Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-05-10 · Heft 37 (10.5.1894) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 37 (10.5.1894)
Date
1894-05-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448445--38490-2486600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

XXXV. Jahrgang. Erste Sellage zu M 37 ües „Israelit". Literarischer Wericht. Die Controversen der Schammalten und Hilleliten von Prof. Dr. Adolf Schwarz.*) Dieses Buch fordert durch seinen Titel zu besonnenem Ernste auf; eS verlangt mit lauter Stimme, nicht nur gelesen, sondern ftudirt zu werden. „Ausgegeben am 15. October 1893, dem Eröffnungstage der Jsr. Theol. Lehranstalt in Wien, von deren loben genannten) Rector" wird es den wiffenschaftlichen Charakter dieses Justitut's für lange Zeit bezeichnen und die Richtung kundgeben, in welcher sich das Talmudstudium in dieser Anstalt bewegen soll. Die Namen „Schammai und Hillel" gemahnen an Strenge und Eifer, an Geduld und Milde; würdigere Repräsentanten talmudischer Gelehrsamkeit giebt es nicht; sie sind Klassiker in talmudischer Controverse. Mit Fug und Recht also wird man in diesem Buche und von demselben viel und zwar viel des Guten erwarten; man wird nicht nur scharfsinnige Kritik und Combination, nicht nur kühne Hypothesen und waghalsige Schlüffe, sondern vielmehr behutsamste Untersuchung und peinlich-gewissenhafte Folgerungen, saubere und geläuterte Theorien und liebevollste Erforschung der Wahrheit erwarten. Ebenso selbstverständlich die Freude des Talmudgelehrten wäre, wenn diese Erwartungen, auch nur theilweise, erfüllt würden; ebenso bitter muß die Enttäuschung sein, wenn dar vollständige Gegentheil der Fall ist. Der vorurtheilSloseste, sachverständige Leser — und jeder ernste Gelehrte ist ohne Vorurtheil — wird das Buch des Herrn Rector Schwarz, indem er es beurtheilt, verurtheilen. Dieses harte Wort darf nicht gesprochen werden, ohne daß sogleich sonnenklare Beweise folgen. Nicht vituperare auäaeter darf der Kritiker wollen, sondern die Kritik muß eben ein natürliches Ergebnis ehrlicher Forschung sein. Nicht wollen wir mit dem Herrn Verf. über seine Theorien der rmwo nwo rechten: hierüber find die Acten noch lange nicht geschloffen; auch nicht darüber im Allgemeinen sprechen, ob die Meinungsverschiedenheiten der Tannaiten und Amoräer auf die Unsicherheit und Schwankung der *) In dieser Schrift weht der von der BreSlauer Schule ausgehende Gifthauch, der durch bewußtes und unbewußtes Leugnen der Göttlichkeit der mündlichen Lehre feit Jahrzehnten schon verwirrend, zersetzend und zerstörend auf die Religiosität Einzelner und ganzer Gemeinden gewirkt hat. Seit den wuchtigen Artikeln HirschS 7"iH im alten Jeschurun gegen Frankel und Grätz, seit den unerschrockenen Worten Dr. Lehmanns 7"!N in diesen Blättern, wissen die Einsichtigen, was sie im Allgemeinen von Schülern Frankels und Grätz's zu erwarten haben. Daß Dr. Schwarz nicht zu den leider sehr wenigen, bewundernSwerthen Männern zu zählen ist, die trotz ihrer Breslauer Studien unversehrt und unverletzt geblieben sind, ist ebenfalls bekannt. ES ist deshalb unnöthig, da8 Religionswidrige in seiner Schrift besonders hervorzuheben. Die BreSlauer Schule liebt e8, unter dem Banner der Wissenschaftlichkeit ihre Irrlehren zu verbreiten. Wir haben darum gern unsere Spalten einem gesch. Mitarbeiter geöffnet, der absehend von religiösen Differenz- Punkten, objektiv zu zeigen sucht, wie viel Wissenschaft gerade in dem Buche des Dr. Schwarz zu finden ist. Was die Kontroverse der Schule Schammai und HillelS betrifft, so besitzen wir über dieses Thema im 3. und 4. Hefte des 2. Jahrgangs deS „Jeschurun" lichtvolle, klassische Aufsätze S. R. Hirschs, deren Lektüre gerade jetzt, wo soviel Tinte über die Hypothese Chwolson- Derenbourg verspritzt wird, ganz besonders zu empfehlen ist. Red. mündlichen Ueberlieferung, oder aber auf das „Ueberwuchern der Thorie über die Praxis" zurückzuführen seien; auch hierüber kann er die verschiedensten Ansichten geben, ohne daß eine stichhaltig bewiesen werden könnte. Die unerschütterliche Meinung des Verf. ist es, daß die „ersten Controversen keineswegs durch Unsicherheit oder Schwankungen, sondern einzig und allein durch prinzipielle Gegensätze etnstanden;" und durch des Prävaliren der Theorie vor der Praxis habe die Zahl der Divergenzen in überraschender Weise zugenommen. „Aus dem großen Kreise der Controversen zwischen Schammaiten und Hilleliten" greift der Verf. die i£T3 '7ip n"D HDiro heraus und widmet diesen seine Arbeit; vorher aber suchte er an den drei Controversen zwischen Schammai und Hillel zu beweisen, daß auch dieser auf einen Principienunterschied in den Lehrmeinungen zurückgeführt werden muffen. Wir behaupten nun, daß die Beweisführung des Verfassers eine von Grund auf verkehrte, auf Entstellungen und Verzerrungen beruhende ist. Zum Beispiele: Schwarz sagte auf S. 23 wie folgt: „WaS nun die erste Meinungsverschiedenheit über die „verunreinigende Berührung einer nn“U3 nt?« betrifft, bei „welcher Schammai den erleichternden, Hillel den erschwe- „renden Standpunkt einnkmmt, ist nicht zu verkennen, daß „wir es hier mit einer jener Halachoth zu thun haben, „welche Hillel aus seinem Babylonischen Heimathlande mit- „gebracht hat. In Babylon, wo die Perser-Religion mit „ihren kleinlichen und peinlichen Reinheitsgesetzen, schon im „sechsten vorchr. Jahrhundert Wurzel zu schlagen anfing, ha- „ben die Juden bei der strengen Abschließung gegen da» „Fremde sich doch nicht aller Beeinflussung erwehren können... „Die Juden in Babylon haben zwar nicht die ns^N nmJ3 als eine mit dem verunreinigenden Hauch des Todes behaftete Frau angesehen, die in einem besonderen Zimmer eingeschlosfen bleiben, hinter der man den Weg, auf welchem sie gegangen, mit Feuer reinigen müsse, mit der man nicht reden, der man unmittelbar Nicht» reichen dürfe, wohl aber haben sie die von ihr berührten Gegenstände nicht bloS als unrein, sondern auch als gesundheitsschädliche betrachtet, und eS scheint bei ihnen recht früh der Brauch sich herausgebildet zu haben, von dem Samuel Niddah 4 b sagt: mnt£' psy mpin vrriy 3N-)tr hua7 pp ypn omi TEon} rvmyi , n7'7 bv nnno "PBorfc mrw , rvsijn .dv> 72' nnne „Von diesem Brauch oder richtiger von dieser Tekanah hat man, als Hillel aus Babylon kam, in Palästina Nichts gewußt, und die ganze Controverse mit Schammai, welcher der unbeachtet eingetretenen fiDi eine rückwirkende Verunreinigung nicht vindiciren wollte, ist auf nichts Anderes zurückzuführen, als auf das Streben, dieser babylonischen Sitte auch in Judäa Eingang und Geltung zu verschaffen... Die von Hillel vergeblich angestrebte Einführung der Babylonischen Sitte hat später dennoch Platz gegriffen; u. s. w.... „Ich behaupte darum kühn, daß die Tekanah in Palästina einer späteren Zeit angehört oder, was dasselbe ist, daß die Mischnah Niddah l, 7 jünger ist als Edujoth 1, 1 und Niddah 1, 1." Hieraus folgt nun nach Schwarz klar und deutlich, daß als durch fremden Einfluß entstanden folgende 4 Punkte betrachtet wurden: 1. Daß alles, was eine n 11 berührt, unrein. 2. Daß dasselbe gesundheitsschädlich. 3. Entstand die rv37p mrw npnn rupn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.