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Der Israelit · 1894-05-07 · Heft 36 (7.5.1894) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 36 (7.5.1894)
Date
1894-05-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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66l heit oder die geringe Verschämtheit mehr anstaunen soll, welche allen diesen Anzapfungen zu Grunde liegen. Aber das weiß man, daß dieses ganze Gebühren nur dazu bestimmt ist, die Schächtlüge zu bemänteln. Deshalb wird das Schächten ein „jüdisches Vorrecht genannt," als ob es den Christen in Preußen verboten wäre, ihre Thiere ebenfalls zu schachten; als ob nicht hervorragende christliche Gcoßmetzger in Berlin ihre Thiere ausschließlich schächten, kurz als ob die Freiheit und Gleichheit aller Bürger in ihren Grundvesten bedroht wäre, wenn Hinz seinen Ochsen durch Halsschnitt tödten und Kunz ihn durch Kopfschläge zn Boden strekt! Was verblendete Thierschutz-Bestrebungen den Thieren gegenüber anstreben, die Thiere vor dem Schächten durch Kopfschläge zu betäuben, das möchten in ihrem Sinne die Antisemiten der öffentlichen Meinung gegenüber zu Wege bringen. — Das Schächten steht auf der Tagesordnung; bevor es vorgenommen wird, sollen die Köpfe der Wortführer betäubt werden, wenn auch nicht durch Kopfschläge, so doch durch der Wahrheit versetzte Faustschläge, durch hohle Phrasen, dreiste Lügen und mit den anderen sattsam bekannten Mitteln und Mittelchen — deshalb sind die Schächtlügner eifriger als sonst bei der Arbeit; aber die Wahrheit wird sich mit Gottes Hilfe auch dtesesmal stärker als die Lüge erweisen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Die abermalige Verurtheilung Ahlwardt's zu dreimonatlicher Gefängnißstrafe wegen Beleidigung des preußischen Beamtenstandes ist das einzige politisch bemerkenswerthe Ereigniß, das von gestern aus Berlin zu melden ist. Ahlwardt hatte in einem öffentlichen Vortrage, den er am 29. Okt. 1891 in Essen hielt, über das Judenthum in der Justiz gesprochen und gesagt, der Beamtenstand sei durch die Juden corrumpirt; etwa sechzig Percent der Beamten seien verschuldet, und um je höher ein Beamter stehe, um so unwürdiger sei er oft dieser Stellung in Folge jüdischen Einflusses. Derjenige, der nicht heutzutage einen Sack voll Geld habe, sei rechtlos, ein Jude könne schwere Verbrechen begehen, die Justiz sei in solchem Falle blind; ein armer Junge aber, der ein Brot stehle, werde unfehlbar zur Verantwortung gezogen. Wegen dieser Aeußerungen war die Anklage erfolgt. Nachdem Ahlwardt durch Stellung neuer Anträge mehrere Termine zur Vertagung gebracht hatte, wurde er im Juni vorigen Jahres von der zweiten Strafkammer des Berliner Landgerichtes I für schuldig befunden und zu einer Gefängnißstrafe von drei Monaten verurtheilt. Hiergegen legte er Revision ein; einer der von ihm erhobenen Einwände wurde auch vom Reichsgerichte als zutreffend erachtet und bewirkte, daß das erste Nrtheil aufgehoben und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die erste Instanz zurückgewiesen wurde. Das zweite Urthetl von gestern erneuert lediglich dasjenige der ersten Instanz. München, 2. Mai. Der Finanzausschuß der Kammer der Abgeordneten berieth in seiner heutigen Sitzung über eine Petition der bayerischen Rabbiner um Regelung ihrer Einkommensverhältnisse. In längerer Rede geht Referent Dr. Daller auf den Inhalt der Petition ein und ersucht zunächst um Aeußerung seitens der Staatsregierung. Bevor dies von dem Minister geschieht, nimmt zunächst das Wort der Abgeordnete Landmann, welcher auf Grund seiner Kenntnitz der einschlägigen Verhältnisse den Nothstand, welcher insbesondere bei den Rabbinaten auf dem Lande zu Tage tritt, schildert. In warmen Worten nimmt sich Redner der Petenten an, erinnert daran, daß er schon in früherer Session auf die mißliche Lage hingewiesen und Abhilfe erbeten habe; insbesondere sei der Umstand in'S Auge zu fassen, daß die israelitischen Landgemeinden sich stets mehr entvölkern, der Zuzug Wohlhabender nach den Städten mindert stets mehr dar Einkommen der Landrabbiner. Ob die Petiten, wie solche in der Petition vorgebracht sind, staatsrechtlich durchführbar, wolle er nicht entscheiden, die Hauptsache sei, daß etwas geschehe; schließlich beantragt Abg. Landmann die im Budget vorgesehene Dotation von 14,000 auf 19,000 Mk. zu erhöhen, um der Regierung die Möglichkeit zu geben, durch geeignete Maßregeln dem Nothstande zu steuern. — In ausführlicher Rede schließt sich den Aeutzerungen Landmann's der Abg. Maison an. Er hebt hervor, wie er betrübend sei, wenn Seelsorger, welche lange Jahre ihrer Ausbildung widmeten, wenn Leute mit akademischer Bildung in so bedrückten Verhältnissen sich befinden, um selbst in einzelnen Fällen mit bitterer Roth kämpfen zu müssen. Er anerkennt, daß die Rabbinate in großen Städten sehr auskömmliche, ja reichliche Einnahmen haben; desto schlimmer sei der größte Theil der Landrabbiner daran. In bewegenden Worten schildert Redner die einschlägigen Verhältnisse, verweist auf die segensreiche Thätigkeit der Rabbiner und hält es für absolut nothwendig, daß zur Linderung der Nothlage etwas geschähe und bald geschähe. Ob das an der Hand der Petiten oder in der von den Petenten gewünschten Form erfolgen könne, möchte er nicht behaupten. Er glaube nicht, daß die Verhältnisse zwischen protestantischen Geistlichen und Rabbinern staatsrechtlich gleichgelagert seien, so daß wohl kaum die erbetene Norm der Gleichstellung Platz greifen werde. Die Hauptsache aber sei, daß Hilfe gereicht werde. Er sei überzeugt, daß der Wunsch, die notorischen Nothstände abzustellen, im Ausschüsse allgemein herrsche; und wenn auch dem Wunsche der Petenten: die Erübrigungen aus früheren Finanzperioden aus den für den Israelitischen Kultur bewilligten 14,000 Mark einer zu gründenden Penstons- und ReliktenunterstützungSkafse der Rabbiner zuzuweisen, auS budgetrechnerischen und staatsrechtlichen Gründen nicht willfahrt werden könne, so lasse sich für das Dringendste vielleicht in der Weise helfen, daß man eine Summe von etwa 5000 Mk. theils behufs Unterstützung der PenstonSkaffe, welche seines Wissens nunmehr begründet sei, zuwende, theilS zu Sustentationen benütze. Minister Dr. v. Mu l ler gibt einen geschichtlichen Rückblick über die Angelegenheit, erinnert an die Bemühungen der Abgeorneten Frankenburger und schildert die mißlichen Verhältnisse, welche vielfach auf dem Lande existiren. In manchen Rabbinaten erreiche dar Gesammteinkommen der Rabbiner nicht 1800 Mk. Er anerkennt den von den Vor-

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