behörden, auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein und dabei eine erweiterte Anwendung zu finden. Am Freitag vor Pfingsten sollte nämlich, wie die „Volksztg." berichtet, einer der Gönner des „Rektors aller Deutschen" aus den kapitalkräftigen Kreisen der Konservativen, der Hosprediger aller Deutschen" hier über das Thema sprechen „Ein Pfingsten für die deutsche Jugend und das deutsche Volk". Es ist aber Herrn Stöcker der Saal verweigert worden. Zu befinden hat über den Saal nicht etwa ein jüdischer oder fortschrittltcher Gastwirth, sondern der — Vorstand des „Evangelischen Vereins für innere Mission", der offenbar auf die „Konservative Korrespondenz" abonnirt ist. So wird Stöcker noch, was ihm bisher nicht gelungen war, wie Ahlwardt ein „Märtyrer" der „guten Sache"! Reustad in Holstein, 2. Mai. Eine „urteutsche" Badeverwaltung gibt es in Heiltgenhafen. Sie beschloß, wie das „Oldenburger Kreisblatt" mittheilt: „Zum Zweck der Bewahrung des guten deutschen Charakters des Heiligenhafner Bades" jüdische Kurgäste von dem Besuch desselben nach Kräften fernzuhalten. Es wird deshalb den diesjährigen und späteren Anzeigen die Bemerkung: „Israelitischer Besuch nicht erwünscht" beigefügt werden. Jever i. Old. im Mai. Nach vielen Bemühungen gelang es unserm Landrabbiner Dr. Mannheimer den hies. Synagogengemetnderath zu veranlaffen eine Mikwoh zu bauen. L. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 10. Mai. Baron Nathaniel Rothschild zeigte dem Kriegsministerium an, daß er da? Schloß in Reichenau für invalide Oberoffiziere widme. Wie«. Dieser Tage beschimpfte der Antisemit Lueger den Feldzeugmeister Fretherrn von Schönfeld, weil dieser an einem Bankett theilgenommen hat, das zu Ehren des neuen Bürgermeisters von Wien gegeben worden ist, und weil er in einem Toast die Zusammengehörigkeit des Bürgerthums und des Heeres betont und darauf hingewiesen hatte, daß die Armee einen Schutz für das Eigenthum bilde. Darüber entrüstete sich nun Lueger, er nannte das Heer eine '^Rothschild-Armee, der man die Pflicht auferlege den jüdischen Geldsack zu schützen. Der Toast des Feldzeugmeisters war für die Antisemiten ein harter Schlag gewesen. Wenn das Militair jeden niederschießt, der sich an fremdem Eigenthum, und sei es auch jüdisches Eigenthum, vergreift, wer wird da noch plündern wollen? Wie soll da noch ein antisemitisches Programm zur Ausführung kommen? Wo bleibt dann das Märchen, daß man von oben her den Antisemitismus begünstige, weil er nur nach jüdischem Etgenthum gierig ist? Um ein gänzlich frei erfundenes Märchen handelt es sich freilich nicht, wie der „Ob erlausitze r Volks-Bote, bemerkt: Hüben ..wie'! drüben wird der Antisemitismus von Leuten begünstigt, welche alle Ursache haben, den Neid der Besitzlosen von sich auf Andere abzulenken. Man hetzt die Nichtbesitzenden auf das bewegliche Kapital, das sich in jüdischen Händen befindet, damit sie nicht sehen, daß das kostbarste Gut der Nationen, das einzige, unveräußerliche Gut der Volker, der Boden, auf dem sie geboren sind, der sie ernährt und in dem sie zur ewigen Ruhe bestattet werden, sich in dem Besitz von einigen Bevorzugten befindet, und daß mit ihm der schändlichste Wucher betrieben wird. Man hat dem Antisemitismus zu viel Ehre erwiesen, als man ihn den „Sozialismus der dummen Kerle" nannte. Der Sozialismus will am Ende aller Dinge nichts weiter, als daß der Arbeiter alle Bortheile genieße, welche die Arbeit gewährt; der Antisemitismus will das aber gar nicht. Den Anarchisten im Loyalitätsgewande kommt es auf die ehrliche Arbeit gar nicht an. Der Antisemit will dem nichvantisemitischen Nachbar, der einen besseren Rock trägt, als er, diesen Rock vom Leibe reißen; ist dessen Träger ein Jude, desto besser; wenn nicht, so ist der seines Rockes Beraubte ein „Judenknecht", ein „Judengenosse". Den Rock aber will der Antisemit auf alle Fälle haben. DaS ist die Moral des antisemitischen Geschäfts- und BesttzneideS. Daher die „Empörung" aller Antisemiten über die Aeußerung des Feldzeugmeksters, der die Armee als Schätzerin auch des „Geldsackes" hinstellte. Daher die Wuth der Antisemiten aller Länder gegen diejenigen, in denen das Rechts- und MenschlichkeitSgefühl noch nicht erstorben ist, die unter dem rankenden Blätterwerk der „Nationalität" des ^Patriotismus" und des „Christenthums" die giftige Schlange des Neides und der Habsucht lauern sehen. Daher ist das österreichische Heer mit einem Male eine „Rothschildarmee"; daher das Aufblühen der antisemitischen Schundliteratur; daher die Skandalprolesse; daher die Verbindung des Nimmersatten preußischen Junkerthums mit der demagogischen Antisemitenpresse. Hüben wie drüben sind Neid und Habsucht die Triebfeder des Antisemitismus, und hier wie dort entblößt er immer mehr seinen anarchistischen Charakter. Er versucht es zwar noch, die mit „Loyalität" und „Patriotismus" angeschminkte Larve festzuhalten, aber eines Tages wird sie fallen, und dann werden seine Beschützer erst gewahr werden, welches Monstrum sie groß gezogen haben.

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