Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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WWWWW 692 Indem es hier nun nicht heißt, onm nyaty ^’DD3 oder «Dina sondern D^ua onan nyaw, so ist hier die Species der unfertigen Menschen verstanden, wie mano »*>3 ’dVu (in der Mischna in Kelim) Geräthe von Metall bedeutet, denen noch die letzte Feile und Politur für ihre Fertigstellung fehlt. Es ist also, wie gesagt, Jemand, der sich Kenntniß der Thora angeeignet und sein Wissen noch zu bereichern im Begriff ist, aber die Fähigkeit besitzt er noch nicht, die Kräfte der Seele, sein Temperament, den Charakter dem als wahr Erkannten nun auch derart unterzuordnen, daß sein Reden und Schweigen, sein Thun und Lassen sich innerhalb der Grenzen bewegt, welche die Weisheit der Thora gezogen hat. Diese Selbstbearbeitung fordert viele Ueberwindung, lange Zeit und unablässige, hingebende Aufmerksamkeit. Mit der Erreichung dieses Zieles, wird der bei ihm angelangte ein van, ein Weiser, nach dem jüdischen Begriff des Wortes. Ohne dieses ist er unfertig, fehlt ihm die Blüthe alles Wissens, fehlt seiner Theorie die rechte Praxis, seinem Studium die Vollendung; er ist ein o^u. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß unter Umständen ein mehr theoretisches Wissen, mehr Erfahrung und mehr Kenntnisse haben kann, als der van. Wenn Jemand ein Vielwisser wäre, der über alles zu sprechen und zu urtheilen wüßte, er gestattete aber seinem Wissen keinen Einfluß auf die That seines Lebens, so bliebe er bet all seiner Wissenschaft ein unfertiger Mensch, ein Ja diese Unfertigkett, dieser -Charakter träte um so schroffer hervor, je größer der Abstand zwischen der Theorie seiner Wissenschaft und der Praxis seines Lebens wäre. Wer dagegen ein geringeres Maß von Thorawissenschast hätte, dasselbe beherrschte aber alles Denken und Wollen, alle Neigungen und Leidenschaften, so daß das ganze Leben ein treues Abbild der angeeigneten Lehre darstellte, das wäre der jüdische oan, der Weise, von dem hier die Rede ist. Also, um es kurz zu sagen, das Kriterium des Dar: des jüdischen „Weisen" ist nicht das Wissen, sondern die Bewährung und Anwendung des Wissens im praktischen Leben. Das Wissen hat nur einen bedingten Werth, wenn es und weil es zur That führt ntyyö warao ^ru. Führt es nicht zur That, so ist sein Besitzer, Inhaber eines tobten Schatzes, er bleibt ein nbu, ein unfertiger Mensch, der den Zweck seines Daseins verfehlt hat, besser gar nicht, als unfertig existirte. toaa h mj nny uw Indem unsere Mischna den Dan als Gegensatz des hinstellt, spricht sie eine Lebensanschauung aus, die der unsrigen in vollständiger Gegensätzlichkeit gegenüber steht. Wenn van, ein „Weiser", ein „Gelehrter" im gewöhnlichen Sinne des Wortes wäre, dann müßte sein Gegenstück ein Unweiser, ein Thor, vielleicht ein na, iya oder p«n oy sein. Aber das, was den Dan charakterisirt, ist nicht sein Wissen, sondern sein Handeln. Was den ofm zum unfertigen Menschen macht, ist nicht der Mangel an Wissen, sondern das Fehlen jener sittlichen Energie, welche das erlangte Wissen in Thaten umsetzt, indem sie die schwerfälligen Silber- und Goldbarren der Wissenschaft in Scheidemünze für den täglichen Verkehr umprägt. Deßhalb stoßen wir im Leben der Gegenwart bei Einzelnen, bei der Gesammtheit und bet der ganzen Richtung der Zeit so vielfach aufdenGolam- Charakter, des halbreifen, unfertigen und halbvollendeten, ohne daß man diese Zustände beim rechten Namen nennt. Das macht sich im Leben draußen und besonders im Leben innerhalb des jüdischen Kreises auf Schritt und Tritt recht fühlbar geltend. Ein Professor, der Pädagogik lehrt, dickleibige Bände darüber geschrieben hat, die Psychologie der Kinderseele demonstriren kann, kurz, der alles das besitzt, was das Wesen eines zopfigen, zünftigen Kathedergelehrten ausmacht, ist ein „Gelehrter", ein „Weiser." Ob es ihm auch nun gelungen ist, seine Theorien bei der Erziehung seiner eigenen Kinder praktisch zu verwirklichen, oder ob ihm dies mißlungen ist, danach frägt kein Mensch, wenn es sich um Rangirung des Pädagogen unter die Gelehrten und Weisen handelt. Nach der jüdischen Anschauung liegt jedoch gerade hier das entscheidende Kriterium. Wenn der Lehrer voll der schönsten Lehren über Erziehung und Bildung ist, er versteht sie aber nicht anzuwenden, so mag er ein Wissender, ein Vielwisser sogar sein, ein Dan ist er nicht. Er ist und bleibt ein d!?u trotz aller Gelehrtheit oder vielmehr wegen derselben Ein schlichter, ungelehrter Mann dagegen, der sich klar gemacht hat, wie er seine Kinder erzogen sehen möchte, und der durch seine unablässige Energie dieses Ziel erreicht, ohne alle Pädagogik und alle sonstigen Behelfe der Kathederweisheit, das ist ein Dan, und wenn er nicht einmal das Wissen und die Bildung hätte, die nöthig ist, um seinen Namen zu schreiben. — Diese Ueberschätzung des Wissens und diese Unterschätzung der That, wird unserer ganzen Zeit so recht von der frühesten Jugend auf anerzogen. Unsere Schulen sind ja in erster Reihe Anstalten, um unseren Kindern Wissen beizubringen. Sie lernen viel, die Kleinen, sie müssen von Jahr zu Jahr mehr lernen. Aber werden sie das Wissen alles verdauen, werden sie den Inhalt der Büchermasse, mit der sie in die Schule keuchen, bewältigen können, werden sie ihre Mathematik, ihre Geographie, werden sie ihre Propädeutik und eine ganze